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exklusiv Arndt Geiwitz + Werner Schneider: "Schlecker war mit unseren Mitteln nicht zu retten"

von Henryk Hielscher

Die Insolvenzverwalter von Schlecker und Ihr Platz ziehen Bilanz: Das Arbeitsrecht hat den Verkauf vereitelt, die Gläubiger müssen ihre Forderungen größtenteils abschreiben. Auch Millionenansprüche gegen den Schlecker-Clan ändern daran wenig.

Arndt Geiwitz und Werner Schneider Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche
Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz (links) und Werner Schneider Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Geiwitz, vor wenigen Monaten haben Sie gesagt: „Die Marke Schlecker wird nicht spurlos verschwinden.“ Inzwischen haben die Läden dichtgemacht, der Konzern wird abgewickelt. Was bleibt von der einst größten Drogeriekette Europas?

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Geiwitz: Es ist leider so, dass der Name Schlecker keine große Bedeutung mehr haben wird. Das bedaure ich. Immerhin wird aber ein Teil der Schlecker-Eigenmarken weiter geführt. So gibt es für die Zigaretten-Eigenmarke Commodore bereits einen Käufer aus der Tabakbranche. Auch die spanischen Läden werden nach derzeitigem Stand weiter unter dem Namen Schlecker am Markt bleiben.

Spanien und Portugal

Das spanische Einzelhandelsunternehmen Dia will die insgesamt gut 1150 Filialen des einstigen Drogeriegiganten sowie die rund 4000 Mitarbeiter in Spanien und Portugal übernehmen. Teil des Geschäfts sind zudem der komplette Warenbestand und mehrere Logistikzentren. Der Kaufvertrag ist laut Schlecker-Insolvenzverwaltung bereits unterzeichnet. Der Käufer wird nach eigenen Angaben bis zu 70,5 Millionen Euro für die Schlecker-Firmen bezahlen. Es stehe noch die Zustimmung der europäischen Wettbewerbshüter aus; sie werde im April 2013 erwartet. „Der Verkauf von Schlecker Spanien an Dia ist eine sehr gute Sache für beide Seiten“, teilte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz mit.

Das Spanien-Geschäft Schleckers ist die erfolgreichste Auslandsfirma des Konzerns. 2011 erzielte sie einen Nettoumsatz von 320 Millionen Euro. Daher will Schlecker Spain trotz der Pleite der deutschen Konzernmutter weiter expandieren. Bis 2014 sollen 62 neue Läden eröffnen.

Bild: dapd

Herr Schneider, Sie sind als Verwalter für die Schlecker-Schwestermarke Ihr Platz zuständig. Wie sieht die Lage hier aus?

Schneider:Auch bei Ihr Platz ist es uns zwar nicht gelungen, einen Käufer für alle Läden zu finden. Insgesamt haben wir aber für weit mehr als 50 Prozent der Filialen Nachfolger gefunden, zum Beispiel die Drogeriekette Rossmann, die 108 Filialen übernimmt.

Dabei hatte Ihnen Rossmann-Inhaber Dirk Roßmann zuvor das Leben schwergemacht und Schlecker sehr früh als nicht überlebensfähig dargestellt.

Geiwitz: Herr Roßmann hat von Anfang an gesagt, dass er dem Geschäftsmodell von Schlecker keine Chancen einräumt – im Nachhinein hat er leider recht behalten. Wir kamen als Notärzte, aber Schlecker war mit unseren Mitteln nicht zu retten.

Dabei sprachen Sie am Anfang noch davon, dass Substanz vorhanden sei.

Geiwitz: Nach und nach musste ich meine Meinung revidieren. Die Lage war weit dramatischer, als es die Konzernführung uns gegenüber im Januar eingeräumt hatte. Dennoch sahen sich viele Investoren das Geschäft an, wir hatten sehr weitgehende Gespräche mit potenziellen Käufern – insofern durften wir darauf hoffen, dass die Sanierung gelingt.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass der Kampf verloren ist?

Geiwitz:Zweifel kamen mir, als die Zahl der Kündigungsschutzklagen nach oben schnellte und die ersten Absagen von Investoren folgten. Darum habe ich so vehement für eine Transfergesellschaft gekämpft.

Was ist eine Transfergesellschaft?

  • Wann wird eine Transfergesellschaft gegründet?

    Eine Transfergesellschaft wird dann ins Leben gerufen, wenn sich das Unternehmen aus eigener Kraft nicht mehr retten kann, und durch diese Krise Massenentlassungen nicht zu vermeiden sind.

  • Was ist der Zweck von Transfergesellschaften?

    Der Zweck einer Transfergesellschaft ist es, Arbeitnehmer, die gekündigt werden sollen, in einen befristeten Arbeitsvertrag zu übernehmen. Dazu wird eine eigene Gesellschaft gegründet. Für die Gründung der Transfergesellschaft gibt es ein gesetzlich definiertes Verfahren. Es wird in enger Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit umgesetzt. Beim Wechsel in eine Transfergesellschaft werden die Mitarbeiter für maximal ein Jahr weiter beschäftigt.

  • Was ist das Ziel der Transfergesellschaft?

    Transfergesellschaften haben ausschließlich das Ziel, die bei ihnen angestellten Beschäftigten so schnell wie möglich in neue Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. Wer in eine Transfergesellschaft wechselt, ist dort angestellt - nicht beim bisherigen Arbeitgeber. Die Schlecker-Mitarbeiter wäre also nicht mehr bei Schlecker beschäftigt, sondern in der neu gegründeten Transfergesellschaft.

