Digitale Revolution des Lesens: Das Ende des Buchs, wie wir es kennen

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Digitale Revolution des Lesens: Das Ende des Buchs, wie wir es kennen

von Andreas Menn, Matthias Hohensee, Thomas Kuhn, Benjamin Reuter, Dieter Schnaas und Peter Steinkirchner

Romane mit Soundtrack, Leser als Co-Autoren, die Weltliteratur per Flatrate – Digital-Pioniere erfinden das Schreiben und Lesen von Texten neu. Die Folge: Nie war die Vielfalt der Geschichten größer als heute. Aber brauchen wir dafür noch Händler und Verlage?

Schriftsteller, heißt es, seien einsame Menschen. Bei Robert Thier gilt das Gegenteil, er kann sich vor Zuspruch kaum retten. Woche für Woche lädt der Autor ein weiteres Kapitel von „Storm and Silence“ ins Netz, dem Historienroman, an dem er seit Monaten schreibt. Sekunden später kommentieren die Fans bereits den Fortgang der Handlung.

Eine Gemeinde aus gut 18.000 Lesern verfolgt die Entstehung seines Schmökers auf der Online-Plattform Wattpad. Heldin der Geschichte ist Lilly, eine fiktive Feministin im viktorianischen England, die sich als Mann verkleidet, um wählen zu gehen. Es geht um Freiheit, das britische Empire und eine Reise um die Welt.

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Wie der deutsche Buchmarkt tickt

  • Umsatz

    Fast zehn Milliarden Euro setzt der Buchhandel um. Die Erlöse sind tendenziell rückläufig, 2013 (9,54 Milliarden) gab es ein mageres Plus von 0,2 Prozent.

  • Wer macht das dickste Geschäft?

    Der klassische Buchhandel immer noch etwa zur Hälfte (48,6 Prozent). Übers Internet wird inzwischen fast jedes sechste Buch (16,3 Prozent) verkauft. Nach steilem Wachstum gab es beim E-Commerce aber 2013 erstmals einen kleinen Rückschlag.

  • Wie schlägt sich das E-Book?

    Es ist inzwischen bei fast allen Verlagen im Programm. Der Umsatzanteil liegt aber erst bei 3,9 Prozent, bei starkem Wachstum. 2012 waren es noch 2,4 Prozent.

  • Wer liest Bücher?

    Es sind vor allem Frauen: 46 Prozent greifen täglich oder mehrmals zu einem Buch, aber nur 30 Prozent der Männer. Am meisten lesen Menschen im Alter von 60 bis 69 Jahren Bücher - und Großstädter.

  • Wer kauft die meisten Bücher?

    Wiederum das weibliche Geschlecht: Mehr als zwei Drittel der Frauen haben 2013 ein Buch gekauft - nur 53 Prozent der Männer. Auch beim Kauf von E-Books haben Frauen inzwischen die Männer leicht überholt.

  • Wollen Kinder überhaupt noch lesen?

    Bei Kindern zwischen 6 und 13 Jahren liegt das Bücherlesen (KIM-Studie von 2012) auf Platz 12 der liebsten Hobbys. 51 Prozent interessieren sich für Bücher, 14 Prozent der Kinder lesen täglich, allerdings sind darunter deutlich mehr Mädchen (21 Prozent) als Jungen (7 Prozent). Der Anteil der Kinder- und Jugendbücher am Umsatz im Buchmarkt liegt derzeit stabil bei etwa 16 Prozent.

  • Was lesen die Deutschen am liebsten?

    Die Deutschen lesen am meisten belletristische Literatur: Gut jedes dritte verkaufte Buch (33,8 Prozent) zählt zu Romanen, Krimis, Fantasy oder Comics. Ratgeber werden immer beliebter und machen inzwischen fast 15 Prozent des Umsatzes aus. Lexika und Nachschlagwerke sind die großen Verlierer, da sich viele Informationen heute im Internet recherchieren lassen.

  • Topseller 2013

    Deutscher Spitzentitel im vergangenen Jahr war „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson. Darauf folgte Timur Vermes' Hitler-Persiflage „Er ist wieder da“.

