Amazon Fresh: Wie Amazon die Online-Supermärkte herausfordert

Amazon Fresh: Wie Amazon die Online-Supermärkte herausfordert

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In den USA fährt Amazon Fresh mit eigenen Kühltransportern durch die Straßen. Schon bald könnten die grünen Trucks auch in Deutschland zu sehen sein.

von Stephan Happel und Jacqueline Goebel

Mit seinem Dienst „Fresh“ startet Amazon den nächsten Eroberungszug in Europa. Vor allem mit seinem Lebensmitteldienst könnte der Online-Riese die Branche aufmischen. Der Start in Deutschland ist nur eine Frage der Zeit.

Die grünen Trucks gehören in San Fransicso längst zum Stadtbild. Sie kurven die hügeligen Straße der Metropole an der US-Westküste rauf und runter. Im Gepäck: Tomaten, Nudeln, Fleisch, Klopapier. Und alles andere, was die hart arbeitende Bevölkerung der Großstadt und des Silicon Valleys nach Feierabend benötigt.

Nun bringt Amazon seinen Dienst nach Europa: In Italien hat der Online-Gigant bereits einen Lebensmittel-Lieferdienst gestartet, Großbritannien und Deutschland sollen bald folgen. Doch bisher halten sich die Deutschen beim Online-Kauf von Lebensmitteln zurück. Kann Amazon das ändern? Und was bedeutet das für die Supermarktketten und Start-ups, die heute schon Lebensmittel-Lieferdienste anbieten?

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Die WirtschaftsWoche beantwortet die wichtigsten Fragen:


Was macht Amazon Fresh eigentlich?

Lebensmittel ausliefern. Und zwar nicht nur Wein, Nüsschen und Dörrobst wie das normale Amazon, sondern auch frische Produkte: Salat, Eier, Fisch, Fleisch. In Seattle, der Heimatstadt des Konzerns, gibt es den Service bereits seit 2007. Auch in Los Angeles, San Francisco, San Diego, New York, Philadelphia und New Jersey sind die grünen Trucks von Amazon unterwegs. Nächstes Ziel: Europa.


Warum sorgen die Pläne für Wirbel?

Weil der Lebensmittelhandel im Netz in Deutschland noch ein Nischenbereich ist. Nur 1,2 Prozent ihrer Lebensmittel bestellen die Deutschen bislang im Internet, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des handelsnahen Forschungsinstituts EHI. Große Anbieter gibt es kaum, die meisten Online-Supermärkte liefern nur in Ballungsräume. „Die meisten Menschen haben online noch gar nicht die Möglichkeit, ihren Wocheneinkauf zu erledigen“, sagt EHI-Forscher Lars Hofacker. „Sie müssen auf jeden Fall ins Geschäft gehen.“

Das sind Amazons nächste Projekte

  • Einkaufsliste per Knopfdruck

    Unter Amazon Dash versteht der Internetkonzern eine Art Einkaufsliste auf Knopfdruck. Die kleinen Aufkleber mit Taste können die Kunden einfach im Haus an das Waschmittel oder an das Hundefutter kleben - und wenn die Packung leer ist, per Knopfdruck schnell bei Amazon eine neue bestellen. Bisher ist der Service nur für Kunden des Premiumdienstes Amazon Prime in den USA und in Großbritannien erhältlich - für 4,99 US-Dollar je Button.

  • Marktplatz für Selbstgemachtes

    Mit "Amazon Handmade" macht der Online-Händler Anbietern wie Etsy oder DaWanda Konkurrenz. Auf dem Marktplatz will Amazon Künstler und Bastler versammeln, die individualisierbare Produkte verkaufen: Selbstgeschneiderte Kleider und Taschen, Schmuck, Armbänder, Möbel. Die Plattform befindet sich in den USA noch im Aufbau. Wer dort verkaufen will, kann sich jetzt schon bewerben. Allerdings kostet ein professioneller Verkäufer-Account knapp 40 Dollar im Monat, und Amazon will bei jeder Bestellung zwölf Prozent Provision einstreichen. Bei anderen Plattformen sind diese Konditionen weitaus günstiger für die Verkäufer - allerdings erreichen sie dort wahrscheinlich nicht so viele Kunden. Ob und wann Amazon Handmade auch nach Deutschland kommen soll, ist nicht bekannt.

