
Es ist kein Jahr her, da galten die Schleckers noch als eine der reichsten Familien in Deutschland. Und jetzt? Seit Montag ist alles futsch - sagt zumindest die Gründer-Tochter Meike Schlecker, als sie im Blitzlichtgewitter eine Botschaft verkündet, die es in sich hat: "Es ist nichts mehr da." Immer wieder sagt sie das und die Nachrichtenagenturen schreiben, dass sie dabei um Fassung ringt. Nicht nur die Drogeriekette ihres Vaters Anton Schlecker, sondern auch die ganze Familie habe das ganze Geld verloren. "Es wurde immer gesagt, wir hätten hunderte von Millionen auf die Seite geschafft." Doch das stimme nicht. "Das Vermögen meines Vaters war immer das Unternehmen", sagt die Managerin.
Und das ist nicht alles. Weil Meike und ihr 40-jähriger Bruder Lars selbst an eine Zukunft des väterlichen Konzerns glauben, hätten sie gute Teile ihres eigenen Geldes, insgesamt ein dreistelliger Millionenbetrag, in die Hand genommen, um in den vergangenen Jahren den laufenden Betrieb und die Eröffnung moderner Filialen zu finanzieren, sagt die Betriebswirtin.
Die Schleckers waren noch in der jüngsten Forbes-Liste deutscher Milliardäre enthalten - an die zwei Milliarden Euro sollten sie „wert sein“. Doch wo sind die Milliarden und wie pleite sind die Schleckers wirklich? Die Wahrheit wird wohl noch einige Zeit im Dunkeln bleiben, aber die Mehrzahl der Handelsblatt-Leser ist sich einig: So schlecht geht es Anton, Meike und Co. nicht. So kommentiert "LUKLUK11111145" auf Handelsblatt Online: "Jemand, der es zu einem solchen Vermögen gebracht hat, ist nicht so dumm, ein solches Risiko einzugehen." Der Leser "Teflon" ergänzt: "Und am Montag wird der Anton ALG II oder besser gleich Hartz IV beantragen gehen....wer glaubt, dass der nicht schon lange sein Privatschäfchen im Trocknen hat, der glaubt noch an den Weihnachtsmann."
Das Mitleid mit dem einstigen Drogeriekönig, der sich nie in die Karten hat schauen lassen, hält sich in diesen Tagen eher in Grenzen. Der 67-jährige Anton Schlecker hat eine für sein Unternehmen höchst riskante Rechtsform gewählt: den eingetragenen Kaufmann. Die erlaubt zwar schnelle und einsame Entscheidungen, lädt dem Unternehmer aber auch die volle Haftung auf - "mitverhaftet" sind allerdings auch fast 50.000 Mitarbeiter, von denen gerade viele um ihren Arbeitsplatz bangen. Wenn allerdings nicht demnächst irgendwo noch größere Schlecker-Reichtümer auftauchen, muss man wohl daran glauben, dass die Familie mit der Insolvenz alles verloren hat.
Anton Schlecker wäre jedoch nicht der erste Unternehmer in Deutschland, der sein Lebenswerk riskiert und einen Großteil seines Besitzes ruiniert hat.
Vermögen weg, verarmt und enttäuscht
So ist auch die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz ins finanzielle Desaster geschlittert, als 2009 die Karstadt Quelle AG, die später unter Arcandor firmierte, insolvent wurde. Ihr Vermögen wurde zeitweise auf mehr als fünf Milliarden Dollar geschätzt, doch das Geld ist ihr zwischen den Fingern zerronnen. Der Ex-Milliardärin wurde eine gigantische Fehlinvestition aus ihrem Privatmögen in Karstadt-Aktien zum Verhängnis, als die Zahlen des Konzerns schon Anlass zur Skepsis gaben. Im Sommer 2009 machte Schickedanz bundesweit Schlagzeilen, nachdem sie gegenüber der Bild am Sonntag erklärt hatte, sie müsse sich jetzt schon stark einschränken und spare, wo sie könne: "Wenn die Rettung von Arcandor scheitert und die Banken die Kredite fällig stellen, verliere ich alles – Häuser, Aktien, Beteiligungen an anderen Firmen. Ich bekäme mit meinen 66 Jahren noch nicht einmal Rente. (...) Wir leben von 500 bis 600 Euro im Monat. Wir kaufen auch beim Discounter. Gemüse, Obst und Kräuter haben wir im Garten." Der Tag der Arcandor-Pleite war für Schickedanz dramatisch - sie musste nach einem Zusammenbruch auf der Intensivstation behandelt werden.
Ganz ähnlich erging es Maria-Elisabeth Schaeffler aus dem fränkischen Herzogenaurach: Die Milliardärin hat sich mit ihrem bayerischen Familienbetrieb Schaeffler an der Übernahme des wesentlich größeren Autozulieferers Continental verhoben und geriet auch persönlich unter Druck. Erst im vergangenen Jahr bewältigte Schaeffler den Deal
Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass die Schlecker-Kinder 1987 wegen des Geldes entführt wurden. Vor einer Woche hatte sich Deutschlands größte Drogeriekette in die Insolvenz geflüchet. Seit Jahren schreibt das Unternehmen Verluste. Letztlich waren es allerdings keine großen Beträge, die Schlecker zunächst straucheln ließen. "Ein zweistelliger Millionenbetrag" gab den Ausschlag, den die Kette nicht refinanzieren konnte, erklärte der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Und es habe keine geheime Quelle gegeben, sagt Meike Schlecker, „sonst hätten wir nie Insolvenz angemeldet“. Ihre Botschaft ist sie am Montag losgeworden. Doch am Ende sieht sie sich und die Familie noch lange nicht.
Warnung vor zu viel Größenwahn
Auch der Trigema-Chef Wolfgang Grupp führt sein Unternehmen wie Anton Schlecker als eingetragener Kaufmann. Der bundesweit bekannte Textilunternehmer sieht in der Schlecker-Insolvenz eine Warnung vor zu viel „Größenwahn“. „In solchen Fällen muss früher die Notbremse gezogen werden“, sagte er am Dienstag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Da im Fall der Drogeriekette offensichtlich nicht die Banken eine so große Rolle spielten, sei den Lieferanten ein Vorwurf zu machen. „Gäbe es auf allen Seiten eine persönliche Haftung, würde es nicht so weit kommen“, meinte Grupp.
Der Trigema-Chef erklärte, grundsätzlich nur so weit wachsen zu wollen, wie er seinen Betrieb noch selbst überblicken könne. Bei Schlecker gebe es Tochtergesellschaften, die jeweils als GmbH eingetragen seien. Es wundere ihn, wenn bei der Familie Schlecker nichts mehr da sein solle, wenn doch die Auslandsgesellschaften noch nicht in die Insolvenz gegangen seien.
Grupp wetterte bereits in der Wirtschaftswoche gegen Schlecker: "Ein Unternehmen zu Lasten der Mitarbeiter, der Lieferanten, vor allem aber auf Kosten des Staates zu sanieren, hat nichts mehr mit Marktwirtschaft zu tun."













