
"Die Angebote waren nicht akzeptabel, weil sie deutlich unter einer Zerschlagung lagen“, erläutert der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Für die Mitarbeiterinnen des Drogeriemarkts ist es ein Ende mit Schrecken. 13.200 Mitarbeiter werden im Herbst auf der Straße stehen. Nun wird Geiwitz die Verhandlungen mit dem Betriebsrat um den Abschluss eines Interessenausgleichs und Sozialplans kurzfristig aufnehmen und die Kündigungen voraussichtlich bis Ende Juni 2012 versenden. Gewerkschaftsvertreter hatten bis zuletzt auf ein Wunder gehofft. In den vergangenen Wochen hatte sich die Investorensuche zäh dahingeschleppt, immer mehr potenzielle Neubesitzer waren abgesprungen. Zuletzt blieben noch Cerberus und - kurz vor Schluss überraschend eingestiegen - Karstadt-Retter Nicolas Berggruen.
Bild: dpaIm Herbst 2004 als die ersten Risse in der Erfolgsgeschichte von Schlecker sichtbar wurden, gab sich Patriarch Anton Schlecker gegenüber Journalisten der WirtschaftsWoche noch siegessicher. „Die Konkurrenz wird auch nicht mehr so stark wachsen", war er damals überzeugt. Sein Unternehmen? „Das Konzept stimmt, es muss nur weiter verfeinert werden", befand der Drogeriefürst und deutete voller Stolz auf eine Karikatur an der holzgetäfelten Wand des Besprechungsraums: Anton Schlecker als strahlender Gondoliere, seine Frau als Galionsfigur am Bug der schönsten und größten Gondel. Dahinter paddeln Schleckers Rivalen, dm-Gründer Götz Werner und Dirk Roßmann. „Bis die anderen Schlecker überholt haben, gibt es mich nicht mehr", sagte der Drogeriekönig damals.
Bild: dpaEnde 2010 übernehmen die Kinder von Anton Schlecker Lars und Meike mehr Verantwortung im Konzern. Als "Schneiden und Wachsen" beschreiben die Geschwister gegenüber der WirtschaftsWoche ihre Rettungsmission. Denn auch wenn die Familie das Unternehmen offiziell als "kerngesund" ansieht, ist der wirtschaftliche Niedergang der vergangenen Jahre nicht mehr zu übersehen. Rund 2500 kleinere Filialen hat Schlecker mittlerweile in Deutschland dichtgemacht und zog sich aus Auslandsmärkten wie Dänemark, den Niederlanden und Ungarn zurück.
Allein 2010 verlor Schlecker europaweit jeden vierten Kunden. Auch der Rivale dm hat Schlecker nun bereits überholt. Die Geschwister nehmen die Wachablösung nach außen hin gelassen auf: "Man liegt im Spiel auch mal 1:0 hinten", sagt Meike Schlecker. "Gucken wir mal, wie es ausgeht." Auch ihr Bruder gibt sich optimistisch: "2012 melden wir uns zurück - mit steigenden Umsätzen und Filialzahlen." 2011 sei allerdings ein "Restrukturierungsjahr", es würden weitere Läden geschlossen.
Bild: dapdDer Schock: Am 23. Januar 2012 meldet Schlecker Insolvenz an. Arndt Geiwitz wird zum vorläufigen Insolvenzverwalter der Drogeriekette Schlecker bestellt und lässt mitteilen: Angestrebt werde „das Unternehmen als Ganzes zu erhalten und somit einen großen Teil des Filialnetzes und damit auch der Arbeitsplätze".
Eine Woche später klingt echter Optimismus durch, als es wiederum in einer Pressemitteilung hieß: "Im Unternehmen sieht der Insolvenzverwalter nach erster Bestandsaufnahme in vielerlei Hinsicht Substanz." Zudem schreibe der größte Teil der Verkaufsstellen in Deutschland schwarze Zahlen. "Eine Sanierung des Unternehmens habe daher Priorität."
Bild: dpa/dpawebNicht alle sind optimistisch. "Ein Unternehmen zu Lasten der Mitarbeiter, der Lieferanten, vor allem aber auf Kosten des Staates zu sanieren, hat nichts mehr mit Marktwirtschaft zu tun", empört sich Trigema-Chef Wolfgang Grupp bei wiwo.de kurz nach der Insolvenzanmeldung von Schlecker. "Hier werden diejenigen belohnt, die dem Größenwahn und der Gier frönen, während die Anständigen die Dummen sind", sagt Grupp.
