
WirtschaftsWoche: Herr Geiwitz, vor wenigen Monaten haben Sie gesagt: „Die Marke Schlecker wird nicht spurlos verschwinden.“ Inzwischen haben die Läden dichtgemacht, der Konzern wird abgewickelt. Was bleibt von der einst größten Drogeriekette Europas?
Geiwitz: Es ist leider so, dass der Name Schlecker keine große Bedeutung mehr haben wird. Das bedaure ich. Immerhin wird aber ein Teil der Schlecker-Eigenmarken weiter geführt. So gibt es für die Zigaretten-Eigenmarke Commodore bereits einen Käufer aus der Tabakbranche. Auch die spanischen Läden werden nach derzeitigem Stand weiter unter dem Namen Schlecker am Markt bleiben.
Bild: dapdSpanien und Portugal
Das spanische Einzelhandelsunternehmen Dia will die insgesamt gut 1150 Filialen des einstigen Drogeriegiganten sowie die rund 4000 Mitarbeiter in Spanien und Portugal übernehmen. Teil des Geschäfts sind zudem der komplette Warenbestand und mehrere Logistikzentren. Der Kaufvertrag ist laut Schlecker-Insolvenzverwaltung bereits unterzeichnet. Der Käufer wird nach eigenen Angaben bis zu 70,5 Millionen Euro für die Schlecker-Firmen bezahlen. Es stehe noch die Zustimmung der europäischen Wettbewerbshüter aus; sie werde im April 2013 erwartet. „Der Verkauf von Schlecker Spanien an Dia ist eine sehr gute Sache für beide Seiten“, teilte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz mit.
Das Spanien-Geschäft Schleckers ist die erfolgreichste Auslandsfirma des Konzerns. 2011 erzielte sie einen Nettoumsatz von 320 Millionen Euro. Daher will Schlecker Spain trotz der Pleite der deutschen Konzernmutter weiter expandieren. Bis 2014 sollen 62 neue Läden eröffnen.
Bild: dpaÖsterreich
Die Österreich-Tochter der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker bekommt einem Zeitungsbericht zufolge einen neuen Eigentümer. Der in Wien ansässige Fonds TAP 09 übernehme rund 1340 Filialen der Kette, berichtete die österreichische Tageszeitung „Der Standard“. Das Unternehmen werde mit allen rund 5000 Mitarbeitern weitergeführt. Es werde weder Kündigungen noch Filialschließungen geben. Der neue Eigentümer wolle Schlecker umbenennen und restrukturieren. Die Gruppe solle ein „Rundum-Nahversorger“ werden, berichtete das Blatt. An der Österreich-Tochter hängt auch das Schlecker-Geschäft in Luxemburg, Belgien, Polen und Teilen von Italien. Der Fonds TAP 09 hat sich nach Angaben auf seiner Homepage auf Übernahmen von Unternehmen „mit Substanz und Restrukturierungsbedarf“ in Europa mit einem Umsatz von bis zu 500 Millionen Euro spezialisiert. TAP 09 war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.
Bild: dpaPolen
Die knapp 170 Filialen in Polen stehen unmittelbar vor dem Verkauf. Es gebe weit fortgeschrittene Verhandlungen mit dem polnischen Hygieneartikel-Hersteller Hygienika, bestätigte ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Die Schlecker-Filialen in Polen mit ihren knapp 700 Mitarbeitern werden als Niederlassungen der österreichischen Schlecker-Tochter geführt, für die nun ein neuer Investor gefunden sein soll. In Polen liefen die Geschäfte zuletzt stabil. Der Brutto-Umsatz wuchs zwischen 2010 und 2011 von 82 auf 89 Millionen Euro - bei einer gleichbleibenden Filialanzahl. Erst vor acht Jahren hat Schlecker seine Expansion nach Osteuropa gestartet.
Bild: ScreenshotFrankreich
Bereits verkauft sind die französischen Schlecker-Filialen. Die Supermarktkette Systéme U hat die Tochter SNC erworben. Zu ihr zählen 139 Filialen mit 750 Mitarbeitern. Zuletzt machten die französischen Schlecker-Märkte einen Umsatz von knapp 90 Millionen Euro.
