Arcandor-Prozess: Staatsanwälte attackieren Middelhoff und Aufseher

Arcandor-Prozess: Staatsanwälte attackieren Middelhoff und Aufseher

, aktualisiert 11. Mai 2017, 11:46 Uhr
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Die lange Bank der Beschuldigten mit ihren Verteidigern im Landgericht Essen: Darunter ist der frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff (8.v.l).

von Volker Votsmeier Quelle:Handelsblatt Online

Ex-Arcandor-Vorstand Thomas Middelhoff sitzt wieder auf der Anklagebank im Essener Landgericht. Mit ihm sechs weitere Beschuldigte. Im Prozess soll die Pleite des untergangenen Warenhauskonzerns aufgeklärt werden.

Die Anklagebank ist voll besetzt. Streng genommen sind es zwei lange Tische, an denen die sieben Beschuldigten und ihre Verteidiger Platz genommen haben. Ganz rechts, in der hinteren Reihe, sitzt der prominenteste der Angeklagten: Thomas Middelhoff, frühere Chef des längst untergegangenen Warenhauskonzerns Arcandor. Der einstige Top-Manager macht einen gefassten Eindruck, er ist leicht gebräunt und trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine blau gemusterte Krawatte. Middelhoff wurde Ende 2014 bereits zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt, weil er das Arcandor-Vermögen veruntreut hat und Steuerhinterziehung beging. Danach machte er schwere Zeiten durch. Middelhoff litt an einer Autoimmunkrankheit und seine Ehe mit seiner Frau Cornelie ging in die Brüche.

Von den Rückschlägen scheint er sich körperlich recht gut erholt zu haben. Die Haftstrafe hat er noch nicht abgesessen. Als ihn Richter Edgar Loch nach seinem Wohnort fragt, antwortet Middelhoff knapp: „Das Gefängnis in Bielefeld, zur Zeit.“ Zum Familienstand sagt der 64-Jährige: „Verheiratet, zur Zeit in Scheidung lebend.“

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Diesmal geht es für Middelhoff um die Frage, ob er sich wegen einer Bonuszahlung von rund 2,3 Millionen Euro Ende des Jahres 2008 der Anstiftung zur Untreue schuldig gemacht hat. Der frühere Arcandor-Chef soll nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft die Mitglieder des „Ständigen Ausschusses“ des Aufsichtsrats derart beeinflusst haben, dass diese ihnen den Millionen-Bonus zusprachen, obwohl es dafür womöglich keinen haltbaren Grund gab. Im juristischen Sinne Haupttäter wären nach dieser Lesart die Aufsichtsräte, die damals ihren Segen gaben – und damit das Vermögen des bereits krisengeschüttelten Konzerns veruntreuten.

Auch der frühere Aufsichtsratschef Friedrich Carl Janssen sitzt heute deshalb auf der Anklagebank. Aufmerksam lauscht er den Worten der Staatsanwältin, die die 24-seitige Anklageschrift verliest. Auch der Ehemann der einstigen Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz sowie der Ex-Rewe Boss Hans Reischl müssen sich wegen der Entscheidung die Vorwürfe anhören, daneben sind drei weitere Ex-Aufseher angeklagt. Mindestens 34 Verhandlungstage müssen sie nun über sich ergehen lassen. Bis zum 21. Dezember hat das Gericht sie hierher in den modernen Saal N001 am Landgericht Essen zitiert.

In dem Prozess geht es um mehr, als die letzten Scherben von Arcandor zusammenzukehren. In vielen Führungsetagen deutscher Konzerne wird der Fall aufmerksam beobachtet – und es macht sich Nervosität breit. Denn vor dem Landgericht entscheidet sich, ob gewisse Vergütungspraktiken rechtlich haltbar sind – und ob sich Aufsichtsräte und Vorstände womöglich strafrechtlich angreifbar machen, wenn sie das Geld anderer Leute allzu großzügig verteilen. Juristen sprechen in der Causa Arcandor bereits vom Fall „Mannesmann II“. Ein Anwalt, der mit dem Fall vertraut ist, sagt: „Der Strafprozess hat eine sehr weitreichende Bedeutung für die Chefetagen deutscher Konzerne.“

Davon sind auch die Anwälte des Ex-Arcandor-Chefaufsehers Friedrich Carl Janssen überzeugt. Die aktuelle Anklage sei nur noch „ein Fragment“ der ursprünglich von der Staatsanwaltschaft Ende 2015 erhobenen Anklage. Sie sei im „Zwischenverfahren zerpflückt“ worden. Die Anwälte teilen in einer Mitteilung mit, dass sie überzeugt sind, dass „das unternehmerische Ermessen der Beteiligten ordnungsgemäß ausgeübt“ worden sei.

Quelle:  Handelsblatt Online
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