  • Plattform für Handwerker

    Über seine Plattform "Amazon Home Service" vernetzt der Online-Händler in den USA Techniker, Handwerker und Trainer mit seinen Kunden in den Großstädten. Wer bei Amazon einen neuen Fernseher kauft, kann also gleich einen Techniker beauftragen, der den Fernseher anschließt und einrichtet. Auch Yoga-Stunden und Gitarren-Lehrer lassen sich über die Plattform buchen. Bis zum Jahresende will Amazons einen Service in 30 amerikanischen Großstädten anbieten.

  • Ein Lkw voller Schätze

    In der Amazon-Heimatstadt Seattle fährt seit diesem Sommer der "Treasure Truck" - ein Lkw, vollgeladen mit Sonderangeboten. Kunden können die Waren auf dem Truck per App bestellen und direkt liefern lassen - zum Beispiel ein Surfboard für den Preis von 99 Dollar anstatt den üblichen 499 Dollar.

  • Musik-Streaming

    Prime Music ist der Musik-Streamingdienst von Amazon, eine Konkurrenz zu Spotify oder Apple. Wer Mitglied beim Amazon Premiumdienst Prime ist, kann den Service in den USA und auch in Großbritannien ohne Zusatzkosten nutzen. Allerdings verfügt Amazon bisher nur über eine Bibliothek von etwa einer Millionen Songs.

  • Eigene Serien, Filme und Video-Spiele

    Amazon begnügt sich schon lange nicht mehr, Medien zu verkaufen - der Online-Händler produziert sie mittlerweile auch selbst. Über seinen Streamingdienst zum Beispiel hat Amazon die ersten Folgen der Serie "The Man in the High Castle" veröffentlicht. Darin geht es um die Frage: Wie würde die Welt aussehen, wenn die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Auch einen eigenen Kinofilm mit dem Titel "Elvis & Nixon" produziert Amazon. Was danach kommt? Wahrscheinlich ein eigenes Videospiel. Laut Medienberichten hat Amazon Entwickler von bekannten Spielen wie World of Warcraft oder Halo verpflichtet.

Dass das auf Dauer so bleibt, glaubt kaum jemand. „Irgendwann aber kommt ein Händler, der es richtig gut macht und viel Geld investiert“, mahnt EHI-Experte Hofacker. „Und dass kann die Branche umkrempeln.“ Amazon hat das Potenzial dazu – der Konzern gilt ohnehin als Einzelhandels-Killer. Buch- und Elektronikhändler verfluchen es, Chef-Onlinehändler Jeff Bezos in seinen Anfangsjahren belächelt zu haben.


Wo liefert Amazon Fresh denn in Europa aus?

In Europa gibt es den Service bisher nur in Italien – in einer Light-Variante. „Unser neuer Lebensmittel-Laden ist 24 Stunden an sieben Tagen die Woche erreichbar“, sagt Francois Nuyts, Länderchef für Spanien und Italien. Rund 1.000 Produkte liefert der italienische Ableger nach eigenen Angaben aus, vor allem regionale Marken wie die Nudeln und Saucen von Barilla. Wer bei Amazon bestellt, erhält seine Lieferung innerhalb der nächsten 24 Stunden, in Mailand sogar noch am gleichen Tag. Allerdings ist der Service schlechter als in den USA: Frische Lebensmittel liefert Amazon in Italien nicht. Wer Salat und Eier braucht, muss also trotzdem weiter zum nächsten Supermarkt laufen.

Größer – und entscheidender – wird wohl der Start des Dienstes in Großbritannien ausfallen. Und der wird noch in diesem September erwartet. Branchenmedien berichten unter anderem, dass das Unternehmen bereits ein Lebensmittellager vor London angemietet hat – Kühlmöglichkeiten inklusive.

Das sind die Angebote der Online-Supermärkte

  • Allyouneed.de

    Allyouneed Fresh ist der Online-Supermarkt der Deutschen Post DHL. Der Shop ist übersichtlich und auch bei seinen Produkten sehr günstig, allerdings gibt es keine Tiefkühlwaren im Angebot. Kompliziert wird es hingegen, wenn der Kunde einen Wunschtermin angeben will: Das geht nur in bestimmten Regionen und wenn keine Lebensmittel mit niedriger Haltbarkeit auf der Liste stehen.