Bild: dapdLuxemburg
28 Schlecker-Läden gibt es im Nachbarland Luxemburg. Diese hängen an Schlecker-Österreich. Schlecker Luxemburg schrieb im Juni 2012 trotz einiger Lieferengpässe schwarze Zahlen. In den Vorjahren setzte die Tochter jeweils rund 17 Millionen Euro brutto um. Luxemburg wird von der Schlecker-Tochter IhrPlatz beliefert, für die es noch keine Investor gibt. Löhne und Arbeitsstellen in Luxemburg seien aber vorerst sicher, sagte ein Sprecher der luxemburgischen Gewerkschaft OGBL.
Bild: dapdItalien
Für die aktuell 300 Filialen in Italien und Südtirol mit weit über 1000 Mitarbeitern wird noch ein Käufer gesucht. Es gebe bereits eine Reihe von Interessenten, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, berichtete kürzlich die Tageszeitung "Dolomiten". Dass die Marke nach dem Verkauf weitergeführt wird, schloss ein Schlecker-Sprecher aus: „Es ist nicht anzunehmen, dass der neue Investor den Namen weiterführen wird.“ Das Italien-Geschäft hat nach dem Konkurs der deutschen Mutter kaum gelitten. Laut Handelsinformationsdienst Planet Retail sind in den vergangenen Monaten nur vier Filialen geschlossen worden, der Umsatz ging 2011 von etwa 98 Millionen auf 96 Millionen Euro zurück.
Bild: dpaBelgien / Niederlande
Anfang 2010 meldeten die Nachrichtenagenturen, dass sich die deutsche Drogeriekette Schlecker fast komplett aus dem Nachbarland Belgien zurückziehen wolle: 32 von 36 Läden sollen bis Jahresende schließen, teilte die Konzernzentrale der Nachrichtenagentur AFP mit. Lediglich in der deutschsprachigen Region im äußersten Osten von Belgien sollten vier Filialen erhalten bleiben. Der Umsatz in Belgien ist in Folge der Schließungen von über elf Millionen Euro auf etwa 2,5 Millionen Euro gesunken. Die Schließungen trafen knapp 100 Mitarbeiter.
Ebenfalls Anfang 2010 hatte Schlecker mitgeteilt, sein Geschäft in den Niederlanden aufzugeben. "Finanzielle Gründe" führte ein Unternehmenssprecher damals an. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch etwa 100 Filialen im Nachbarland.
Bild: dpaUngarn
Aus Ungarn zog sich Schlecker bereits 2011 zurück. Das Unternehmen schloss seine 22 Filialen Filialen. Schlecker kam 2006 nach Ungarn. Allein in Budapest (Foto) wurden zwölf Filialen betrieben. Gründe für den Rückzug aus Ungarn könnte die Konkurrenz sein, spekulierten ungarische Medien, denn sowohl DM als auch Rossmann betrieben landesweit jeder hunderte Märkte.
Bild: dpaDänemark
Aus Dänemark hatte sich die Drogeriemarktkette bereits 2009 komplett zurückgezogen. Das Unternehmen war dort im Jahr 2004 gestartet. Rund 50 Märkte zu besten Zeiten dort betrieben.
Spanien und Portugal
Das spanische Einzelhandelsunternehmen Dia will die insgesamt gut 1150 Filialen des einstigen Drogeriegiganten sowie die rund 4000 Mitarbeiter in Spanien und Portugal übernehmen. Teil des Geschäfts sind zudem der komplette Warenbestand und mehrere Logistikzentren. Der Kaufvertrag ist laut Schlecker-Insolvenzverwaltung bereits unterzeichnet. Der Käufer wird nach eigenen Angaben bis zu 70,5 Millionen Euro für die Schlecker-Firmen bezahlen. Es stehe noch die Zustimmung der europäischen Wettbewerbshüter aus; sie werde im April 2013 erwartet. „Der Verkauf von Schlecker Spanien an Dia ist eine sehr gute Sache für beide Seiten“, teilte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz mit.
Das Spanien-Geschäft Schleckers ist die erfolgreichste Auslandsfirma des Konzerns. 2011 erzielte sie einen Nettoumsatz von 320 Millionen Euro. Daher will Schlecker Spain trotz der Pleite der deutschen Konzernmutter weiter expandieren. Bis 2014 sollen 62 neue Läden eröffnen.
Herr Schneider, Sie sind als Verwalter für die Schlecker-Schwestermarke Ihr Platz zuständig. Wie sieht die Lage hier aus?
Schneider:Auch bei Ihr Platz ist es uns zwar nicht gelungen, einen Käufer für alle Läden zu finden. Insgesamt haben wir aber für weit mehr als 50 Prozent der Filialen Nachfolger gefunden, zum Beispiel die Drogeriekette Rossmann, die 108 Filialen übernimmt.
