Buch über Rolle um Zweiten Weltkrieg: Wie C&A von Hitler profitierte

Buch über Rolle um Zweiten Weltkrieg: Wie C&A von Hitler profitierte

, aktualisiert 29. Juli 2016, 17:28 Uhr
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Quelle: Draiflessen Collection, Mettingen, Sig. 108667

von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Viele Konzerne öffnen ihre Archive nur sehr ungern, damit Historiker die Nazi-Vergangenheit erforschen können. C&A tat dies, wenn auch spät, freiwillig. Das Ergebnis ist für die Eigentümer „geradezu schockierend“.

Düsseldorf„Klamotten kaufen“ - ein Ausdruck, den wir heute noch nutzen. Populär wurde er in Mitte der 30er-Jahre. Es war die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Zeit, in der die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler Deutschland unterjochten. Viele, praktisch alle Unternehmen mussten sich damals entscheiden, ob und wie sie mit dem Regime zusammenarbeiten wollten – C&A bildete da keine Ausnahme.

Um es vorweg zu nehmen: Für die Bekleidungskette C&A war der zweite Weltkrieg eine Zeit voller innerer und äußerer Widersprüche. Teils profitierten sie vom Regime, teils litt das Unternehmen unter dem Weltkrieg. Das klingt offensichtlich, ist aber angesichts vieler anderen Unternehmensgeschichten nicht selbstverständlich. Allein in den vergangenen drei Jahren kam reichlich Belastendes über die Nazi-Vergangenheit deutscher Konzerne ans Licht.

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So haben Bayer und BASF ihre Archive geöffnet, um Genaues über ihren Vorgängerkonzern IG Farben zu erfahren. Bei den Quandts kam die Bereitschaft spät und offenbar nur bedingt freiwillig. Die Oetkers waren spät dran, weil Patriarch Rudolf-August Oetker bis zu seinem Tod im Jahr 2007 ein Veto gegen die Aufarbeitung eingelegt hatte. Bei Thyssen-Krupp ist das Thema wegen Kriegsmaschinen besonders heikel und auch bei der Lufthansa hieß es bis zur Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse stets, dass die Weste weitgehend weiß sei.

Während sich um das vor einige Monaten erschienene Werk „Adler und Kranich“ von Lutz Budrass Gerüchte ranken, das die Lufthansa nicht jedes Detail veröffentlich sehen wollte, liegt die Sache bei C&A klar auf der Hand: Die vielköpfige Familie hat dem Historiker Mark Spoerer freie Hand gelassen und die Firmenarchive geöffnet. Heute sagt das derzeitige Familienoberhaupt, von all dem nichts gewusst zu haben und wie „schockiert“ man nun sei – doch dazu und zu möglichen Begründung für das Verhalten später.

Herausgekommen ist mit „C&A – ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien“ ein Buch, dessen Stil so deskriptiv-wissenschaftlich daherkommt wie sein Titel, aber dennoch nicht nur für Geschichtsfanatiker sehr lesenswert ist. Das liegt nicht nur an der Phase rund um den Zweiten Weltkrieg, sondern vor allem an den Besonderheiten des Unternehmens selbst: Heimat der Gründer-Familie Brenninkmeijer ist bis heute das Dorf Mettingen in Westfalen. Allerdings wurde C&A in den Niederlanden gegründet und die Familie fühlt sich -  wohlgleich heute mehr Grenzgänger denn je – als holländisch.

Was Clemens und August (C. & A.) Brenninkmeijer am 1. Januar 1841 mit 3301 Gulden Eigenkapital plus eines väterlichen Kredites schufen, wurde vor allem in der zweiten Generation zum Erfolgsmodell. Sie drehten das althergebrachte Branchenprinzip um: So ging es nicht mehr darum, den Verkaufspreis möglichst weit über dem Einkaufspreis anzusetzen, sondern die Preise so niedrig anzusetzen, dass die Ware für breite Käuferschichten attraktiv wurde. Was sich heute selbstverständlich anhört, war damals auch neu: feste, nicht verhandelbare Preise uns sofortige Bezahlung. Das senkte Transaktionskosten.


Wie man sich bei den Nazis einschmeichelt

Dieses Prinzip haben die Brenninkmeijers nicht erfunden – das waren eher Woolworth’s, Vroom & Dreesmann, Karstadt oder Marks & Spencer –, aber konsequent angewendet. 1911 wagten die Brenninkmeijers den Sprung nach Deutschland, überstanden den Ersten Weltkrieg gut und auch die Weltwirtschaftskrise besser als viele andere Unternehmen. Neben den Niederlanden und Deutschland war Großbritannien ein wichtiger Markt geworden – nicht zuletzt, weil der Krieg hier das Geschäft kaum beeinträchtigt hatte.