  • Wo liegt Deutschlands Buch-Hauptstadt?

    Das ist eindeutig die Bundeshauptstadt. Inzwischen gibt es in Berlin zahlenmäßig auch mehr Verlage (178) als in München (134), wo Branchenführer Random House (Bertelsmann) sitzt. Die meisten Buchhandlungen pro Einwohner gibt es aber in Heidelberg, gefolgt von Darmstadt und Göttingen.

  • Wo steht Deutschlands Buchmarkt im weltweiten Vergleich?

    Der deutsche Markt gilt nach den USA als der zweitgrößte der Welt. Fast 100.000 Titel werden jedes Jahr produziert, über 10.000 Bücher übersetzt. Deutschland ist aber auch Exportnation. Ähnlich wie bei Autos ist China auch wichtigster Abnehmer bei Buchlizenzen - vor Spanien und Italien.

Thiers Leser können nicht genug davon bekommen. Sie loben jede überraschende Wendung, sie betteln um Fortsetzungen, sie leiden mit Lilly, wenn sie in der Klemme steckt. Sie finden Fehler, die Thier korrigiert. „Mir schreiben Pferdeexperten“, sagt er, „Hausfrauen, die auf dem Handy lesen, sogar Damen aus dem Seniorenheim.“

Die Wiedergeburt des Buchs

Noch verdient der 26-jährige Anglistik-Student aus Baden-Württemberg kein Geld mit seinen Texten. Doch er hofft auf eine Existenz als Schriftsteller. Andere Wattpad-Autoren stehen schließlich schon bei großen Verlagen unter Vertrag. Die werbefinanzierte Plattform selbst, 2006 von den Kanadiern Allen Lau und Ivan Yuen gegründet, ist längst ein Riesenerfolg: Mit 25 Millionen Mitgliedern ist sie der größte Schreib- und Leseclub aller Zeiten.

Geschichten wie die von Thier und Wattpad lassen sich neuerdings viele erzählen. Es sind Geschichten vom Sterben des Buches, wie wir es kennen – und von seiner Wiedergeburt in der Ära des Internets.

„Das gesamte Ökosystem vom Autor bis zum Leser entsteht neu“, sagt Rüdiger Wischenbart, Chef des Publishers’ Forum in Berlin, auf dem sich jedes Jahr die Verlagsbranche trifft. Heute schreiben Leser an Büchern mit, sie mieten Werke nur noch als E-Book auf dem Handy – oder abonnieren Hunderttausende auf einmal. Sie verschlingen Romane auf mehreren Geräten im Wechsel, kommentieren und teilen sie, wollen Film und Hörbuch gleich dazu.

Nie war es so leicht, ein Buch zu schreiben

All das verbirgt sich hinter Schlagwörtern wie Flatrates, Selfpublishing, Social Reading, die die Diskussionen auf der am Mittwoch gestarteten Frankfurter Buchmesse bestimmen werden. Nie war es so leicht, an das literarische Weltwissen zu gelangen, und nie so leicht, selbst ein Buch zu schreiben.

Absatz von E-Books in Deutschland. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Absatz von E-Books in Deutschland. (zum Vergrößern bitte anklicken)

„Wir sehen eine Explosion der Vielfalt und der Verfügbarkeit von Lesestoff“, sagt Wischenbart, „wie zuletzt im 18. Jahrhundert, als die Schulpflicht eingeführt wurde.“

Gerade mal sieben Jahre ist es her, da begann Amazon, den digitalen Büchern mit der ersten Version seines Lesegeräts Kindle den Weg in den Alltag zu ebnen (siehe Grafik). Zehn Jahre später, im Jahr 2017, werden E-Books bereits ein Sechstel der Belletristik-Umsätze in Deutschland einbringen, schätzen die Berater der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC – und in den USA sogar mehr als die Hälfte.

Wozu aber brauchen wir noch Verlage, wenn jeder im Internet Bücher schreiben und publizieren kann? Wo kaufen wir sie? Wie verändert die digitale Technik die Literatur? Und lesen wir künftig überhaupt noch Bücher? Antworten auf diese Fragen gibt eine Expedition zu den Büchermachern der Digital-Ära.

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