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Kommentar Entlassungen und Pleiten: Alarmstimmung im Handel

von Henryk Hielscher

Neckermann ist pleite, Karstadt entlässt 2000 Mitarbeiter, auch bei der Metro fallen Stellen – die Liste der Horrormeldungen ist lang. Der deutsche Handel wird zur Krisenbranche.

Esprit

Esprit versucht sich derzeit mit neuem Image und einer neuen Kampagne aus dem Sumpf zu ziehen. In der Vergangenheit hatten Vorwürfe über Tierversuche und Kinderarbeit das Image der Modemarke schwer beschädigt. Dementsprechend waren Umsatz und Gewinn in den letzten Jahre im Sinkflug. Auch bei Esprit soll eine Restrukturierung helfen: Nachdem das Unternehmen im Geschäftsjahr 2010/2011 einen Gewinneinbruch von 98 Prozent auf 7,45 Millionen Euro hinnehmen musste, zog sich der Modekonzern aus Nordamerika, Spanien, Dänemark und Schweden zurück und schloss 130 Filialen.

Bild: REUTERS

Die jüngste Hiobsbotschaft kommt aus Frankfurt: Der Versandhändler Neckermann meldet Insolvenz an. Der Eigentümer Suncapital hält den Kompromiss zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern nach den angekündigten Stellenkürzungen für nicht tragfähig und will dafür keinen weiteren Cent bezahlen. Das bedeutet das Aus für die Traditionsmarke.

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Am Tag zuvor verkündet die Warenhauskette Karstadt, dass sie auf 2.000 Mitarbeiter und damit fast zehn Prozent der Belegschaft verzichten will. Der Online-Maßschneider Youtailor meldete in der vergangenen Woche Insolvenz an. Die Schuhhandelskette Görtz will Filialen schließen, nachdem Rivale Leiser schon vor ein paar Wochen in die Pleite taumelte. Bei der Baumarktkette Praktiker wurde jüngst die Insolvenz in buchstäblich letzter Minute verhindert – wenn auch nur vorerst.Handelsgigant Metro kämpft um den Verbleib im Leitindex Dax und hat angekündigt 900 Stellen zu streichen.

Der Buchhändler Thalia, die Bekleidungskette Esprit und der Discounter Penny gelten als Sanierungsfälle. Zum Jahresstart fuhr die Drogeriekette Schlecker gegen die Wand. Alle Verkaufsbemühungen des Insolvenzverwalters scheiterten. Am Mittwoch gab die Staatsanwaltschaft Stuttgart bekannt, gegen Gründer Anton Schlecker Ermittlungen wegen Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott eingeleitet zu haben. Das Drama scheint kein Ende zu nehmen. Auch um den Erhalt der früheren Schwester-Marke Ihr Platz ist es schlecht bestellt. Zu lange dauern die Verhandlungen nun schon, als das ein Gesamtverkauf noch als wahrscheinlichstes Szenario erscheint. Ein kleiner Lichtblick: Konkurrent Rossmann hat Interesse an 120 der 490 übriggebliebenen IhrPlatz-Filialen angemeldet.

Was ist nur los im deutschen Handel?

Schon Anfang Juni versuchte sich die WirtschaftsWoche an einer Antwort auf die Frage. Inzwischen zeigt sich immer deutlicher: Der Einzelhandel, im letzten Konjunkturabschwung noch Stütze der Wirtschaft, avanciert zur Krisenbranche 2012.

Gleich mehrere Faktoren kommen zusammen. Jahrelang wurden die Verkaufsflächen ausgebaut, Händler expandierten wie im Rausch. Seit Jahrzehnten sinkt daher die Flächenproduktivität – die Händler setzen pro Quadratmeter immer weniger um. Verstärkt wird der Trend durch das Internet. Käufer wandern zunehmend in Online-Gefilde ab.

Neckermann

Es ist der dritte Pflegefall aus dem Arcandor-Nachlass. 2010 kaufte der amerikanische Finanzinvestor Sun Capital den Versandhändler und strukturiert kräftig um. Das Geschäft mit gedruckten Katalogen wurde eingestampft. 1.400 der 2.500 Stellen in Deutschland fallen dem zum Opfer. Die Mitarbeiter fordern Abfindungen; die Konzernspitze beklagt, dazu fehle das Geld.

Nun hat sich Verdi und das Management über den weiteren Abbau von 1380 Arbeitsplätze nicht einigen können. Sun Capital werde keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Damit ist das Unternehmen pleite.

Bild: dpa

Was einst nur im Buch-, Platten und Erotikhandel zu Einbußen führte, schlägt inzwischen auch auf Elektronikspezialisten wie Media Markt und Schuhhändler wie Görtz durch. Egal ob Reifen-, Wein- oder Fahrradhandel – ein Großteil des Geschäfts findet im Netz statt. Die Online-Abwanderung kostet Filialisten Kundschaft. Niemand kann es sich mehr leisten, auf den Vertriebskanal zu verzichten, zugleich sinken die Eintrittsbarrieren für branchenfremde Anbieter.

Überkapazitäten Havarie im Handel

Schlecker ist erst der Anfang. Der gesamte Handel kämpft gegen zu viele Läden und den Marsch der Kunden ins Internet.

Überkapazitäten: Havarie im Handel

Derweil wird im etablierten Handel noch munter in die Fläche expandiert, wird an unrentablen Filialen weiter festgehalten - trotz der aktuellen Warnschüsse. Auf dem Immobilienmarkt dürften die Verwerfungen denn auch erst mit Verzögerung sichtbar werden.

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Momentan haben all jene Formate zu kämpfen, bei denen Missmanagement und strategische Fehler in der Vergangenheit die Reserven aufgebraucht haben. Die Sparmöglichkeiten sind weitgehend ausgereizt, neue Kostensenkungsrunden haben nur noch überschaubare Wirkung. Verhagelt dann – wie in diesem Jahr – erst der zu milde Winter, dann der trübe Sommer das laufende Geschäft oder agieren Warenkreditversicherer plötzlich vorsichtiger, werden auf einen Schlag die tiefer liegende Schwachpunkte freigelegt. 

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Hinzu kommt: Der mittelfristig absehbare Bevölkerungsrückgang in Deutschland und der Ruf als hart umkämpfter Markt schrecken inzwischen auch Finanzinvestoren ab, die früher bereitwillig in marode Unternehmen investierten, um später Sanierungsgewinne einzufahren.  Strategische Übernahmen sind wettbewerbsrechtlich ohnehin kaum mehr möglich. Und so dürfte der Handel sich in diesem Jahr ein Wettrennen mit der Solarindustrie um den Titel „Krisenbranche 2012“ liefern.

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