Von Beginn an war C&A eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Unternehmen. Die aggressive Art der Werbung war bei Kunden so erfolgreich wie bei Konkurrenten verhasst. Auf der anderen Seite pflegten die Brenninkmeijers ihr Image als von Werten getriebenes Familienunternehmen dadurch, dass sie zehn Prozent des Nachsteuergewinns für wohltätige Zwecke spendeten – in der Regel mit lokalem Bezug, was auch zur Beziehungspflege mit ortansässigen Behörden beitrug.

Und es ging streng katholisch zu – aus moderner Sicht im Guten wie im Schlechten: Frauen wurden nach der Hochzeit gebeten, nicht mehr für C&A zu arbeiten, sondern sich um Haus und Hof zu kümmern. Im Zweifel wurden sie entlassen. Filiale um Filiale wurde neu eröffnet. Vor allem in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre florierte das Geschäft – und die Marke drehte sich: Hieß es bis dato, „lass uns zu Brenninkmeijers gehen“, warb die Familie intensiv mit dem Label C&A, das sich schlussendlich auch durchsetzte.

Probleme ganz anderer Art ergaben sich am 30. Januar 1933 durch die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Die Brenninkmeijers sahen dies aus drei wesentlichen Gründen mit gemischten Gefühlen, auch wenn die NSDAP im Vergleich zu den Kommunisten aus ihrer Sicht das kleinere Übel und es für einen Einzelhändler nützlich war, dass „auf den Straßen Ordnung herrschte“: Erstens war C&A de facto ein niederländischen Unternehmen und die Brenninkmeijers Ausländer. Deshalb wurden auch die Anträge auf NSDAP-Mitgliedschaft abgelehnt.

Zweitens waren die Brenninkmeijers dezidiert katholisch. Ich würde den ganzen Absatz so enden lassen: …dezidiert katholisch – nicht unbedingt ein Empfehlungsschreiben in den Augen der neuen Machthaber. Zudem mussten sie als erfolgreiche Unternehmer mit Sorge auf antikapitalistische Strömungen innerhalb der NSDAP blicken.

Die Brenninkmeijers schmeichelten sich mit erheblichen Spenden an Nazi-Organisationen ein und sie profitierten Mitte der 30er-Jahre vom wirtschaftlichen Aufschwung. C&A passte sich den Gegebenheiten an und  die Familie lenkte den Cashflow nicht mehr in den Ausbau des Filialnetzes oder ins Ausland, sondern kaufte Immobilien zu günstigen Preisen. Vor allem profitierte das Unternehmen von der Verdrängung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben: „In den Quellen ist nicht zu erkennen, dass C&A in irgendeiner Weise Rücksicht auf die Notlage jüdischer Vorbesitzer nahm; vielmehr wurden günstige Gelegenheiten im Rahmen der „Arisierung“ gerne ergriffen“, urteilt der Autor Mark Spoerer.

Zwar habe C&A im Zuge der Arisierung keine Konkurrenten oder Kleiderfabriken übernommen und es gebe auch keine Indizien, dass die Brenninkmeijers irgendwelche Sympathien für das NS-Regime hegten. Sie nahmen aber die geschäftlichen Chancen „ohne erkennbaren Skrupel“ und mit Billigung der Zentrale in Amsterdam wahr. Das stand nicht nur in krassem Widerspruch zu den katholischen Werten der Familie, sondern auch zum Ideal des ehrbaren Kaufmanns.

Laut Spoerer gab es durchaus Möglichkeiten, jüdischen Vorbesitzern faire Preise zu bezahlen, ohne die Nazis darauf aufmerksam zu machen. Grundsätzlich war das Unternehmen seit jeher sehr zurückhaltend bei der Einstellung von jüdischen Mitarbeitern. Das hinderte die Brenninkmeijers übrigens nicht daran, ihr Vermögen der jüdischen Bank Lazard Brothers anzuvertrauen.

Zweitens profitierte C&A von der Ausbeutung jüdischer Zwangsarbeiter. Bis 1943 hatte C&A keine Aufträge an das KZ-Sammellager Ghetto Lodz vergeben, wo auf vier umzäunten Quadratkilometer 158.000 Juden lebten. Doch Ende des Jahres intensivierte C&A in die Kooperation mit der Ghettoverwaltung. Die deutschen Behörden wollten sich die Arbeitskraft der dort lebenden Juden zunutze machen - unter unmenschlichen Bedingungen.

In ihrer Selbstwahrnehmung sahen sich die Brenninkmeijers laut Mark Spoerer aber als Opfer der NS-Zeit. Das lag an der wirtschaftlichen Durstrecke während des Krieges und an der Zerstörung von 20 der  56 C&A-Filialen durch Luftangriffe. Drei von diesen 20 plus zwei heil gebliebene Häuser verloren die Brenninkmeijers nach dem Krieg, weil sie im Osten Deutschlands lagen, also in der russischen Zone.


