Grundig: Max-Grundig-Klinik: Erinnerung an einen Wirtschaftswunder-Helden

Grundig: Max-Grundig-Klinik: Erinnerung an einen Wirtschaftswunder-Helden

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Max-Grundig-Klinik: Das einzige Leiden, das hier noch therapiert wird, ist die Langeweile

Die Max-Grundig-Klinik ist die letzte Erinnerung an einen der großen Helden der Wirtschaftswunder-Ära. Ein Blick in eine Herberge vom Allerfeinsten.

Über den Wipfeln des Schwarzwaldes, 800 Meter oberhalb von Baden-Baden, liegt das letzte große Werk des 1989 verstorbenen Radio- und Fernsehunternehmers Max Grundig. Der Bau, ausladend wie eine seiner Musiktruhen aus den späten Fünfzigerjahren, ist alles, was in Deutschland noch an den Unternehmer des Wirtschaftswunders erinnert. Der Grundig-Konzern, der einst 40.000 Menschen beschäftigte, ist an das türkische Unternehmen Koç verkauft, Grundig wurde zu einer Marke aus Istanbul. In Nachbarschaft zum Schlosshotel Bühlerhöhe erhebt sich der Rest, der von Grundig in Deutschland geblieben ist: die Max-Grundig-Klinik.

Das Luxushospital im Besitz der Grundig-Stiftung öffnete seine Pforten vor 20 Jahren. Das bietet Anlass zum Feiern sowie die rare Gelegenheit zum Einblick in eine Welt, in der Top-Manager und Fußballstars verkehren, wo der Chefarzt seine Patienten „Schatzkästchen“ nennt, wo Diskussionen über profane Dinge wie die Gesundheitsreform fern erscheinen.

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In diesem Herbsttag gibt sich in der Max-Grundig-Klinik die Unternehmerwitwe Chantal die Ehre – um gleich nach dem Ständchen wieder zu verschwinden. Zwei Musiker spielen Brahms – so sauber, als kämen die Klänge direkt aus dem stoffbespannten Lautsprecher des „Zauberspiegels“, Grundigs erstem Fernsehgerät. Danach hält ein Schweizer Philosoph einen Festvortrag zum „Thema Glück“. Und der Ärztliche Direktor schwärmt über die „luxushotelartige Unterbringung“ seiner Patienten; er preist das „Vermächtnis von Grundig“: dem Kranken nicht nur versiert, sondern respektvoll gegenüberzutreten.

"Anspruch auf Klasse"

Internist Professor Jörg Fischer, in seiner Laufbahn vorher Chefarzt vieler Krankenhäuser, Krebsforscher in Texas und San Francisco, steht hier keinem Armenhospital vor. Dem „Anspruch auf Klasse“ fühlt er sich verpflichtet. Max Grundig, Sohn eines Lagerarbeiters, hätte es hinter der Ladentheke seines Radiogeschäfts, das er 1930 in Fürth gründete und nach dem Krieg zu einem Konzern mit Kult-Radios der Marken „Heinzelmann“ und „Boy“ ausbaute, viel spröder formuliert: Hier braucht man richtig Geld, um zu gesunden.

Max Grundigs Spuren sind überall im Haus zu finden – Fotos von Halbgöttern in Weiß, die Spalier standen, wenn der Alte aus Fürth vorbeischaute und in seine Suite im obersten Stockwerk entschwand. Dort hängen die Ölgemälde aus seiner Sammlung – Frauen nach Rubens-Art, mit beträchtlicher Ober- und Beckenweite, natürlich entblößt. „Das musste sein, wenn Grundig ein Bild gefallen sollte“, sagt der Chefarzt, der seine Hausführung im ironisch-abgeklärten Unterton macht und die Balkontür öffnet, um die „kristalline Bergluft“ hereinzulassen.

Im cremefarbenen Gemach des Professors endet der Rundgang der Gäste durch die Klinik. Fischer parliert über die „typischen Patienten“ auf der Bühlerhöhe: betuchte Magnaten, Unternehmer, Top-Manager, Sportler, Regierungschefs, vornehmlich aus den GUS-Staaten. Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko ließ sich hier schon behandeln, auch der ehemalige russische Wirtschaftsminister German Gref ist da gewesen. Der britische Fußballer David Beckham ließ sich unter den Kernspintomografen legen, der hier eher wie ein Sofa mit Rundblick aussieht. Als schnöde Röhre, wie sie Patienten mit Platzangst so fürchten, gibt es den Tomografen in Krankenanstalten, die anders als die Bühlerhöhe unter Kostendruck stehen. Hier tragen die Ärzte zu besonderen Anlässen wie heute Nadelstreifanzüge unter dem Kittel.

„Wir sind kein Sanatorium“, sagt Chefarzt Fischer und faltet die Hände. „Hier wird richtig innere Medizin betrieben – aber gemütlich wollen wir es schon haben.“ Er beschreibt die Gefühle eines typischen Patienten auf der Bühlerhöhe: „Irgendwo im Ruhrgebiet hat er ein Krankenhaus von Weitem gesehen und ist ausgebüchst. Dann lässt er sich von seiner Frau in seinem Jaguar hier herauffahren, und wir stellen fest, er hat ja noch Schilddrüsenüberfunktion, hohe Cholesterinwerte oder, oder.“ Die Behandlung ist teuer. Dass „solche Persönlichkeiten für die Klinik wahre Schatzkästchen“ sind, meint Fischer wörtlich.

Ein Leiden, das auch er noch nicht therapieren kann, ist Langeweile. Die Ruhe des Bergs kann sich hier zur inneren Leere verschlimmern. Aber Professor Fischer arbeitet längst daran: Er will eine Gesellschafterin engagieren, die „kultivierte Unterhaltung“ bietet. Wenn nach dem À-la-carte-Essen im altrosafarbenen Klinik-Restaurant der Abend hereinbricht, drängt sich eine von Grundigs Erkenntnissen über das Leben geradezu auf: „Wenn der Mensch gar nichts mehr tun kann, ist er praktisch tot.“

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