Documenta: Konzeptlose Kunst in Kassel

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Documenta: Konzeptlose Kunst in Kassel

von Manfred Engeser

Die Documenta ist traditionell eine Plattform für oft schwer verdauliche Arbeiten weitgehend unbekannter Künstler. Viele verschwinden nach der 100-tägigen Ausstellung in der Versenkung – aber einige legen in der hessischen Provinz den Grundstein für eine große Karriere. Ein Wegweiser durch den Kasseler Kunstdschungel.

Im Schneidersitz hockt die junge Frau auf einem riesigen, acht Meter langen künstlichen Knochen, ihr Kopf ist bis auf einen schmalen Haarstreifen in der Mitte kahl geschoren. In ihrem Schoß liegt ein Ferkel, das sie mit ihrer linken Brust säugt: Die skurrile Konstellation ist Teil einer riesigen Skulptur, geschaffen vom argentinischen Künstler Adrián Villar Rojas, platziert auf den Terrassen vor dem Weinberg in Kassel.

Mitten in der Karlsaue, Kassels grüner Lunge, ragt ein weiteres Kunstwerk in den Himmel: ein riesiger Erdhügel, bereits vor Monaten aufgeschüttet, inzwischen mit Gras und Büschen bewachsen. Unter der scheinbar so malerischen Oberfläche verbirgt sich ein gigantischer Müllhaufen aus Bauschutt. Kunst, erdacht vom Chinesen Song Dong.

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Die wichtigsten Infos zur d13

  • Wann

    9. Juni bis 16. September 2012; täglich geöffnet von 10 bis 20 Uhr.

  • Wo

    Hauptorte sind Fridericianum und Karlsaue, ausgestellt wird aber auch in Kinos, Bahnhöfen, Museen und einem Bunker.

  • Tickets

    Tageskarte 20 Euro, Dauerkarte 100 Euro; Familienkarte 50 Euro, Schulklassen 6 Euro pro Person; Kinder unter 10 Jahren haben freien Eintritt.

  • dTours

    Führungen für Einzelpersonen oder Gruppen, durchgeführt von „weltgewandten Begleitern“, eigens geschulten Personen aus Kassel. Vor Ort oder im Internet zu buchen.

  • dMaps

    Infos für Kunstliebhaber, die lieber allein losziehen; als Download fürs eigene Mobile oder auszuleihen vor Ort.

  • Web-Seite

Der 32-jährige Argentinier Villar Rojas und der 45-jährige Chinese Song Dong gehören zur Heerschar der knapp 200 Künstler, deren Arbeiten zu Hunderten bis Mitte September auf der Documenta 13 in Kassel zu sehen sein werden. Bis zu einer Million Besucher, so hoffen die Organisatoren, werden in den kommenden 100 Tagen über das riesige Areal pilgern, um die neuesten Strömungen der weltweiten Kunstszene zu erfassen oder zumindest zu bestaunen. Und sich, mutmaßlich, beim Schlendern über die als weltweit wichtigster Gradmesser der globalen Kunstszene geltende Schau immer wieder die gleiche Frage zu stellen: Ist das Kunst? Oder kann das weg?

Die künstlerischen Leiter als neue Stars

Dass dieser alte Kalauer sowohl dem in Kunstfragen eher ungeübten als auch dem routinierten Betrachter zeitgenössischer Werke beim Besuch der diesjährigen Documenta häufiger in den Sinn kommen könnte als etwa beim traditionellen Besuch von Museen oder Kunstmessen, ist dem traditionellen Selbstverständnis einer jeden Documenta geschuldet, an die sich noch jeder Chefkurator gehalten hat: erstens möglichst lange möglichst wenig verraten über die ausgewählten Künstler – auch in diesem Jahr wurde die Liste offiziell erst drei Tage vor der offiziellen Eröffnung bestätigt. Zweitens schlagzeilenträchtig und philosophisch beschlagen die Welt erklären, gern mit diversen Seitenhieben gegen die so verachtete kapitalistisch-konsumistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Und, drittens, besonders wichtig: den jeweils gängigen Kunstbegriff nicht nur abzubilden, sondern zu erweitern.

Wie man gerade Letzteres auch fast sechs Jahrzehnte nach der ersten Documenta 1955 und einem Dutzend Vorgängern auf dem Kuratorenposten immer noch weiter auf die Spitze treiben kann, demonstriert seit rund dreieinhalb Jahren Carolyn Christov-Bakargiev. Die heute 54-jährige Amerikanerin wurde im Winter 2008 von einer Findungskommission zur Documenta-Chefkuratorin berufen. Dieses Gremium von Kunstkennern wird seit Ende der Siebzigerjahre traditionell vom amtierenden Documenta-Geschäftsführer bestückt, mit Direktoren und Kuratoren aus den als führend geltenden Kunstinstitutionen weltweit. Eine verantwortungsvolle Aufgabe – gilt doch, spätestens seitdem Harald Szeemann der Documenta 5 im Jahr 1972 seinen Stempel aufdrückte, zunehmend nicht mehr der Künstler als Star der Veranstaltung, sondern deren künstlerischer Leiter.

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