Die verschwiegenen Brenninkmeijers gehen an die Öffentlichkeit

Dennoch konnte C&A seine speziellen Vorteile gegenüber die Konkurrenz in den späten 40er- und 50er-Jahren bestens ausspielen. Das Unternehmen profitierte vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung überproportional und übernahm in Deutschland und den Niederlanden die Marktführerschaft im Textileinzelhandel. Durch die eigene Fertigung war C&A sehr flexibel bei der Mode, der Disposition, dem Lagerumschlag, hatte eine starkes Image als Preisbrecher und die Zahlungsmoral war in dieser Phase nach beiden Seiten bestens.

Doch den wesentlichen Grund für den langjährigen Erfolg von C&A sieht der Autor in der Führungsstruktur. Bis heute agieren die Brenninkmeijers im Rahmen eines streng katholischen Wertekanons und mit einer klaren Aufteilung, wer wann wie viel zu sagen hat: Die Macht im Unternehmen wurde stets von Generation zu Generation weitergegeben. Externe haben bis heute praktisch keinen Einfluss. Wenn ein Vater nicht ins Geschäft einsteigen möchte, haben seine Nachfahren keinen Anspruch aus Mitbestimmung. Diese enge Beschränkung des Top-Managements auf die eigene Familie birgt Nachteile – in der Fachsprache nennt man es das „Buddenbrook-Syndrom“. Eine hohe Kinderzahl und eine sorgfältige Ausbildung sollte dieses Risiko bei den Brenninkmeijers minimieren.

Die Unitas – lateinisch für Einheit bzw. Einigkeit – sei bis heute wesentlich, wie Maurice Brenninkmeijer im Interview mit der „Zeit“ jüngst erklärte. Dieser Gang an die Öffentlichkeit des Clan-Oberhauptes war außergewöhnlich und hatte direkt mit dem Erscheinen des Buches zu tun. Dessen Vorteil ist der klare Fokus, was auch zu einer vergleichsweise überschaubaren Länge von 370 Seiten plus Anhang führt: erstens regional auf die drei genannten Länder und zweitens zeitlich, nämlich von 1911 bis 1961. Schlussfolgerungen und Wertungen muss der Leser selbst ziehen. Vergleiche mit anderen Konzernen in dieser Zeit hätten gut getan, fehlen aber weitgehend.

Zwar deutet Spoerer den inneren Konflikt der Brenninkmeijers an, mit den Nazis kooperieren zu müssen, auch wenn das gegen alle inneren Werte steht, aber der Leser muss selbst Mutmaßungen anstellen, was die handelnden Personen in den 30er-Jahren mit sich ausmachen mussten. Machte es einen Unterschied, dass nicht ein Mann – oder wenige Führungsoberhäupter – allein mit der Entscheidung leben mussten? War es so, dass die große Gruppe der Familie die Entscheidung einfacher machte?

Dies sind einige der Fragen, auf die allem Anschein nach keine Antworten in den Unterlagen der Archive zu finden waren. Und es gibt auch keine Stellungnahmen von Zeitzeugen oder anderen Familienmitgliedern in dem Buch. Das ist sehr schade und der Leser wundert sich, ob der Autor nicht fragen wollte oder nicht fragen durfte. Denn gerade hier wäre ein Lerneffekt zu erzielen gewesen.

So verwirrend wie bezeichnend ist die Passage im „Zeit“-Interview mit Maurice Brenninkmeijer, wo das jetzige Clanoberhaupt auf die Verhaltensweise seiner Vorfahren während der Nazi-Herrschaft angesprochen wird. Das Buch wäre mit seinen neuen Erkenntnissen „geradezu schockierend“ für die Familie gewesen. Die Familie habe bis 2011 geglaubt, nur so viel wie eben gerade nötig mit den Nazis kooperiert zu haben.

Jetzt nennt er es „Opportunismus“ und begründet die „Herzlosigkeit“ und die „ethisch falschen Entscheidungen“ seiner Vorfahren damit, dass sie wohl zu sehr aufs Geschäft fokussiert gewesen wären: „Es ist schwer, unter Druck Haltung zu bewahren. Und im Stress des täglichen Geschäftes läuft man schnell Gefahr, die wichtigen Dinge aus den Augen zu verlieren“, sagt Brenninkmeijer. Zwar wiederholt sich Geschichte nicht. Aber das gilt immer noch: Unternehmen müssen auch heute noch ständig mit autokratischen Regimen umgehen lernen. Das macht auch die Geschichte von C&A so aktuell.

Bibliographie:
Mark Spoerer
C&A – ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien
C.H. Beck Verlag, München 2016, 480 Seiten

Quelle:  Handelsblatt Online
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