    Die Versandkosten betragen 4,90 Euro. Wer frische Lebensmittel bestellt, muss noch mal den gleichen Betrag zusätzlich zahlen - es sei denn, er nutzt den Kurierservice, den es allerdings nur in ausgewählten Städten gibt. Ab 40 Euro Einkaufswert fallen die Liefergebühren weg. Dass die Einkäufe in der Regel mit einem Paketkurier ausgeliefert werden, hat allerdings seine Folgen: Im Test von Chip.de kam das Obst zerquetscht an, die Schokolade war zerlaufen.

    Quelle: Allyouneedfresh.de / Chip.de

  • Bringmeister.de

    Bringmeister.de ist der Lieferservice der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann. Allerdings stellt der Online-Supermarkt bisher nur in Berlin und München am selben Tag zu. Dafür punktet der Shop mit seiner Übersichtlichkeit und den genauen Zustellzeiten.

    Die Preise sind etwas höher als im Laden, dafür liegt der Mindesteinkaufswert nur bei 15 Euro. Die Versandgebühr beträgt zwischen 4,44 und 5,55 Euro.

    Quelle: Bringmeister.de / Chip.de

  • mytime.de

    Der Online-Supermarkt mytime.de liefert nicht mit eigenen Kurieren, sondern per DHL - dafür gibt es den Service im gesamten Bundesgebiet. In Ballungsgebieten gibt mytime.de genaue Lieferzeiten an und bietet auch eine Zustellung nach Feierabend an. Außerdem punktet der Service mit umfangreichen Informationen, zum Beispiel, wenn ein Produkt auf der Liste vergriffen ist.

    Allerdings ist mytime.de vergleichsweise teuer: 4,99 Euro kostet es, wenn auch frische Lebensmittel in der Lieferung enthalten ist. Die werden in speziellen Styropor-Boxen geliefert, für die 5 Euro Pfand pro Box verlangt werden. Die müssen die Kunden dann auch selbst wieder zurückschicken - das macht beinahe genauso viel Aufwand wie der Gang zum Supermarkt. Wer einen Wunschtermin angibt, muss weitere 2,99 Euro oben drauf legen. Ab 65 Euro Einkaufswert ist die Bestellung allerdings versandkostenfrei.

    Quelle: mytime.de / Chip.de

  • Rewe Online

    Das Angebot von Rewe Online hat bei vielen Tests am besten abgeschnitten - auch bei einer Untersuchung von Chip.de im Juni 2015. Der Online-Supermarkt überzeugt durch ein großes Angebot und eine eigene Zustellung in vielen Städten. Dadurch können die Kunden auch Zeitfenster auswählen, in denen sie ihre Einkäufe erhalten wollen.

    Die Preise liegen auf dem gleichen Niveau wie in den Läden von Rewe. Die Liefergebühren liegen zwischen 2,90 und 4,90 Euro, die ersten Lieferungen sind sogar kostenfrei. Allerdings liegt der Mindestbestellwert bei 40 Euro.

    Quelle: Rewe Online / Chip.de


Und wann kommt der Dienst nach Deutschland?

Branchenkenner vermuten, dass der Service noch in diesem Herbst starten soll. Amazon selbst hält sich bedeckt. „Zu Gerüchten äußern wir uns nicht“, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage. „Wenn es da etwas gibt, werden wir es rechtzeitig vorstellen.“ Mit Aussagen wie dieser heizt Amazon die Spekulationen nur noch weiter an, denn sie sind reinste Werbung für den Dienst. Fest steht: Im Juli hat Amazon ein Unternehmen mit dem Namen „Logistik AF München“ in das Handelsregister eingetragen – das AF könnte für Amazon Fresh stehen.

Übrigens: Haltbare Lebensmittel, wie Nüsse, Tee, Nudeln oder Gewürze lassen sich auch jetzt schon bei Amazon bestellen. Rund 500.000 Produkte hat Amazon Deutschland nach Auskunft des Unternehmens im Angebot.

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