Amerika im Konsumrausch: Occupy Wal-Mart

Amerika im Konsumrausch: Occupy Wal-Mart

, aktualisiert 25. November 2011, 10:12 Uhr
von Nils RüdelQuelle:Handelsblatt Online

Die Weihnachts-Saison ist eröffnet: Am heutigen „Black Friday“ stürmen wieder Millionen Amerikaner die Läden. Ein Besuch bei Wal-Mart am größten Schnäppchen-Tag des Jahres.

Washington„Was hat der denn für ein Problem?“, schimpft Vicky. Sie macht „brrr“, verschränkt die Arme und zieht die Schultern hoch. „Der soll mal hinnemachen, es ist zehn Uhr durch, mir ist saukalt“. Vicky, groß, korpulent, steht in der Tiefkühl-Abteilung, links Pizza, rechts Erbsen, und ihre gelbe Weste deutet darauf hin, dass sie hier etwas zu sagen hat.

Doch der Mann, der fünf Meter weiter im Gang steht, achtet gar nicht auf sie. Er hat eine noch gelbere Weste an, sie leuchtet sogar, und er spricht lieber mit seinem Walkie Talkie. Jemal, so heißt er, hat heute eine wichtige Aufgabe: Er bewacht einen Stapel Spielekonsolen, Xbox 360 4GB, für 199,96 Dollar das Stück. Ein wahres Schnäppchen.

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Das macht ihn zum Hüter eines der größten Schätze des Abends. Gleich werden sie kommen, um ihn ihm zu entreißen. Sie, das ist die wartende Meute, die vor dem gelben Absperrband seit Stunden von einem Fuß auf den anderen wippt. Die ersten in der Schlange, das sagen ihre Blicke, haben im Geiste bereits Jemal zur Seite geschubst, die Xbox angeschlossen und losgedaddelt. Wehe, wenn sie losgelassen.

Es ist Donnerstag, Thanksgiving, kurz nach 22 Uhr, in der Wal-Mart-Filiale von Alexandria vor den Toren Washingtons. Soeben hat hier der „Black Friday“ begonnen, der größte Schnäppchentag Amerikas und der Startschuss fürs Weihnachtsgeschäft. Am diesem Abend stürmen Millionen Menschen im ganzen Land die Geschäfte, ob Best Buy, Target, K-Mart oder Macy’s. Immer auf der Jagd nach dem Superduper-Angebot.

Jedes Jahr dasselbe Spiel, und doch ist es dieses Mal anders. Bislang war der Thanksgiving-Donnerstag tabu, die Amerikaner sollten in Ruhe im Familienkreis ihren Truthahn tranchierten und sich erst am Freitag um fünf Uhr morgens in die Schlacht um die Schnäppchen stürzen. Dieses Jahr aber öffneten viele Handelsketten bereits am Donnerstagabend. Sie haben sich gegenseitig unterboten, jeder will die ersten Kunden haben.

Und so graben sich im Wal-Mart von Alexandria an diesem Abend die Menschen durch die Wühltische, kaum dass sie dem Herrgott für seine Gaben gedankt haben. Sie quälen sich durch die Gänge wie der gerade verspeiste Truthahn selig durchs Verdauungssystem. Wer hier zur Eingangstür hereinkommt, verspürt den sofortigen Drang, wieder umzukehren.


Händler erwarten mehr als 152 Millionen Kunden

„Hier, hier“, ruft eine Frau ihrem Mann zu. Der sucht gerade auf seinem Lageplan den weißen Plastik-Weihnachtsbaums für 128 Dollar und merkt nicht, wie er dabei fast von einer Hüpfburg überfahren wird, die in einem  Einkaufswagen steckt. Nebenan fällt ein Stapel eingeschweißter Kopfkissen um. Niemand nimmt Notiz, die Leute steigen einfach drüber oder kurven mit ihrem Einkaufswagen vorbei. Wer nicht schnell genug weiterdrängelt, bekommt ihn in die Hacken. Den Wagen lässt übrigens niemand aus den Augen. Jemand könnte ja den Schnäppchen-Superfernseher für 199,99 Dollar klauen, für den man drei Stunden angestanden hat.

„Es ist schon etwas schade um den Thanksgiving-Abend“, sagt eine kleine Frau um die 40, die ihren Wagen so vollgeladen hat, dass sie kaum noch sieht, wo sie hinsteuert. „Aber ich wollte unbedingt für meine Tochter die Spielzeugküche haben, und wenn ich schon mal da bin, hab ich gleich richtig eingekauft“.

Die Händler freut’s. Sie erwarten allein für das Wochenende 152 Millionen Kunden, zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr, so Zahlen des US-Einzelhandelsverbandes NRF. Und das trotz Jobkrise und unsicherer Zukunft. Für die Branche ist die Saison die wichtigste des Jahres: Bis zu 40 Prozent ihres gesamten Jahresumsatzes macht sie zwischen Thanksgiving und Weihnachten.

Angesichts des Gewusels bei Wal-Mart in Alexandria kann man sich das gut vorstellen. Auch nach Mitternacht geht es in dem gigantischen Laden noch zu wie auf einer Truthahnfarm. Die ersten Toiletten sind dem Ansturm nicht mehr gewachsen.

Wal-Mart hatte die Leute geschickt geködert. Die Filiale ist schon den ganzen Tag über geöffnet, die Superangebote aber waren weiträumig abgesperrt. Wer eine Chance haben wollte, musste sich von einer der gelben Westen eine Nummer geben lassen – und brav warten. So konnte Mutti den halben Laden leerkaufen, während Vati stundenlang die Stellung in der Schlange hielt, oder umgekehrt. Als um zehn Uhr dann die Flatterbänder fielen, war der Einkaufswagen voll.

So war zwar der schöne Thanksgiving-Tag hinüber. Aber immerhin hatten es die Schnäppchenjäger schön warm.

Die Kunden von Best Buy müssen da schon mehr einstecken. Ein paar Blocks die Straße hoch, vor einer Filiale des Elektronikriesen, stehen sie schon seit dem Nachmittag an, die Schlange ist gut 200 Meter lang. Manche haben ein Zelt dabei, andere schenken heißen Tee aus, zwei Jungs werfen sich einen Football zu.

Hier ist der Black Friday gerade so eben noch ein echter Black Friday: Der Laden macht erst um Mitternacht auf. In der neuen Zeitrechnung ist das eigentlich schon viel zu spät.

Quelle:  Handelsblatt Online
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