Eigentümerwechsel: Karstadt kommt nicht um harte Einschnitte herum

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Eigentümerwechsel: Karstadt kommt nicht um harte Einschnitte herum

, aktualisiert 17. August 2014, 16:28 Uhr
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Karstadt-Filiale in Hamburg: Berichten zufolge sind 15 bis 20 Warenhäuser akut bedroht.

René Benko übernimmt bei Karstadt vom einstigen Hoffnungsträger Nicolas Berggruen. Was auf die Mitarbeiter zukommt, ist noch unklar. Die Städte hoffen auf das richtige Konzept des neuen Eigentümers.

Die angeschlagene Warenhauskette Karstadt steht nach dem Eigentümerwechsel vor einer ungewissen Zukunft. Die rund 17 000 Mitarbeiter müssen sich auf Einschnitte gefasst machen. Bereits am kommenden Donnerstag will der Aufsichtsrat nach bisherigen Planungen über ein Sanierungskonzept beraten. Der österreichische Investor René Benko übernimmt nun die Kontrolle bei dem kriselnden Konzern vom bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen. Die Gewerkschaft Verdi bekräftigte am Wochenende ihre Forderung an Benko, ein Konzept zu präsentieren, das die Zukunft von Karstadt und den Beschäftigten sichere.

Viel Zeit dürfte Benko bei den anstehenden Entscheidungen nicht haben. Denn Karstadt steckt seit langem in einer Krise. Das Unternehmen kämpft mit roten Zahlen und rückläufigen Umsätzen. Mittelfristig könnten 15 bis 20 Häuser geschlossen werden, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf das Umfeld Benkos. Bevor dies geschehe, wolle der Österreicher aber Haus für Haus auf Rentabilität prüfen.

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Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Ein Sprecher von Benkos Signa-Holding kommentierte den Bericht auf Anfrage nicht. Den „SZ“-Informationen zufolge will Benko zehn Jahre oder mehr bleiben und in das Unternehmen investieren. Er plane, Markenhändler als zusätzliche Mieter in die meisten Karstadt-Häuser zu holen und sie zu größeren Einkaufszentren umzubauen. Die „Bild am Sonntag“ berichtete, dass Benko Karstadt in den kommenden zwölf Monaten sanieren wolle, mit Einschnitten in allen Bereichen.

Ausichtsratschef Stephan Fanderl hatte schon vor einem Monat einen harten Sanierungskurs angekündigt: Alles müsse bei Karstadt auf den Prüfstand gestellt werden. Das Unternehmen mache sich „berechtigte Sorgen um die Profitabilität“ von mehr als 20 Warenhäusern, hatte Fanderl der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gesagt. Konkrete Schließungsbeschlüsse gebe es aber noch nicht.

Übernahme der Warenhauskette Milliardärs-Grab Karstadt

Als Retter gestartet, als Versager geendet. Warum bisher alle Manager und Eigentümer bei der Sanierung des Warenhauskonzerns Karstadt gescheitert sind – und sich auch René Benko schwer tun wird.

Quelle: dpa

Am Freitag war bekanntgegeben worden, dass der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen die Kette für einen Euro an Signa abgibt. Anfang der Woche soll der Österreicher die Kontrolle über die 83 Filialen übernehmen. Auch Berggruens verbliebene Anteile an den Karstadt-Premium-Kaufhäusern und Karstadt Sports sowie die Markenrechte gehen an Signa. Das Bundeskartellamt muss dem Deal noch zustimmen.

Der Geschäftsführer der Signa Retail GmbH, Wolfram Keil, hatte am Freitag mitgeteilt: Wichtigstes Ziel sei es jetzt, dass im Warenhauskonzern Ruhe einkehre und die nächsten Schritte einer tragfähigen Sanierungsstrategie zügig beraten, verabschiedet und umgesetzt würden.

Die Gewerkschaft Verdi unterstrich ihre Forderung nach einer zukunftsfähigen Strategie für Karstadt: „Wir werden sehr genau anschauen, was für ein Konzept der neue Eigentümer präsentiert“, kündigte Verdi-Sprecherin Eva Völpel am Sonntag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa an. Karstadt-Gesamtbetriebsrat und Verdi hatten den neuen Eigentümer am Freitag dazu aufgefordert, das Zukunftskonzept zu präsentieren und zu zeigen, dass er gewillt sei, ausreichend in das Unternehmen zu investieren.

Gutachten Arcandor-Pleite war nicht unvermeidbar

Arcandor stand bei seiner Insolvenz im Jahr 2009 offenbar nicht zwingend vor dem Exitus. Das legt ein Gutachten nahe.

Das 2009 eröffnete Insolvenzverfahren gegen Arcandor war offenbar nicht zwingend notwendig. Quelle: AP

Der Deutsche Städtetag hofft ebenfalls darauf, dass der neue Eigentümer ein kluges Zukunftskonzept vorlegt. „Die Städte brauchen attraktive Zentren und haben ein großes Interesse daran, dass es dem Einzelhandel vor Ort gut geht“, teilte der Hauptgeschäftsführer des Städtetags, Stephan Articus, auf dpa-Anfrage mit.

Der Deutsch-Amerikaner Berggruen hatte Karstadt 2010 für den symbolischen Preis von einem Euro aus der Insolvenz übernommen. Nun verkauft er die Kette für einen Euro an Benko. In der „Bild“ (Samstag) räumte Berggruen Fehler im Management von Karstadt ein.

Gleichzeitig wies er allerdings Vorwürfe zurück, sich am Unternehmen bereichert zu haben. „Fakt ist: Karstadt war für uns kein gutes Geschäft, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch mit Blick auf meinen Ruf in Deutschland“, meinte er. Mit seinem Komplettausstieg wolle er den Weg für einen Neuanfang freimachen. „Alle wissen, dass es so nicht weitergehen kann“, sagte er.

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