Askese als Dauerzustand: Bei Karstadt wird seit Jahren Verzicht gepredigt

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Askese als Dauerzustand: Bei Karstadt wird seit Jahren Verzicht gepredigt

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Im November 2004 arbeiteten in den Karstadt-Warenhäusern noch rund 50.000 Mitarbeiter in 180 Filialen. Mittlerweile sind es nur noch rund 83 Häuser mit 17.000 Mitarbeitern.

von Mario Brück

Seit Jahren üben sich die Karstadt-Mitarbeiter schon in Verzicht. Der Niedergang des Warenhauskonzerns konnte trotzdem nicht gestoppt werden. Jetzt fordert Neueigentümer Rene Benko wieder einschneidende Einsparungen.

Es ist eine wegweisende Woche für den traditionsreichen Warenhauskonzern Karstadt. Heute findet in Göttingen die zweite Runde der Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi statt. Am Donnerstag tagt der Aufsichtsrat, um voraussichtlich den derzeitigen Vorsitzenden des Kontrollgremiums, Stephan Fanderl, zum neuen Geschäftsführer zu bestellen. Auf den ehemaligen Rewe-Manager wartet eine klar formulierte Aufgabe: die harte Sanierung des maroden Konzerns.

Was das bedeuten kann, zeigt ein aktuelles internes Schreiben des Interims- und Finanzchefs Miguel Müllenbach an die Karstadt-Mitarbeiter. Darin heißt es unter anderem: „Das hinter uns liegende Geschäftsjahr gehört mit zu den schwierigsten in der Geschichte von Karstadt und hat unsere tägliche Arbeit zum Beispiel durch den mehrfachen Wechsel in der Geschäftsführung, das nach wie vor defizitäre Ergebnis und die damit verbundene unausweichliche Notwendigkeit einer harten Sanierung sehr stark belastet“.

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Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Besonders überraschen dürfte Müllenbachs Feststellung, dass das Unternehmen erst am Anfang der Sanierung stehe, die einschneidende Veränderungen nach sich ziehen werde, nicht zuletzt auch durch entschiedene Einsparungen von Personal- und Sachkosten. Im Klartext: Bei Karstadt könnten wiederum 2000 der noch existierenden 17.000 Arbeitsplätze wegsaniert werden. Das ist die Größenordnung, über die seit längerer Zeit spekuliert wird, ebenso wie über die 23 Filialen, die eine letzte Bewährungsfrist erhalten sollen, ehe auch ihnen die Schließung droht.

Daueraskese im Konzern

Dabei saniert der Konzern schon seit fast einer Dekade. „Ich glaube schon, dass die Menschen verstanden haben, dass es jetzt darum geht, ihren Arbeitsplatz zu sichern. Und dafür müssen sie einen Beitrag leisten.“ Natürlich verlange man den Beschäftigten da einiges ab, wenn sie auf Gehaltserhöhungen und Urlaubsgeld verzichten sollen. Und eigentlich müsste man auch die Arbeitszeit verlängern, um das Unternehmen endlich wieder rentabel zu machen.“ Diese Sätze stammen von Helmut Merkel und sind ziemlich genau zehn Jahre alt. Im November 2004 kommentierte der damalige Karstadt-Chef so den Sanierungstarifvertrag, den er seinerzeit der Gewerkschaft Verdi abgerungenen hatte. Damals gehörten die Warenhäuser noch zum KarstadtQuelle-Konzern,  hatten rund 50 000 Mitarbeiter in 180 Filialen. Mittlerweile, nach unzähligen Chefwechseln, einer Insolvenz, und zwei Eigentümerwechseln, sind es nur noch rund 83 Häuser mit 17 000 Mitarbeitern.

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Und die üben sich seitdem in Daueraskese. Zwischen 2005 und 2007 verzichteten sie teilweise auf Weihnachts- und Urlaubsgeld. Auch wurden Personalrabatte und Kantinenzuschüsse gekürzt. In der nächsten Welle zwischen 2008 und 2012 wurde ihnen zunächst ein Verzicht auf 75 Prozent des Weihnachtsgelds und ab 2009 auf 100 Prozent des Urlaubsgelds und der Vorsorgeleistung abgerungen. Seit Mai 2013 hat Karstadt seinen Mitarbeitern eine Tarifpause verordnet. Das damalige Management verkündete einseitig, künftig keine Tariferhöhungen der Branche mehr zu übernehmen.

Nun sieht alles so aus, als ob die Karstadt-Mitarbeiter einmal mehr verzichten müssen. Seit die Signa Holding des österreichischen Immobilieninvestors René Benko den Konzern im August komplett übernommen hat, stehen die Zeichen erneut auf Sparen.

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