Demontierte Marke: Schleckers fatale Fehler bei Ihr Platz

Demontierte Marke: Schleckers fatale Fehler bei Ihr Platz

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Billigware im Wellnessshop: Schleckers Eigenmarken schadeten dem Ihr-Platz-Image

von Harald Schumacher und Henryk Hielscher

Die insolvente Drogeriekette Ihr Platz kann alleine kaum überleben. Sie leidet unter den Management- und Marketingfehlern der Schlecker-Ära.

Wenn Jakob Ruprecht davon berichtet, wie 2008 Manager aus dem baden-württembergischen Ehingen in die Zentrale der Drogeriekette Ihr Platz im niedersächsischen Osnabrück einfielen, dann spürt man noch heute: Es war wie eine Begegnung mit Außerirdischen. „Eine ihrer ersten Amtshandlungen war, gerahmte Fotos von Anton und Christa Schlecker an den Wänden aufzuhängen und auf den Schreibtischen aufzustellen“, gräbt Ruprecht in seinen Erinnerungen. Was er meint, sind die berühmt-berüchtigten Porträts, auf denen Anton Schlecker Pagenschnitt trägt und aussieht wie der Bruder von Frankensteins Monster.

Ruprecht war von 2006 bis 2008 Marketing- und PR-Chef bei Ihr Platz. Seinen eigenen Platz dort mussten er und eine Riege von Führungskräften räumen, kurz nachdem die Herren mit den gerahmten Fotos kamen. Drogerie-Champion Schlecker hatte Ihr Platz Silvester 2007 von Finanzinvestoren übernommen. Das Ende ist bekannt: Kurz nach Schlecker ging Ende Januar 2012 auch Ihr Platz in die Knie.

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Personenkult um die Schleckers: Fotos von Firmenchef und Gattin waren ein Muss

Experten bezweifeln, dass das Unternehmen alleine überleben kann. Dafür ist die Kette mit jetzt 612 Märkten bundesweit, von denen der vorläufige Insolvenzverwalter Werner Schneider 142 schließen will, nicht groß genug. Rund 900 Mitarbeiter müssen gehen. Doch während sich die öffentliche Aufmerksamkeit derzeit auf die Finanzierung einer Transfergesellschaft für die Schlecker-Beschäftigten richtet, bleibt Ihr Platz unterhalb des Radars. Das war im Grunde schon seit der Übernahme durch Schlecker so.

Was ist eine Transfergesellschaft?

  • Wann wird eine Transfergesellschaft gegründet?

    Eine Transfergesellschaft wird dann ins Leben gerufen, wenn sich das Unternehmen aus eigener Kraft nicht mehr retten kann, und durch diese Krise Massenentlassungen nicht zu vermeiden sind.

  • Was ist der Zweck von Transfergesellschaften?

    Der Zweck einer Transfergesellschaft ist es, Arbeitnehmer, die gekündigt werden sollen, in einen befristeten Arbeitsvertrag zu übernehmen. Dazu wird eine eigene Gesellschaft gegründet. Für die Gründung der Transfergesellschaft gibt es ein gesetzlich definiertes Verfahren. Es wird in enger Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit umgesetzt. Beim Wechsel in eine Transfergesellschaft werden die Mitarbeiter für maximal ein Jahr weiter beschäftigt.

  • Was ist das Ziel der Transfergesellschaft?

    Transfergesellschaften haben ausschließlich das Ziel, die bei ihnen angestellten Beschäftigten so schnell wie möglich in neue Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. Wer in eine Transfergesellschaft wechselt, ist dort angestellt - nicht beim bisherigen Arbeitgeber. Die Schlecker-Mitarbeiter wäre also nicht mehr bei Schlecker beschäftigt, sondern in der neu gegründeten Transfergesellschaft.

  • Welche Unternehmen haben Transfergesellschaften genutzt?

    Einige große Konzerne haben in schweren Krisensituationen, in denen tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel standen, bereits Transfergesellschaften gegründet: Telekom, Opel, Infineon, der Autozulieferer Phoenix, die ehemalige Siemens-Tochter BenQ.

  • Welches Gehalt bekommen Transfergesellschaft-Beschäftigte?

    Rechtlich handelt es sich bei Transfergesellschaften um so genannte strukturelle Kurzarbeit. Das bedeutet, die Beschäftigten erhalten "Transferkurzarbeitergeld". Das beträgt 60 Prozent des Nettolohns für Mitarbeiter, die keine Kinder haben; Mitarbeiter mit Kind erhalten 67 Prozent des letzten Nettolohns. Diesen Betrag zahlt das Arbeitsamt aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. In vielen Fällen stockt der ehemalige Arbeitgeber das Gehalt auf 80 Prozent auf.

  • Wie funktionierte die Transfergesellschaft bei Opel?

    Während der ersten Transfergesellschaft 2010 bekamen die Ex-Opelaner 80 Prozent ihres letzten Gehalts. Finanziert wurde das zu gleichen Teilen von der Arbeitsagentur und Opel. Ausgelegt war die Transfergesellschaft für zwölf Monate. Wer vorher einen neuen Job fand, bekam eine sogenannte Sprinter-Prämie: Für jeden Monat, den der Autokonzern das Gehalt nicht mehr zahlen musste, gab es 1000 Euro für die Ex-Mitarbeiter. So sollte ein Anreiz geschaffen werden, dass sich die Mitarbeiter nicht zwölf Monate lang weiterbezahlen lassen und dann erst aktiv nach Jobs suchen.

  • Wie finanzierte sich die Opel-Transfergesellschaft?

    Dem TÜV Nord standen Gelder aus dem Europäischen Globalisierungsfonds (EGF) in Höhe von 6,9 Millionen Euro zur Verfügung, um die Mitarbeiter weiterzubilden und zu vermitteln. „Wir hatten 4,3 Millionen Euro von Opel und die Möglichkeit bei Bedarf bis zu 6,9 Millionen Euro vom EGF abzurufen“, sagt Hermann Oecking, Geschäftsführer des TÜV Nord Transfer.

    „Beim EGF gab es zwei Fördertöpfe. Einen für die klassischen Qualifizierungsmaßnahmen und einen für sonstige arbeitsmarktpolitische Instrumente wie Job-Speed-Datings mit Arbeitgebern, Job-Messen und so weiter.“

    Abgerufen wurde laut dem  Bundesarbeitsministerium jedoch nur 3,182 Millionen Euro für Qualifizierung, Beratung und Betreuung der Beschäftigten nach dem Ausscheiden aus der Transfergesellschaft. Hinzu kamen nochmal 430.000 Euro für Verwaltungskosten des TÜV Nord. Nach den  EU-Vorgaben habe der TÜV Nord zuerst das von Opel zur Verfügung gestellte Geld ausgeben müssen. „Danach wurden mit  EGF -Gelder alle weiteren Maßnahmen ermöglicht, die für die berufliche Zukunft sinnvoll waren“, sagt er. „Mit dem Mittelabruf liegen wir im Durchschnitt vergleichbarer Transfergesellschaften. Dies hat das Bundesarbeitsministerium bestätigt."

Eigentlich wollte der frühere Drogerie-Tycoon Ihr Platz zur Premium- und Wellnessmarke in seinem Reich ausbauen. Tatsächlich hat er die Kette auf Schlecker- Niveau heruntergewirtschaftet.

Die Entscheidung, Logistikkosten zu senken, war noch nachvollziehbar. 2010 wurde das Ihr-Platz-Lager in Osnabrück geschlossen. Schlecker übernahm die Warenverteilung.

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