Crowdsourcing: Wenn der Kunde seine eigenen Produkte entwickelt

Crowdsourcing: Wenn der Kunde seine eigenen Produkte entwickelt

, aktualisiert 12. November 2011, 11:13 Uhr
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„Marke Eigenbau“: Henkel hat eine Pril-Flasche von Facebook-Nutzern gestalten lassen.

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Große Konzerne wie Procter & Gamble vertrauen zunehmend auf die Weisheit und das Engagement ihrer Kunden. Das sogenannte „Crowdsourcing“ lässt die Konsumenten zu Erfindern der Produkte werden, die sie später kaufen.

DüsseldorfDie Weisheit der Masse kann dabei helfen, Gold zu finden. Rob McEwen, Chef des kanadischen Bergbaukonzerns Goldcorp, stellte 400 Megabyte Daten des neu untersuchten Goldfelds Red Lake komplett online und rief Internet-Nutzer zur „Goldcorp Challenge“ auf. Das erstaunliche Ergebnis: 100 neue Fundstellen. McEwen war begeistert, seine Firma ließ für das Profiwissen der Hobbygeologen 575.000 Dollar Preisgeld springen. Online-Experten sind sicher, dass das Beispiel Goldcorp Schule machen wird.

Denn auch große Konzerne vertrauen bereits auf die Vision der Schwarmintelligenz, im Englischen „Crowdsourcing“ genannt. Ob Procter & Gamble, der IT-Konzern Dell oder die Kaffeehauskette Starbucks: In immer mehr Bereichen zapfen Unternehmen die Weisheit der Vielen an. Der Trend könnte dazu führen, dass die Entwicklungsabteilungen vieler Firmen im Jahr 2020 kleiner sind – und einige von ihnen völlig anders funktionieren. Was heute über Konzernwebseiten an Ideen der Kunden herangetragen wird, beginnen Forschungsabteilungen bereits zu systematisieren.

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Eines Tages könnten Kunden nicht nur die Marktforschung für Firmen übernehmen, sondern auch Entwicklung und Produktdesigns, glauben Experten: „Die Entwicklung beginnt gerade erst, das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft“, sagt Nikolaus Franke, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Ob die beliebtesten sozialen Internetplattformen im Jahr 2020 noch Facebook oder Twitter heißen werden, ist schwer zu prognostizieren. Klar zeichnet sich jedoch ab, dass sich „König Kunde“ immer mehr Macht sichert. So könnten Menschen im Netz bald Sportschuhe entwerfen und darüber abstimmen, welches Modell in Serie geht; sie könnten Duftnoten für ein neues Duschgel bestimmen und vieles mehr. „2020 wird das eine selbstverständliche Form sein, wie Unternehmen an Innovationen kommen“, sagt Franke.

Erste Ansätze zeigen sich bereits im Modebereich, wo Internetnutzer zum Beispiel Motive auf T-Shirts selbst gestalten. Das ist ein Anfang, der große Konsumgüterhersteller zu ähnlichen Aktionen verleitet. Henkel etwa hat eine Spülmittelflasche seiner Marke „Pril“ von Facebook-Nutzern gestalten lassen. Noch zahlen viele Konzerne dabei Lehrgeld: Henkel erhielt Boykottaufrufe, weil der Konzern den beliebtesten Entwurf der Nutzer ablehnen musste. Gewonnen hatte ein Etikett mit der Aufschrift: „Pril – schmeckt lecker nach Hähnchen“.

Doch Franke ist überzeugt, dass die Industrie schnell lernen wird. Der Wissenschaftler hat in einer Studie herausgefunden, dass Fairness entscheidend für den Erfolg von Crowdsourcing ist. Künftig werde das Thema „Schwarmintelligenz“ nur mit festen Regeln funktionieren – und mit Belohnung für die Mitwirkenden, wie bei der Bergbaufirma Goldcorp.

Die schöne Zukunftsvision könnte sich jedoch auch ins Gegenteil verkehren: Die Berliner Buchautoren Holm Friebe und Thomas Ramge feiern die „Marke Eigenbau“ bereits als alternative Lebensform. In ihrem Modell wird die Weisheit und Kreativität der Masse zu einer Bedrohung insbesondere für große Unternehmen: Sie erwarten, dass selbst entworfene Produkte, einfach vermarktet im Internet, die Kreativen unabhängig von den Unternehmen machen.      


Quelle:  Handelsblatt Online
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