  • Welche Unternehmen haben Transfergesellschaften genutzt?

    Einige große Konzerne haben in schweren Krisensituationen, in denen tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel standen, bereits Transfergesellschaften gegründet: Telekom, Opel, Infineon, der Autozulieferer Phoenix, die ehemalige Siemens-Tochter BenQ.

  • Welches Gehalt bekommen Transfergesellschaft-Beschäftigte?

    Rechtlich handelt es sich bei Transfergesellschaften um so genannte strukturelle Kurzarbeit. Das bedeutet, die Beschäftigten erhalten "Transferkurzarbeitergeld". Das beträgt 60 Prozent des Nettolohns für Mitarbeiter, die keine Kinder haben; Mitarbeiter mit Kind erhalten 67 Prozent des letzten Nettolohns. Diesen Betrag zahlt das Arbeitsamt aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. In vielen Fällen stockt der ehemalige Arbeitgeber das Gehalt auf 80 Prozent auf.

  • Was muss Schlecker an die Transfergesellschaft überweisen?

    Wie bei normaler Kurzarbeit auch, übernimmt das Unternehmen bei der Transfergesellschaft grundsätzlich die Sozialversicherungsbeiträge mit Ausnahme der Arbeitslosenversicherung für die Zeit der Kurzarbeit. Das Unternehmen und die Agentur für Arbeit teilen sich die Kosten für die Qualifizierungsmaßnahmen Dazu sind aber auch Landeszuschüsse möglich.

Ich habe ja die schizophrene Situation, dass 600 Filialen von Schlecker gute Gewinne erwirtschaftet haben. Aber wegen der arbeitsrechtlichen Risiken kann kein Investor die Läden übernehmen.

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3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 01.09.2012, 21:14 UhrSteigenberger

    Hier wird doch viel verharmlost u. geschönt !

    1 - Der Insolvenzverwalter ist in der Anfangszeit den Vorstellungen
    der Fam. Schlecker auf den Leim gegangen, die ihre Lage
    immer noch geschönt hatten, Motto "schneiden u. wachsen" u.
    wollten Planinsolvenz in Eigenregie!

    2. 50% der Umsätze stammte von den Auslandstöchtern
    diese waren in komplizierte untereinander verschachtelte Ge-
    sellschaften aufgegliedert, wo es mannigfaltige Möglichkeiten
    des "Abgreifens" zugunsten der Familie Schlecker gegeben hat!

    Z.Bsp. Östereich, eine eigenständige GmbH in der A. Schlecker
    bis 2012 selbst Geschäftsführer war, dies lädt doch zu Selbst-
    bedienung geradezu ein !
    Buchhaltungsmäßig interessant ist auch, dass Österreich auf dem
    Papier ein hohes EK. von ca. 170 Mio. Eu. hatte, was
    aber nach Deutschland als Darlehn verschoben wurde!
    Hier u. in der Schweiz bei Markant, dem Hauptlieferanten, in
    dessen Vorstand A. Schlecker sass muss mit detektivischer Spür-
    nase nach "verschollenen Millionen" gefahndet werden, dafür
    sind Gelder der Insolvenzmasse einzusetzen, denn eins
    sollte man nicht tuen : A. Schlecker u. der Familie etwas glaub-
    en; diese "Herrschaften" wollen ja auch (mit welchen Mitteln)
    die 8 Mio. Villa in Ehingen zurückkaufen !!

    3. Durch die viel zulange Rücksichtnahme auf die Interessen von
    Schlecker, der an einem Zusammenhalt der Firma interessiert
    war, wurde ein lukrativer Einzelverkauf verhindert, dies hätte
    weitaus mehr Insolvenzmasse gebracht !

    Wenn nur 10% der 6000 deutschen Filialen hochprofitabel waren
    hätte man die doch veräußern können u. den Rest stilllegen
    können, auch die Produzenten wollten wohl das Schleckersterben
    hinauszögern um neue Absatzkanäle auf/-auszubauen !

    Trotz allem hat Geiwitz die tatsächliche Abwicklung von Personal
    u. Ladenlokalen bei der Masse gut hinbekommen !

  • 01.09.2012, 19:26 Uhrguhvieh

    Wie viel aus dem Kuchen dürfen sich am Ende die Insoverwalter herausschneiden?
    Ich vermute ein nennenswerter zweistelliger Millionenbetrag!
    Es gibt da wohl noch einiges auszuweiden!

  • 01.09.2012, 13:23 UhrMalocher

    Der Schutz des Arbeinehmers vor einer vom Arbeitgeber ausgesprochenen Kündigung des gemeinsam vereinbarten Vertrags erstreckt sich ausschließlich auf unbegründet von dessen Seite veranlasste Beendigungen des Arbeitsverhältnisses. Weil mehr als augenfällig insbesondere der Betrieb von Schlecker wegen geradezu massenhaft begangener Verfehlungen Dritter existenziell gefährdet war, sind die betriebsbedingt erfolgten Kündigungen schon deshalb begründet und nicht willkürlich. Angesichts dessen eine Klage wegen Unwirksamkeit vor einem Arbeitsgericht zu erheben, lässt somit in der Konsequenz ausschließlich die Möglichkeit offen, dieselbe hoheitlich zwingend abweisen zu müssen. Absurd kann insofern allein der Tatbestand sein, dass sich Gerichte offenkundig abseits des Arbeitsrechts mit von Beginn an äußerst unzulässig eingereichten Klageschriften befassten und auf diese Weise die ihnen unveräußerlich verliehene Unabhängigkeit eigenhändig sabotierten.

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