100 Prozent Grupp: Deutschland ist Karstadt-krank

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kolumne100 Prozent Grupp: Deutschland ist Karstadt-krank

Kolumne von Wolfgang Grupp

Der Niedergang des einstigen Renommee-Kaufhauses Karstadt ist ein Lehrstück über Manager und Führungskräfte, die nicht für die negativen Folgen ihrer Entscheidungen haften müssen.

Die Lage wird immer trüber: Vier Karstadt-Häuser sollen geschlossen werden. Eine noch nicht näher bezeichnete Anzahl Filialen steht auf der Kippe. Die Beschäftigten sollen weiterhin unter dem üblichen Tarif im Einzelhandel bezahlt werden. Die Spekulationen, dass Karstadt mit Kaufhof fusionieren und am Ende untergehen könnte, reißen nicht ab.

Es ist nicht die Zeit, darüber zu richten, wer wann welche Fehlentscheidungen getroffen hat. Dafür ist es zu spät. Gleichwohl wäre es verfrüht, das Kapitel Karstadt abzuschließen. Denn es steht für ein ungelöstes Problem in unserer Gesellschaft, das uns immer wieder beschäftigen wird. Auf der einen Seite sehen wir Manager und Akteure, die mit ihren Entscheidungen Karstadt in die jetzige Lage gebracht haben, selbst aber fein heraus sind und deren sicher hohe Gehälter unangetastet blieben.

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Karstadt Benko bemüht sich offenbar um Kaufhof

Der neue Karstadt-Eigner Benko hat sich mit Metro-Manager Baier getroffen. Dabei soll es um eine mögliche Fusion von Kaufhof und Karstadt gegangen sein.

Karstadt-Fahnen wehen vor der Hauptverwaltung in Essen. Der neue Chef plant Umstrukturierungen für die Mitarbeiter. Quelle: dpa

Auf der anderen Seite bleiben diejenigen zurück, die für den Schaden aufkommen müssen. Das sind die Gläubiger, die Millionen verloren haben; die Mitarbeiter, die den Job verloren haben oder weniger verdienen; die Steuer- und Beitragszahler, die für die sozialen Folgen aufkommen müssen; und die Kommunen, die durch den Verlust ihrer Karstadt-Filiale die Verwaisung der Innenstadt erleben.

Andere erfolgreiche Handelsunternehmen zeigten, welche Chancen Karstadt über die Jahre verpasst hat, obwohl das Unternehmen in den besten Lagen der deutschen Städte vertreten war. Auch ich und Trigema mussten den Wandel der Märkte erkennen, um die Arbeitsplätze zu sichern und das Unternehmen bis heute erfolgreich zu führen.

Karstadt hat viele Chancen verpasst

Den Trend zu Shoppingmalls – verschlafen; den Trend zum Internet – verschlafen; zuvor den Trend zu den Discountern – verschlafen; und noch früher den Trend zu den SB-Märkten – ebenfalls verschlafen. Die Zeiten, als ich noch vor meinen Augen den roten Teppich für die Einkäufer von Karstadt ausrollte, wirken heute wie die Erinnerung an einen wertvollen Wein, den sein Besitzer über die Jahre durch falsche Behandlung und Lagerung vergammeln ließ.

Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Allein dank der Immobilien hätten Karstadt alle Türen offen gestanden, den Wandel in den Märkten mit zu machen. Stattdessen versagte das Management auf der ganzen Linie und hinterließ ein Lehrstück, was passiert, wenn es der Marktwirtschaft an einem zentralen Element mangelt: an der persönlichen Haftung für Fehler.

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