
Düsseldorf/New YorkEs war der dritte Anlauf für einen Zusammenschluss, doch die EU-Kommission hat der Mega-Fusion von Deutscher Börse und der New Yorker Börse Nyse am Ende kein grünes Licht gegeben. Gegen das Nein aus Brüssel hätten die beiden Konzerne zwar vor dem Europäischen Gerichtshof klagen können - aber ihre Chefs Reto Francioni und Duncan Niederauer verzichteten und ließen ihren Plan endgültig fallen.
Die EU-Wettbewerbshüter hatten sich vor allem am Börsenhandel mit Derivaten gestoßen, der nach einer Fusion etwa 90 Prozent Marktanteil gehabt hätte - ein Monopol im europäischen Derivatemarkt. „Wenn man ein solches Monopol zulässt, das zu höheren Preisen und weniger Innovation führt, dann ist das nicht im europäischen Interesse“, sagte EU-Kommissar Joaquin Almunia. „Am Ende hatten wir keine andere Alternative, als die Fusion zu verbieten.“
Nach der geplatzten Fusion heißt es jetzt: Alles auf neu, und die beiden Unternehmer richten ihren Blick nach der herben Schlappe in die Zukunft. „Wir können das EU-Verbot verkraften. Die Deutsche Börse konzentriert sich nun auf ihr Wachstumsprogramm aus eigener Kraft“, verkündete Deutsche-Börse-Chef Francioni in einer ersten Stellungnahme. Der Dax-Konzern gehe nach einer „deutlichen Ergebnissteigerung“ im vergangenen Jahr mit „positiven Wachstumserwartungen“ ins Jahr 2012. „Was jetzt folgt, ist ein zäher Wettlauf aller Börsenplätze - die asiatischen eingeschlossen - um die beste Positionierung an den Kapitalmärkten“, sagte der Schweizer.
Knapp zwei Wochen nach dem Scheitern wird er den Aktionären bei der Präsentation der Geschäftszahlen für 2011 erklären müssen, warum der Deal geplatzt ist, was er stattdessen plant und wie sich das Unternehmen alleine im globalen Wettbewerb behaupten will. Etwa 80 Millionen Euro investierte der Frankfurter Marktbetreiber 2011 in das Projekt. Analysten erwarten für das erste Quartal 2012 nochmals Kosten in zweistelliger Millionenhöhe für das Fusionsvorhaben.
Und so steht die Frage im Raum, ob sich Reto Francioni bis Ende Oktober 2013 - so lange läuft sein Vertrag - an der Spitze des Dax-Konzerns halten kann. Auf Dauer werden sich die Anteilseigner der Börse in einem von Konsolidierung geprägten Marktumfeld wohl kaum mit „Wachstum aus eigener Kraft“ begnügen. Allerdings spricht momentan einiges dafür, dass an der Spitze des Konzerns erst einmal nichts überstürzt wird.
In einer Pressemitteilung signalisierte der Börsen-Aufsichtsratschef Manfred Gentz bereits, dass er hinter Francioni steht. „Es besteht zu grundlegenden Änderungen von Strategie, Struktur und Führung kein Anlass, vielmehr sind jetzt Ruhe und Kontinuität geboten“, ließ er per Pressemitteilung verbreiten. Man dürfe nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, fordert dagegen Johannes Witt, Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat: „Hier sind ganz klar Managementfehler passiert, dafür müssen hoch bezahlte Vorstände die Verantwortung übernehmen.“ Aber dass die Arbeitnehmer Stimmung gegen Francioni machen, halten andere für unwahrscheinlich. Wie „Welt Online“ schreibt, heißt es aus dem Umfeld des Schweizers, dass keine Anzeichen dafür gebe, dass die Kapitalseite Francioni stürzen will.
New Yorker Börse will Frankfurt angreifen
Mit guten Zahlen will der Schweizer nun seinen Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Seit November 2005 führt der heute 56-jährige Francioni die Deutsche Börse AG. Der Vater zweier Kinder gilt als Mannschaftsspieler. Zunächst muss er sich weiter als Einzelkämpfer durchschlagen. Mit dieser Rolle wird er sich aber nicht dauerhaft abfinden, denn er hat erkannt: „Immer mehr unserer Kunden sind global, und deshalb müssen auch Börsenbetreiber global aufgestellt sein.“ Der gescheiterte Zusammenschluss wird also für die Deutsche Börse nicht der letzte Fusionsversuch bleiben.
Bis vor kurzem noch Fusionspartner der Deutschen Börse, will auch die Nyse in Zukunft investieren - vor allem in Europa. Damit stößt Niederauer ins Revier von Francioni vor. „Für uns wird es 2012 zuerst ein Kernelement unser Strategie sein, die Entwicklung der Lösungen für die Geschäfte unterhalb des Handels für Aktien und Derivate in Europa abzuschließen“, sagte der Nyse-Chef am Freitag bei Vorstellung der Geschäftszahlen. Das sind Marktbereiche, in denen eine Tochter der Deutschen Börse, Eurex Clearing, in Europa besonders stark ist. Wegen der Fusionspläne hatte die Nyse zuletzt in diesem Bereich in Europa einige Projekte gestoppt.
Niederauer machte nun deutlich, dass mit der Entscheidung der EU-Kommission die Fronten wieder klar gezogen seien. „Also, die Fusion ist tot. Sie liegt hinter uns. Und das will ich ganz unmissverständlich so feststellen“, so der Nyse-Chef. Er betonte, das Unternehmen sei auch ohne die Deutsche Börse gut aufgestellt. So sei die Nyse weiterhin bei Börsengängen weltweit führend. Der nächste US-Wettbewerber rangiere auf der globalen Rangliste auf Platz 8, fügte er mit einem Seitenhieb auf die US-Technologiebörse Nasdaq hinzu.
Um die Aktionäre der Nyse bei Laune zu halten, stellte er Aktienrückkäufe und eine stabile Dividende in Aussicht. „Wir können sicher mehr machen als die 500 Millionen Dollar“, sagte er unter Verweis auf das Volumen eines laufenden Aktienrückkaufprogramms. Dazu werde man Tochterfirmen und Beteiligungen auf den Prüfstand stellen und sich gegebenenfalls von solchen, die die Erwartungen nicht erfüllen, trennen.
Eine detaillierte, neue Strategie für die Zeit nach der geplatzten Fusion soll am 2. April bei einer großen Investorenkonferenz vorgestellt werden. Niederauer machte klar, dass auch Fusionen oder Übernahmen in der Zukunft weiter Teil der Strategie des Unternehmens seien. „Wir haben einige interessante Ziele gesehen“, sagte er. Allerdings müsse man sich angesichts der jüngsten Ereignisse klarmachen, dass grenzüberschreitende Megafusionen schwierig seien. Neben der Fusion von Frankfurt und New York war 2011 unter anderem auch die Übernahme der Börse Toronto durch London geplatzt.
Bei den Quartalszahlen hat die Nyse Euronext die Erwartungen der Branchenexperten knapp übertroffen: Kurz nach der Absage der Fusion mit der Deutschen Börse ist der Gewinn der transatlantischen Börse um 13 Prozent gestiegen. Nyse Euronext verdiente im vierten Quartal nach Angaben vom Freitag 212 Millionen Dollar. Der Umsatz belief sich auf 628 Millionen Dollar. Der Nettogewinn, bereinigt um die Fusionskosten, belief sich auf 128 Millionen Dollar, während Analysten hier von gut 126 Millionen ausgegangen waren.
(Mit Agenturen)













