Endstation Discounter: Keine Schecks, keine Plastiktüten, keine Preiskennzeichnung

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Endstation Discounter: Aldi profitiert vom Niedergang des ländlichen Amerikas

Keine Schecks, keine Plastiktüten, keine Preiskennzeichnung

Nur 428 Artikel bieten die Deutschen an; ein Bruchteil dessen, was die Konkurrenten im Regal haben. Schecks nimmt Aldi nicht entgegen; auch gibt es an der Kasse keine Plastiktüten für die Kunden. Filialleiter Scott Kornegay muss sich für diesen Geiz beim Service in der örtlichen Zeitung rechtfertigen. „Wir versuchen, so viele Kartons wie möglich bereitzustellen“, beschwichtigt der Aldi-Manager. Dafür setzt Aldi beim Preis Maßstäbe. Die Tube Senf gibt es für 19 Cent, Saft kostet 43 Cent und Haarspray 69 Cent. Die Waren sind damit fast ein Drittel günstiger als bei allen anderen Händlern im Ort. Auf den Produkten sind die Preise nicht abgedruckt – anders als bei den Mitbewerbern. Zu teuer sei das Prozedere, findet Aldi. Das ruft die Politik auf den Plan. Politiker fürchten, die Konsumenten würden ausgetrickst, und denken gar über einen Gesetzesvorstoß nach, der eine Kennzeichnung vorschreibt.

„Das Einkaufen bei Aldi war schon immer anders. Und für viele hier eine echte Revolution“, sagt Hans Wilz, der heute einen Blumenladen in Ottumwa betreibt und regelmäßig bei dem Discounter einkauft. „Meine Mutter wurde von unseren Nachbarn damals oft gefragt: Was zum Teufel ist das für ein Laden? Was machen die Deutschen da?“, erinnert sich Wilz, dessen Eltern Anfang der Fünfzigerjahre aus Süddeutschland nach Amerika kamen. Der Familienvater sitzt am Steuer seines weißen Mercedes-Geländewagens und passiert die Kreuzung am Jefferson Square, im Stadtzentrum von Ottumwa. „Hier war Aldi ursprünglich“, sagt er und hält vor einem Flachbau, in dem heute der Konkurrent Hy-Vee eine Filiale betreibt. Aldi ist längst weitergezogen, in einen Neubau am Stadtrand.

Wilz marschiert in den Supermarkt der Konkurrenz. Der Aufbau bei Hy-Vee ist typisch: Frisches Obst und Gemüse im Eingangsbereich, es folgen breite Gänge mit Kaffee, Brot und Nudeln. „Mehr Auswahl und alles ein bisschen schicker als bei Aldi – aber auch teurer“, kommentiert er. Früher habe es hier mehr Personal gegeben, kleine Stände, an denen man die Lebensmittel probieren konnte. „Doch im Zuge des Preiskampfes wurde gespart.“

Die größten Lebensmittelhändler Deutschlands

  • Platz 10

    Bartells-Langness

    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 3,09 Milliarden Euro (Schätzung)

  • Platz 9

    Globus

    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 3,23 Milliarden Euro

  • Platz 8

    Rossmann

    Umsatz mit Lebensmitteln in Deutschland: 5,18 Milliarden Euro

  • Platz 7

    dm

    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 6,33 Milliarden Euro

  • Platz 6

    Lekkerland

    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 8,98 Milliarden Euro

  • Platz 5

    Metro (Real, Cash & Carry)
    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 10,27 Milliarden Euro (Schätzung)

  • Platz 4

    Aldi (Nord und Süd)
    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 22,79 Milliarden Euro (Schätzung)

  • Platz 3

    Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland)
    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 28,05 Milliarden Euro (Schätzung)

  • Platz 2

    Rewe-Gruppe
    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 28,57 Milliarden Euro (Schätzung)

  • Platz 1

    Edeka (inkl. Netto)
    Umsatz mit Lebensmitteln 2015: 48,27 Milliarden Euro

    Quelle: TradeDimensions / Statista

Mangelnde Konkurrenz

Dabei hat der noch gar nicht richtig begonnen. Das Preisniveau auf dem weltgrößten Lebensmittelmarkt, wo jedes Jahr 700 Milliarden Dollar umgesetzt werden, ist hoch. Das liegt vor allem an der dominierenden Position von Walmart. Zwar versuchen auch Konkurrenten wie Kroger, Target und Costco mit Riesengeschäften zu punkten. Zudem mischen im Brot-und-Butter-Business viele regionale Anbieter mit, wie Hy-Vee im Mittleren Westen oder Ingles Martes im Südosten. Doch von einer Discounterdichte wie in Deutschland sind die USA weit entfernt. Vielerorts fehlt es dem Koloss Walmart deshalb an Konkurrenz. Die Preise für Walmart-Eigenmarken lagen bis vor Kurzem im Schnitt 20 Prozent über denen von vergleichbaren Aldi-Labels. Erst jetzt, wo sich mit Lidl ein zweiter deutscher Discounter mit Wucht ins Abenteuer USA stürzt, zückt auch Walmart den Rotstift.

Von der US-Zentrale in Arlington nahe Washington sollen bis zu 100 Lidl-Märkte innerhalb eines Jahres an der US-Ostküste öffnen. Weitere 500 Standorte könnten bis 2022 folgen, so Handelsexperten.

Seit 1956 gibt es den Blumenladen "Edd The Florist" in Ottumwa. Heute wirft er kaum noch Geld ab. (Bildquelle: EddTheFlorist)

Seit 1956 gibt es den Blumenladen "Edd The Florist" in Ottumwa. Heute wirft er kaum noch Geld ab. (Bildquelle: EddTheFlorist)

Auch Ottumwa würde wohl ins Lidl-Raster passen. Hier waren bis vor Kurzem alle großen Anbieter vertreten; doch im Januar verkündete Target plötzlich die Schließung seines Einkaufszentrums. „Das war ein Schock“, sagt Lazio. Wie hart die Gewerbetreibenden in Ottumwa ums Überleben kämpfen, weiß Hans Wilz aus eigener Erfahrung. Seine Eltern übernahmen in den Fünfzigerjahren das Blumenfachgeschäft Edd The Florist. Eine Goldgrube war der Laden nie. Schon als Jugendlicher musste Hans Wilz mit anpacken. Nach dem Tod seiner Eltern übernahm Wilz den kleinen Laden und erweiterte das Sortiment. Im Schaufenster des Ladens hängen neben Topfpflanzen und Blumensträußen heute auch rustikale Bilder mit Sinnsprüchen der Sorte „Genieße das Leben“. „Mit Blumen alleine kannst du dieser Tage nicht mehr überleben“, sagt Wilz. Vor 15 Jahren habe es noch vier Konkurrenten gegeben. „Heute sind wir das einzige Fachgeschäft weit und breit.“

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