Bettina Röhl direkt: Der sterbende Handelsriese Karstadt

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Parkhaus eines Karstadt-Geschäfts.

Kolumne von Bettina Röhl

Nach Medienberichten will Nicolas Berggruen Karstadt wieder los werden. Doch Käufer sind offenbar nicht in Sicht. Ein österreichischer Investor will das Kerngeschäft noch nicht einmal geschenkt haben.

Altbundeskanzler Helmut Kohl hatte wahrscheinlich recht, als er sinngemäß einmal sagte, dass die einen als Arbeitsbienen und die anderen als Fettaugen geboren werden und dies ganz unabhängig davon, welche Leistung und welchen Mehrwert der Einzelne tatsächlich zum betrieblichen oder volkswirtschaftlichen Ganzen beiträgt.

Es gibt den hervorragenden Mediziner, der fachlich und menschlich Höchstleistung bringt und dessen Praxis gerade eben so läuft. Und es gibt den Money-Maker-Typen, den Promi-Doktor, der in allen Rankings, die es heutzutage so gibt, ganz oben steht, und der bei genauerem Hinsehen viel heiße Luft, häufige Fehldiagnosen und mangelnde Fürsorge produziert. Und natürlich gibt es auch den Regelfall, dass Leistung und Erfolg eng aneinander gekoppelt sind.

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Das Momentum des Erfolgs hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Heiligenschein. Die einen müssen ackern und den Dynamo treten, damit ihr Schein wenigstens ein bisschen leuchtet. Und die anderen können machen, was sie wollen. Sie können den größten Mist bauen, Pleiten, Pech und Pannen produzieren und der Heiligenschein klebt an ihnen wie festgeschweißt.

Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Die Bankrotterklärung des Nicolas Berggruen

Und es gibt Menschen, die investieren keinen Pfennig. Zum Beispiel für den Erwerb des einst größten Warenhauskonzerns Europas, und sie werden trotzdem, hartnäckig und ganz selbstverständlich, selbst von ihren Kritikern und Feinden "Investor" genannt.

Nicolas Berggruen hat vor vier Jahren Karstadt für lau an sich gebracht, wie auch immer es ihm gelungen ist. Er hat den Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und die Gewerkschaftsbosse und die herbei geeilte Politik, vertreten durch Superministerin Ursula von der Leyen (damals Arbeits-und Sozialministerin), und auch alle sonst Beteiligten und eben auch die Arbeitnehmer von Karstadt derart geblendet, dass sich ausnahmslos alle dem Glauben hingegeben haben, dass der Retter des abgewirtschafteten Kaufhauskonzerns gerade vor ihnen vom Himmel gefallen sei. Der angeblich so selbstlose Berggruen, der Milliardär und Kunstsammlersohn, der Selfmademan-Erbe, philosophierende Think Tanker, der gute Kapitalist und Hollywoodfeten-Veranstalter begann allerdings mit der Zerschlagung von Karstadt, die er aus der Sicht seiner Verhandlungs-und Vertragspartner gerade ausgeschlossen hatte - genau in der Sekunde, als er Karstadt übernahm.

Bettina Röhl direkt Karstadt: Ist Berggruen der Retter oder das Problem?

Der Abgang von Eva-Lotta Sjöstedt ist für sich genommen kein Beinbruch. Doch sollte man den Fokus auf Nicolas Berggruen und das Handwerk des millionenschwer entlohnten Konkursverwalters Görg richten.

Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt verlässt nach nur wenigen Monaten den angeschlagenen Warenhaus-Konzern. Quelle: dpa

Zuerst hat Berggruen Karstadt den Kopf abgeschlagen. Der Konkursverwalter, von der Leyen und die Gewerkschaften waren zufrieden. Berggruen übernahm nämlich als erstes die vom Karstadtkonzern abgetrennten Namensrechte und sicherte sich damit die Firma Karstadt für lächerliche 5 Millionen Euro, wie es hieß. Dies war die erste Zerlegung des Arcandor-Restkonzerns, die Berggruen ungeniert in aller Öffentlichkeit vornahm.

Eingeführte Namen oder Marken sind allerdings alles andere als Schall und Rauch. Und natürlich erschließt sich jedem spätestens auf den zweiten Blick, dass der konstant Verluste einfahrende, sterbende Handelsriese Karstadt noch weniger wert wäre, wenn er sich nicht mehr "Karstadt" nennen dürfte. Für Berggruen war der Kauf des Namens Karstadt eine sensationelle Entscheidung. Er kassiert, seitdem er Karstadt für nichts übernommen hat, jährlich millionenschwere Lizenzgebühren dafür, dass er Karstadt den Namen Karstadt großzügig auf Zeit überlässt.

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