Schlecker habe das Geld, das er Hilfe seiner Beschäftigten hier verdient habe, für sich behalten beziehungssweise in die Expansion gesteckt. "Und jetzt, nachdem er gescheitert ist, wirft er das Deutschland vor die Füße", so Grupp.
Bild: dapdKurz nach der Insolvenzanmeldung meldet sich auch Schlecker-Konkurrent Dirk Roßmann in einem Interview zu Wort: „Ich wage die Prophezeiung, dass der Insolvenzverwalter nicht viele Läden weiter betreiben wird können.“ Sein Unternehmen habe nur Interesse an 50 bis 80 der 7000 Schlecker-Märkte in Deutschland.
Bild: dapdBei Schlecker selbst gibt man sich noch optimistisch. Zum ersten Mal seit über 20 Jahren lädt die Drogeriemarktkette Schlecker zu einer Pressekonferenz nach Ehingen. "Es ist nichts mehr da", sagt Meike Schlecker, die Tochter des Firmenpatriarchen. Die Familie habe ihr gesamtes Vermögen verloren. Die Insolvenz sei letztlich notwendig geworden, weil ein zweistelliger Millionenbetrag nicht aufgebracht werden konnte. Dennoch: "Wir geben uns kämpferisch", sagt sie. Mit der Einführung eines neuen Konzeptes sei Schlecker auf einem guten Weg gewesen. "Wir haben zu spät begonnen, und wir waren zu langsam, das ist traurig, aber wahr."
Bild: dpaDie Lage spitzt sich zu. Schlecker muss drastisch schrumpfen: Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz will jede zweite Filiale schließen, 11.750 Stellen fallen weg. „Das ist ein überlebensnotwendiger Einschnitt“, sagt Geiwitz Ende Februar. Der Verwalter räumt ein, die Probleme bei Schlecker unterschätzt zu haben. Abgefedert werden sollen die Entlassungen über die Gründung einer Transfergesellschaft, in der die betroffenen Mitarbeiter für sechs Monate weiterbeschäftigt werden sollen – doch dafür sind Staatshilfen in Form von Bürgschaften erforderlich.
Bild: dapdEine Transfergesellschaft kommt wegen des Widerstands dreier Länder nicht zustande, in denen die FDP den Wirtschaftsminister stellt. "Jetzt gilt es für die Beschäftigten - mehr als 10.000 vornehmlich Frauen, einzelne Mütter und ältere Frauen - schnellstmöglich eine Anschlussverwendung selber zu finden", rät FDP-Chef Philipp Rösler Ende März den Betroffenen.
Bild: dpaDurch das Scheitern der Transfergesellschaft steigt die Zahl der Kündigungsschutzklagen auf über 3800. Auch die Verhandlungen mit Verdi um einen Lohnverzicht der restlichen Mitarbeiter gestalten sich zäh. Er sei in Sachen Schlecker-Sanierung deshalb "schon ein wenig ernüchtert", sagt Insolvenzverwalter Geiwitz. Ähnlich geht es offenbar den potentiellen Investoren. Bis Pfingsten wollte Geiwitz den Verkauf über die Bühne gebracht haben, hatte er in der WirtschaftsWoche angekündigt. Doch nach und nach ziehen sich Kaufkandidaten wie das Düsseldorfer Beratungs- und Investmenthaus Droege und der osteuropäische Finanzinvestor Penta Investments zurück. Auch das Emirat Katar habe kein „Interesse an Risikogeschäften", teilte das Emirat mit.
Bild: dpaBei der Sitzung des Gläubigerausschusses am 25. Mai soll eigentlich schon eine Entscheidung über die Zukunft von Schlecker fallen. Vieles deutet bereits auf eine Zerschlagung hin, als in letzter Minute bekannt wird, dass ein neuer Interessent aufgetaucht ist: Karstadt-Investor Nicolas Berggruen. Doch ein fertiges Angebot legt der Finanzinvestor ebenso wenig vor wie der zweite verbliebene Kandidat, die Beteiligungsgesellschaft Cerberus.
Der Insolvenzverwalter räumt Schlecker eine Galgenfrist ein: „Wir müssen bis nächsten Freitag belastbare Angebote vorliegen haben“, sagt Geiwitz. Anderenfalls müsse der Betrieb eingestellt werden.
