Discount-Kritiker: „Es herrscht ein Klima des Misstrauens“

ThemaEinzelhandel

Discount-Kritiker: „Es herrscht ein Klima des Misstrauens“

Bild vergrößern

Der Lebensmitteldiscounter Lidl räumte im März 2008 ein, dass Mitarbeiter mit Überwachungskameras bespitzelt wurden. Trostpflaster für die Angestellten: Lidl zahlte den Beschäftigten nach der überstandenen Krise eine Prämie von 300 Euro.

von Henryk Hielscher

Niedriglöhne, Kontrollwahn, Mobbing: Der Buchautor und frühere Aldi-Manager Andreas Straub erklärt im Interview, was im deutschen Einzelhandel falsch läuft.

WirtschaftsWoche: Herr Straub, in Ihrem neuen Buch „Die Billigmacher“ belegen Sie anhand von zahlreichen Beispielen den ruppigen Umgang mit Beschäftigten im Einzelhandel. Warum gerät die Branche immer wieder in die Schlagzeilen?

Straub: Der Wettbewerb im Einzelhandel ist hoch und viele Kunden verschärfen den Konkurrenzkampf unbewusst noch durch ihre Entscheidung, möglichst billig einzukaufen. All das bleibt nicht ohne Konsequenzen: Die Unternehmen versuchen die niedrigen Margen an anderer Stelle wieder herein zu holen – bei kleinen und mittleren Lieferanten, aber auch bei den Mitarbeitern.

Anzeige

Der ehemalige Aldi-Manager Andreas Straub. Quelle: Presse

Der ehemalige Aldi-Manager Andreas Straub.

Bild: Presse

WirtschaftsWoche: Wie äußert sich das?

Vor allem bei den Discountern, bei denen der Preis noch stärker im Vordergrund steht als bei anderen Vertriebstypen, geht es knallhart zur Sache. Tendenziell wird versucht, Betriebsräte und Gewerkschaften aus den Unternehmen rauszuhalten, oder ihren Einfluss zurück zu drängen. Auf die Beschäftigten wird ein permanenter Druck ausgeübt, der oft zu psychischen Belastungen führt. Insgesamt herrscht oft ein Klima des Misstrauens, daher kommt es auch immer wieder zu Überwachungs- und Bespitzelungsskandalen.

Die Unternehmen argumentieren, dass ohnehin schon viele Waren gestohlen werden oder Betrügereien mit Pfandflaschen stattfinden. Ohne Videoüberwachung würde die Schwundquote sprunghaft steigen.

Richtig ist, dass es ohne Kontrolle nicht geht und ich halte auch die Videoüberwachung von Ladenräumen für ein probates Mittel. Aber man muss Grenzen ziehen: es ist nicht notwendig, dass die Sozialräume oder die Lagerräume per Video überwacht werden. Kriminell wird es immer dann, wenn privates Verhalten von Beschäftigten systematisch erfasst wird.

Kommt das vor?

Offensichtlich. Immer wieder wird bekannt, dass sich Unternehmen für das Privatleben ihrer Beschäftigten interessieren. Mehrere Detektive, darunter die Detektei Wolfgang Paul, die für Aldi gearbeitet haben, erzählten mir, dass private Dinge dem Auftraggeber gemeldet werden mussten.

weitere Artikel

Dazu gehörten etwa Mitteilungen über mögliche finanzielle Schwierigkeiten eines Arbeitnehmers oder über Verhältnisse zwischen Mitarbeitern. Fliegt eine Bespitzelungsaktion auf, kann die Unternehmensspitze im Zweifel darauf verweisen, dass ein externer Dienstleister zuständig war: Man selbst hätte natürlich nie entsprechende Informationen angefordert.

Was muss passieren, damit sich die Lage bessert?

Auf die Einsicht der Discounter zu setzen, ist sicherlich nicht der richtige Weg. In meinem eBook zeige ich einige Möglichkeiten auf. Es muss weiter Druck über die Medien und Öffentlichkeit geben, vor allem müssen sich aber auch die Mitarbeiter stärker zur Wehr setzen und zum Beispiel Betriebsräte gründen. Und wo es entsprechende Gremien bereits gibt, sollten die Mitarbeiter darauf achten, dass die Betriebsräte ihren Job machen und Entscheidungen der Vorgesetzten nicht nur abnicken. 

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%