Amazon: Frankreich übt sich als Zuchtmeister

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Amazon: Frankreich übt sich als Zuchtmeister

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Der Amazon-Standort in Leipzig (Sachsen), aufgenommen am 17.06.2013. Frankreich verbietet dem Unternehmen nun den kostenlosen Versand reduzierter Bücher.

von Karin Finkenzeller

Verbote für Amazon, Strafen für Unternehmer und eine Verbalattacke gegen unfaire Konkurrenz aus Deutschland - Paris sucht Schuldige für das eigene Versagen.

Das Votum fiel einstimmig. Das ist bemerkenswert im französischen Abgeordnetenhaus, wo die Sozialisten der amtierenden Regierung und konservative Opposition normalerweise kein gutes Haar aneinander lassen. Doch der gemeinsame außerparlamentarische Feind war diesmal schnell identifiziert: Amazon heißt er. Dass der US-Internethändler den heimischen Buchläden mit seiner Preispolitik das Wasser abgräbt und deshalb in die Schranken gewiesen werden muss, war ein Gesetzesvorstoß der Konservativen, dem sich die Sozialisten nach einigen Verschärfungen des Textes gerne anschlossen.

Stimmt demnächst auch noch die zweite Kammer, der Senat, wie erwartet zu, darf Amazon mit Hinweis auf die seit 1981 in Frankreich geltende Buchpreisbindung bereits herunter gesetzte Bücher nicht auch noch kostenlos verschicken. Bisher werden die zulässigen Rabatte von maximal fünf Prozent auf Bücher mit dem Erlass der Versandgebühren kombiniert.

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Ob das Verbot den Siegeszug des traditionellen Buchhandels einleitet, darf bezweifelt werden. Wahr ist, dass vor allem viele der kleineren Läden wie in Deutschland auch seit Jahren unter dem Trend hin zu Online-Bestellungen leiden. Für sie ist es zu kostspielig, ein eigenes Versandsystem aufzubauen. Der französische Buchhandelsverband SLF kam mit seiner Online-Plattform 1001libraires.com viel zu spät, als Amazon oder die französische Handelskette Fnac längst im Internet etabliert waren. Der SLF versäumte es, weiter reichende Dienstleistungen als die Konkurrenz anzubieten, und sich damit ein Alleinstellungsmerkmal zu sichern. Wenig überraschend schloss die Website 2012 nach nur 18 Monaten.

Was die Parlamentarier zudem außer Acht ließen, ist, dass nicht nur Amazon seine Bücher künftig teurer anbieten muss. Auch Fnac oder die mit jährlich rund 6 Millionen verkauften Büchern französische Nummer 3 des Internet-Buchhandels, Decitre, werden von der Maßnahme betroffen und sind entsprechend wenig angetan. Denn das Problem des oft kritisierten unlauteren Wettbewerbs durch den US-Riesen liegt nicht in den jetzt im Parlament lauthals beschimpften angeblichen Dumpingpreisen begründet. Wer nicht gerade die gesammelten Werke des zu Lebzeiten fleißigen Schreibers Honoré de Balzac bestellt, zahlt in der Regel weniger als drei Euro Porto.

Keine Steuern sind schuld

Der Missverhältnis entsteht vielmehr dadurch, dass Amazon durch geschickte Buchhaltung in Frankreich so gut wie keine Steuern zahlt. Doch daran rührten die Abgeordneten nicht.

Das Parlamentsvotum unterstreicht nur einmal mehr die französische Lust an Verboten, staatlicher Regulierung und der Suche nach einem Schuldigen außerhalb des eigenen Verantwortungsbereichs. Davon gab es in dieser Woche Beispiele satt: So brachte die sozialistische Regierung auch ein Gesetz auf den Weg, das Unternehmen im Fall der Schließung noch als rentabel eingestufter Fabriken bestraft. Pro entlassenem Arbeiter drohen dann Bußgelder in Höhe des zwanzigfachen Mindestlohns von 1430 Euro. Und a propos Mindestlohn: Es ist natürlich das Fehlen desselben in Deutschland, weshalb Frankreichs Wirtschaft mit "unfairer Konkurrenz" konfrontiert wird.

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So sah es zumindest Industrieminister Arnaud Montebourg in seiner Verbalattacke zum Jubiläum der deutschen Einheit. Man mag sich beinahe wünschen, dass die Koalitionsverhandlungen in Berlin mit der Einführung eines Mindestlohns enden, um ihm und anderen die Kurzsichtigkeit eines solchen Arguments vor Augen zu führen.

Erstaunlich ist, dass die Franzosen von klein auf in keinster Weise dazu erzogen werden, den Schwächsten als Maßstab zu betrachten. Schon im Kindergarten werden Dreijährige darauf trainiert, verantwortungsvolle Bürger einer Gemeinschaft zu sein. Mit Bauklötzen in der Ecke vor sich hin zu pusseln, kommt nicht in Frage. Stattdessen werden Gedichte auswendig gelernt und Zahlen eingeübt. Grundschüler, die nach dem ersten halben Jahr Musikunterricht stolz "Bruder Jakob" auf dem Klavier klimpern können, müssen sich niederbügeln lassen, weil dem Spiel "Charakter" fehle. Karriere macht meist nur, wer es auf eine der Elite-Universitäten schafft. Aber wenn es Ernst wird, hebt Vater Staat seine schützende Hand. Wozu dann vorher die ganze Schinderei?

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