Im Herbst 2004 als die ersten Risse in der Erfolgsgeschichte von Schlecker sichtbar wurden, gab sich Patriarch Anton Schlecker gegenüber Journalisten der WirtschaftsWoche noch siegessicher. „Die Konkurrenz wird auch nicht mehr so stark wachsen", war er damals überzeugt. Sein Unternehmen? „Das Konzept stimmt, es muss nur weiter verfeinert werden", befand der Drogeriefürst und deutete voller Stolz auf eine Karikatur an der holzgetäfelten Wand des Besprechungsraums: Anton Schlecker als strahlender Gondoliere, seine Frau als Galionsfigur am Bug der schönsten und größten Gondel. Dahinter paddeln Schleckers Rivalen, dm-Gründer Götz Werner und Dirk Roßmann. „Bis die anderen Schlecker überholt haben, gibt es mich nicht mehr", sagte der Drogeriekönig damals.
Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz kommentierte das endgültige Aus mit den Worten: „Ich bedaure diese Entscheidung im Hinblick auf die vielen, zum Teil langjährigen Schlecker-Mitarbeiter sehr, die jetzt ihren Arbeitsplatz verlieren“. Glücklich kann Geiwitz über das Ergebnis seiner Bemühungen tatsächlich nicht sein. Die hauptsächlich weiblichen Schlecker-Angestellten werden es schwer haben, einen neue Arbeitsstelle zu finden.
Was passiert jetzt mit Schlecker?
Entlassungen
Die restlichen Schlecker-Mitarbeiter werden im Juli entlassen. Nach der dreimonatigen Kündigungsfrist werden im Herbst rund 13.000 Menschen im Einzelhandel einen neuen Job suchen. Ein paar hundert könnten beim Drogeriekonkurrenten Rossmann unterkommen. Er hatte bereits kurz nach Bekanntwerden der Schlecker-Pleite davon gesprochen neue Märkte eröffnen zu wollen, dafür brauche er Personal.
Gläubiger
Der größte Gläubiger, der Versicherer Euler Hermes, erhält die Erlöse aus dem Verkauf der Waren. Alles, was zu Geld gemacht werden kann - Ladeninventar etwa - wird verkauft und unter den Gläubigern verteilt.
Ladenflächen
Nur wenige Läden werden direkt einen neuen Mieter finden und an Konkurrenten wie Rossmann, DM oder auch an Kleidungsdiscouter wie Takko oder Kik abgegeben werden. Viele der Schlecker-Filialen in ländlichen Gegenden litten unter ihrem wenig attraktiven Standort.
Rabattschlacht
Die verbliebenen Schlecker-Läden müssen nun möglichst rasch ihre Regale leeren. Die Kunden dürfen sich auf kräftige Rabatte freuen.
Doch Geiwitz hatte von Anfang an deutlich gemacht, dass eine Sanierung von Schlecker nur gelingen könne, wenn alle Maßnahmen voll wirksam ineinandergreifen. „Wir haben es geschafft, den Verlust des Unternehmens von über 200 Millionen Euro auf circa 25 Millionen Euro Verlust zu reduzieren. Das ist einerseits zwar ein großer Erfolg, andererseits aber immer noch ein Verlust - und den darf ein Insolvenzverwalter auf Dauer nicht machen.“ Zudem habe die mit über 4.400 unerwartet hohe Zahl an Kündigungsschutzklagen den Investorenprozess enorm erschwert und im Endergebnis den Verkauf des Unternehmens als Ganzes unmöglich gemacht, erklärte Geiwitz.
Die Gewerkschaft Verdi hatte die Schlecker-Mitarbeiter nach dem Scheitern der Transferunion dazu aufgefordert, gegen ihre Entlassung mit Kündigungsschutzklagen vorzugehen. Obwohl die Aussichten auf einen Erfolg der Klagen von vornherein als gering eingestuft wurden, waren sehr viele ehemalige Angestellte dem Aufruf gefolgt - wohl in der Hoffnung zumindest noch eine kleine Abfindung zu bekommen. Auch auf die Forderung von Geiwitz, die Schlecker-Mitarbeiter sollten für einen begrenzten Zeitraum auf 15 Prozent des Lohns sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichten, um Schlecker für Investoren attraktiver zu machen, reagierten die Gewerkschaften ablehnend. Erst vor zwei Tagen gingen die Arbeitnehmer-Vertreter auf den Insolvenzverwalter zu, boten an auf 10,5 Prozent Lohn zu verzichten. Zu spät.
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