Architekt und Stadtforscher Wolfgang Christ: Marktplatz der Emotionen

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Architekt und Stadtforscher Wolfgang Christ: Marktplatz der Emotionen

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The Americana at Brand ist ein großes Outdoor Shoppingcenter in Glendale, California.

von Christopher Schwarz

Der Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ über die Renaissance der Mitte, neue Shopping-Center-Architektur und die Baukultur des Konsums in der Digitalmoderne.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Christ, unsere Innenstädte erleben eine Renaissance. Die Bürger entdecken Straßen und Plätze wieder als Bühnen des urbanen Lebens. Eine gute Nachricht für Bürgermeister, Architekten und Handel?

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Wolfgang Christ: Ja, das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, ein radikaler Paradigmenwechsel hin zu einer neuen urbanen Dichte, wie wir sie aus dem späten 19. Jahrhundert kennen. Vorbild ist die Stadt der Gründerzeit mit ihren Boulevards, Plätzen und Parkanlagen. In dieser Zeit sind die kulturellen Ressourcen angelegt worden, von denen unsere Städte heute noch zehren: Theater, Museen, Schulen, Bahnhöfe und eben auch Warenhäuser. Wer heute „in die Stadt geht“, geht vor allem Einkaufen.

Und trotzdem wird immer wieder infrage gestellt, ob ein Shopping Center in die Mitte der Stadt oder eines Stadtteils gehört.

Ich glaube, darin drückt sich ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Tradition und Moderne aus. Unsere Altstädte sind ja immer Marktplätze gewesen, der Handel hat über Jahrhunderte den Fortschritt in die Mitte der Stadt getragen. Aber mit dem Warenhaus und erst recht mit dem Shopping-Center sind abgeschlossene, geradezu autistische Großformate ins urbane Zentrum gekommen, deren Flächenverbrauch kaum vereinbar ist mit der Feinmaschigkeit der traditionellen Stadt. Das mobilisiert immer noch Widerstand. Und in einer Zeit des beschleunigten Wandels wird die Mitte zu einem emotionalen Anker, den es zu verteidigen gilt. Eigentlich erwarten wir, dass in der Innenstadt alles so bleibt, wie es ist.

Das Vordringen der Shopping-Center wird vor allem als Angriff auf den Einzelhandel verstanden...

...und gleichzeitig legen darin ­– wohl aus guten Gründen – die Versicherungen oder Fondsgesellschaften von Sparkasse und Volks-und Raiffeisenbank bevorzugt die Ersparnisse und Rentenbeiträge ihrer Kunden an. Es ist an der Zeit, ein altes Vorurteil auf den Prüfstand zu stellen. Richtig ist: Heute werden neun bis zehn Prozent des Einzelhandelsumsatzes in Shopping-Centern generiert. Und zwar von unabhängigen Einzelhändlern, die Center für ihre Verkaufsstrategie nutzen. Projektentwickler addieren im Grunde die Vorgaben der Unternehmen, die sie auf ihre Plattform aufnehmen. Damit das funktioniert, brauchte es bisher mindestens zwei große Frequenzbringer, in Deutschland waren das anfangs Warenhäuser, dann vor allem Elektromärkte und Textilwarenhäuser. Dazwischen tummelten sich rechts und links der Mall die kleineren Läden.

Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Urban Index Institut

Stadtforscher und Architekt Wolfgang Christ im Interview mit WirtschaftsWoche.

Bild: Urban Index Institut

Dieses Konzept ist passé?

Es ist brüchig geworden. In den Niederlanden, vor allem aber in den USA und Großbritannien  ist man deshalb auf der Suche nach neuen Ankern. Immer mehr weiche Faktoren prägen die Shopping Center: Die großen Verkaufsflächen bleiben, doch es entstehen Plätze und parkähnliche Anlagen, die das Gemeinschaftsgefühl ansprechen. Nach dem Motto „Alle unter einem Dach“ wird das Center, auch wenn ein Dach gar nicht mehr angeboten wird, zum Treffpunkt: vormittags für die Rentner, Jugendlichen und Familien, nachmittags und abends dann für die Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die mit ausgefeilten Gastronomiekonzepten, üppig ausgestatteten Kinopalästen und immer neuen Events gelockt werden. Die Anker des postmodernen Shopping Center sind Marktplätze der Atmosphären und Emotionen.

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