
DüsseldorfEinen besseren Sendeplatz hat die ARD nicht zu vergeben. Um 20.15 Uhr, gleich nach der "Tagesschau", flimmern normalerweise "James Bond" oder "Die Verführerin" über den Bildschirm. Gestern aber wartete der öffentlich-rechtliche Sender mit einem Novum auf - einer Dokumentation über ein Unternehmen. Schonungslos nahm das Erste den Discounter Lidl unter die Lupe.
Billig, billiger, Lidl? Die beiden Autoren Herbert Kordes und Shafagh Laghai entzauberten den Mythos Lidl. "Wie haben die Preise der Warenkörbe mit 35 Produkten verglichen. Bei Lidl kostete es knapp 52 Euro. Der Preisunterschied zum teuersten Supermarkt, Rewe, betrug gerade mal 1,70 Euro", sagte Filmautor Kordes gestern dem Handelsblatt. Fazit seiner Recherchen: der Preisunterschied bei Lidl ist überschätzt.
Die Sendung ist aber nicht nur wegen ihres Ergebnisses bemerkenswert. Sie stellt für die ARD einen Paradigmenwechsel dar: Unternehmensberichterstattung findet in dem Sender sonst, wenn überhaupt, in den Politmagazinen statt, die im Geiste der Nach-68er-Bewegung entstanden und sich quasi selbst überlebt haben. Verbrauchernahe Themen gab es in dieser Länge und um die Uhrzeit noch nie.
Der Sinneswandel ist die Folge einer Erfolgsgeschichte: Denn der WDR hatte Ende August vergangenen Jahres einen "Aldi-Check" ausgestrahlt. Der Zuschauererfolg über die Discounter-Kette verblüffte selbst erfahrene Programmmacher. Der WDR erreichte in Nordrhein-Westfalen mit dieser Dokumentation einen Marktanteil von 20 Prozent. Das entspricht 1,33 Millionen Zuschauern in NRW. Diese außergewöhnliche Quote ermutigt nun die ARD, Wirtschaftsreportagen auch in die Hauptsendezeit zu nehmen. Der "Lidl-Check" gestern Abend ist nur der Auftakt. Nächste Woche folgen zur gleichen Sendezeit der "McDonald's-Check" und in zwei Wochen der "H&M-Check".
Aldi und nicht Lidl gibt den Peis vor
Für die Unternehmen ist das massentaugliche Programm gefährlich. Denn laut einer von der ARD in Auftrag gegebenen Studie des Instituts für Handelsforschung glauben 70 Prozent der Befragten, dass sie bei Lidl weniger zahlen würden. Was aber so nicht stimmt, wie die ARD nachweist.
Denn die Hersteller müssen ihre Supermarkt-Preise immer mehr angleichen, um konkurrenzfähig zu sein. Seit Jahren arbeiten die klassischen Supermarktketten wie Rewe oder Edeka geschickt daran, Discounter wie Lidl beim Preiskampf einzuholen.
Die stärkste Waffe ist dabei ihr wachsendes Sortiment an billigen No-Names. Unter den Eigenmarken "Ja" (Rewe), "Gut & Günstig" (Edeka), "A&P" (Tengelmann) oder "Tip" (Real) bieten sie längst Produkte, die keinen Cent teurer sind als vergleichbare Artikel beim Discounter.
Die Strategie halten Edeka & Co. eisern durch. "Senkt einer der Discounter seinen Preis", berichtet Matthias Queck von der Frankfurter Marktforschung Retail Planet, "ziehen die Wettbewerber oft innerhalb weniger Stunden nach". Kein Wunder also, dass der Einkaufskorb mit No-Name-Produkten beim ARD-Test in jedem Lebensmittelladen exakt dasselbe kostete.
Für Produkte wie Milka-Schokolade oder Lätta-Margarine fahren sie eine ähnliche Strategie. Die wenigen Markenartikel, die auch bei Lidl zu kaufen sind, haben die klassischen Supermärkte gezielt auf dessen Preisniveau gesenkt. Ihr Geld verdienen sie mit dem Rest des Sortiments, das zehnmal so groß ist wie das der Discounter. Dabei ist es meist nicht Lidl, sondern der Discountkönig Aldi, der den Preis vorgibt. "Lidl zieht meist nur nach", berichtet Discountexperte Queck.













