Amazon-Chef im Interview: "Glatteis bereitet uns mehr Kopfzerbrechen als Verdi-Aktionen"

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Amazon-Chef im Interview: "Glatteis bereitet uns mehr Kopfzerbrechen als Verdi-Aktionen"

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Ralf Kleber im Interview

von Henryk Hielscher

Ralf Kleber, Deutschlandchef von Amazon, will Flüchtlingen Jobs anbieten, die Gewerkschaft Verdi auf Abstand halten und irgendwann auch frisches Obst und Gemüse über die Plattform verkaufen. Nur bei einem Produkt schwört der Manager weiterhin auf Offline-Angebote.

WirtschaftsWoche: Herr Kleber, Ihre Tochter geht noch zur Schule. Können Sie Ihr heute guten Gewissens empfehlen, eine Karriere im klassischen Einzelhandel zu starten?

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Ralf Kleber: Meine Erfahrungen im stationären Handel waren toll. Ich hab bei dem Schuhhändler Reno und dem Modeunternehmer Escada gearbeitet, bevor ich zu Amazon kam. Im Einzelhandel kann man extrem viel lernen.

Dann liegt Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer falsch? Er hält Läden für ein Relikt des Mittelalters, „sie wurden gebaut, weil es kein Internet gab.“

Ich glaube nicht an eine Welt ohne Läden. Sicher wird es einige Läden übermorgen nicht mehr geben, in denen wir heute und gestern immer eingekauft haben. Aber es entsteht auch viel Neues: So haben zum Beispiel externe Händler, die ihre Produkte über Amazon verkaufen, Tausende Arbeitsplätze geschaffen. Das sind Jobs, die es früher so nicht gab.

Amazon Marketplace Mit Amazon die Welt erobern

Auf dem Marketplace lockt Amazon kleine Händler mit enormer Reichweite und hohen Umsätzen. Doch das Geschäft mit den Marktplätzen ist schnell und rau. Für die Anbieter kann das Angebot zur Falle werden.

Amazons Expansionspläne für Marketplace-Anbieter. Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Reicht das Online-Wachstum aus, um den Offline-Schwund zu kompensieren?

Gegenfrage: Geht es Deutschland denn schlecht? Natürlich arbeiten wir in einer Gesellschaft, die sich wandelt. Aber das war doch schon immer so. Und ich habe nicht das Gefühl, dass die deutsche Wirtschaft dabei chancenlos ist und keine Erfolge vorweisen kann. Es ist keine überraschende Erkenntnis, dass es bei großen Veränderungen immer Gewinner und Verlierer gibt. Ich bin hier, um dafür zu sorgen, dass Amazon auf der Gewinnerseite steht.

Gerade haben Sie ein Angebot namens Pantry für die Bestellung haltbarer Lebensmittel und Drogerieartikel gestartet. Wann bieten Sie Amazon Fresh in Deutschland an, ihren Lieferdienst für frische Lebensmittel?

Das ist die beliebte Frage: Was kommt als nächstes bei Amazon. Wir halten uns da immer sehr bedeckt, denn es macht keinen Sinn, etwas anzukündigen, bevor unsere Kunden es auch ausprobieren können. Nur so viel: Unser Grundziel ist es, irgendwann alle Produkte anzubieten, die nachgefragt werden. Es ist also letztlich nur eine Frage der Zeit, bis Sie auch Obst und Gemüse bei Amazon bestellen können.

Amazons Logistik-Netz in Deutschland

  • Logistikzentren

    In Deutschland hat Amazon bislang neun Logistikzentren an acht Standorten: In Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld mit zwei Logistikzentren, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Koblenz und Brieselang.

  • Mitarbeiter

    Mehr als 9.000 Festangestellte aus über 100 Nationen. In der Weihnachtszeit kommen nach Angaben des Konzerns 10.000 weitere Saisonkräfte hinzu.

  • Logistik-Gesamtfläche

    860.000 Quadratmeter (120,5 Fußballfelder) mit einer Lagerkapazität von mehr als 3 Mio. m³.

  • Spitzen-Bestelltag

    Am 15.12.2013 verzeichnete Amazon.de 4,6 Mio. Kundenbestellungen. Das waren 53 pro Sekunde.

Gibt es etwas, dass Sie persönlich nicht online kaufen würden?

Eine Sache gibt es tatsächlich: Leberkäs. Den hol ich mir am liebsten beim Lebensmittelhändler bei mir um die Ecke, bei dem ich schon seit 15 Jahren einkaufe.

Welche Folgen haben der Siegeszug des E-Commerce und die Digitalisierung für die Arbeitswelt?

Produzenten und Konsumenten, Händler und Kunden werden immer stärker verschmelzen. Diese Entwicklung wird uns in den kommenden Jahren beschäftigen. Die ersten Ansätze sind schon sichtbar. Beim Kurznachrichtendienst Twitter generieren die Leute ihre Nachrichten, bei Youtube zeigen sie ihre Videos, über 3-D-Drucker werden sie zu Designern. Was gibt es Schöneres, als Dinge zu verändern und voranzutreiben? Da stehen wir erst am Anfang – womöglich auch eines ganz neuen Unternehmertums.

Wie will Amazon davon profitieren?

Das tun wir heute schon. Eine Kernfunktion von Amazon ist nicht mehr nur der reine Verkauf von Ware, sondern das Bereitstellen von Infrastruktur. Autoren werden über uns zu Verlegern, Händler nutzen unseren Marktplatz, um neue Kunden zu erreichen und Start-ups greifen auf unsere Rechenkapazitäten zurück oder kaufen Logistikdienstleistungen bei uns ein. Wenn Sie etwa einen Online-Shop für Dirndl starten wollen, brauchen sie kein Lager mehr, sondern können direkt über unsere Plattform verkaufen, wir wickeln gegen Gebühr den Rest ab.

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