Dabei hatte Ihnen Rossmann-Inhaber Dirk Roßmann zuvor das Leben schwergemacht und Schlecker sehr früh als nicht überlebensfähig dargestellt.
Geiwitz: Herr Roßmann hat von Anfang an gesagt, dass er dem Geschäftsmodell von Schlecker keine Chancen einräumt – im Nachhinein hat er leider recht behalten. Wir kamen als Notärzte, aber Schlecker war mit unseren Mitteln nicht zu retten.
Dabei sprachen Sie am Anfang noch davon, dass Substanz vorhanden sei.
Geiwitz: Nach und nach musste ich meine Meinung revidieren. Die Lage war weit dramatischer, als es die Konzernführung uns gegenüber im Januar eingeräumt hatte. Dennoch sahen sich viele Investoren das Geschäft an, wir hatten sehr weitgehende Gespräche mit potenziellen Käufern – insofern durften wir darauf hoffen, dass die Sanierung gelingt.
Wann ist Ihnen klar geworden, dass der Kampf verloren ist?
Geiwitz:Zweifel kamen mir, als die Zahl der Kündigungsschutzklagen nach oben schnellte und die ersten Absagen von Investoren folgten. Darum habe ich so vehement für eine Transfergesellschaft gekämpft.
Was ist eine Transfergesellschaft?
Wann wird eine Transfergesellschaft gegründet?
Eine Transfergesellschaft wird dann ins Leben gerufen, wenn sich das Unternehmen aus eigener Kraft nicht mehr retten kann, und durch diese Krise Massenentlassungen nicht zu vermeiden sind.
Was ist der Zweck von Transfergesellschaften?
Der Zweck einer Transfergesellschaft ist es, Arbeitnehmer, die gekündigt werden sollen, in einen befristeten Arbeitsvertrag zu übernehmen. Dazu wird eine eigene Gesellschaft gegründet. Für die Gründung der Transfergesellschaft gibt es ein gesetzlich definiertes Verfahren. Es wird in enger Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit umgesetzt. Beim Wechsel in eine Transfergesellschaft werden die Mitarbeiter für maximal ein Jahr weiter beschäftigt.
Was ist das Ziel der Transfergesellschaft?
Transfergesellschaften haben ausschließlich das Ziel, die bei ihnen angestellten Beschäftigten so schnell wie möglich in neue Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. Wer in eine Transfergesellschaft wechselt, ist dort angestellt - nicht beim bisherigen Arbeitgeber. Die Schlecker-Mitarbeiter wäre also nicht mehr bei Schlecker beschäftigt, sondern in der neu gegründeten Transfergesellschaft.
Welche Unternehmen haben Transfergesellschaften genutzt?
Einige große Konzerne haben in schweren Krisensituationen, in denen tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel standen, bereits Transfergesellschaften gegründet: Telekom, Opel, Infineon, der Autozulieferer Phoenix, die ehemalige Siemens-Tochter BenQ.
Welches Gehalt bekommen Transfergesellschaft-Beschäftigte?
Rechtlich handelt es sich bei Transfergesellschaften um so genannte strukturelle Kurzarbeit. Das bedeutet, die Beschäftigten erhalten "Transferkurzarbeitergeld". Das beträgt 60 Prozent des Nettolohns für Mitarbeiter, die keine Kinder haben; Mitarbeiter mit Kind erhalten 67 Prozent des letzten Nettolohns. Diesen Betrag zahlt das Arbeitsamt aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. In vielen Fällen stockt der ehemalige Arbeitgeber das Gehalt auf 80 Prozent auf.
Was muss Schlecker an die Transfergesellschaft überweisen?
Wie bei normaler Kurzarbeit auch, übernimmt das Unternehmen bei der Transfergesellschaft grundsätzlich die Sozialversicherungsbeiträge mit Ausnahme der Arbeitslosenversicherung für die Zeit der Kurzarbeit. Das Unternehmen und die Agentur für Arbeit teilen sich die Kosten für die Qualifizierungsmaßnahmen Dazu sind aber auch Landeszuschüsse möglich.
Ich habe ja die schizophrene Situation, dass 600 Filialen von Schlecker gute Gewinne erwirtschaftet haben. Aber wegen der arbeitsrechtlichen Risiken kann kein Investor die Läden übernehmen.
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