Ernährung: Kampf um die Veganisierung der Wurst

Ernährung: Kampf um die Veganisierung der Wurst

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Bockwurst mit Kartoffelsalat ist bei den deutschen sehr beliebt. Diese vegane Variante der Bockwurst ist nicht mehr vom Original zu unterscheiden. Jedenfalls äußerlich.

von Kathrin Witsch und Henryk Hielscher

Veggie-Schnitzel, vegane Fleischwürste und Soja-Frikadellen erobern die Kühltheken der Supermärkte. Doch in der Metzgerzunft regt sich Widerstand: Darf vegane Wurst überhaupt Wurst heißen?

Lebensmittelhersteller haben eine Marktlücke gefunden: Ob Veggie-Schnitzel, vegane Fleischwurst oder Bockwurst aus Soja, der Absatz mit Fleischersatzprodukten boomt. Doch dem Fleischerhandwerk geht die Veganisierung der Wurst zu weit – zumindest verbal.

So will der Vorstand des Deutschen Fleischerverbands (DFV) einen Antrag bei der Lebensmittelbuchkommission zu stellen, um die Verkehrsauffassung zu den Begriffen „vegan“ und „vegetarisch“ festzuschreiben.

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Was nach Bürokratie klingt, könnte praktische Bedeutung für all jene Hersteller haben, die derzeit auf den Vegan-Trend setzen. Letztlich soll geklärt werden, wie Fleischersatzprodukte künftig gekennzeichnet werden müssen.

„Es gibt in Deutschland sehr detaillierte Vorschriften dazu, was als Schinken bezeichnet werden darf. Sobald vegan davor steht, dann gelten diese Regeln nicht mehr“, sagt ein DFV-Sprecher dazu. „Wir wollen Bezeichnungen wie Tofu-Schnitzel nicht verbieten“, aber um eine Irreführung der Verbraucher zu verhindern,  seien „klare Bestimmungen für vegetarische und vegane Produkte“ nötig.

Wie weit ein möglicher Kennzeichnungsschutz für klassische Wurst- und Fleischprodukte gehen sollte, ist selbst innerhalb der Fleischbranche umstritten. Kein Wunder: Zahlreiche Hersteller setzen bereits selbst auf den Trend zu fleischloser Ernährung. So hat der Wursthersteller Rügenwalder Mühle vegetarischen Aufschnitt und vegetarisches Hack-„Fleisch“ im Angebot. Inzwischen sind auch die ersten veganen Produkte auf dem Markt. Ende 2015 hatte die vegetarische Rügenwalder-Sparte einen Anteil von circa 20 Prozent am Gesamtumsatz des Unternehmens. Ein Nischenprodukt, das funktioniert.


Das lässt sich auch an den Ergebnisses des aktuellen „Branchenreport Vegetarisch & Vegan: Modeerscheinung oder nachhaltiger Wachstumsimpuls?“ des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln ablesen. Vegetarische und vegane Fleischalternativen verzeichneten in den vergangenen fünf Jahren ein deutliches Umsatzwachstum mit einer jährlichen Wachstumsrate von fast 17 Prozent. Marktvolumen 2015: 454 Millionen Euro.

Im direkten Vergleich mit einem Umsatz von 18,16 Milliarden Euro der deutschen Fleischwarenindustrie im Jahr 2014, wirkt die Zahl zwar vergleichsweise klein. Aber die Masse der so genannten Flexitarier, die sich größtenteils, aber nicht immer, fleischlos ernähren, beläuft sich bereits auf ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Tendenz steigend.

Damit wächst auch der Markt für Veggie-Wurst und Co.. Während im Jahr 2010 noch 208 Millionen Euro umgesetzt wurden, waren es 2011 bereits 224 Millionen Euro, ein Wachstum um 7,7 Prozent. Ein Jahr später stieg der Gewinn sprunghaft um weitere 14,3 Prozent auf 256 Millionen Euro an. Der bislang größte Anstieg von 25,9 Prozent erfolgte schließlich im vergangenen Jahr.

Vegetarier, Veganer, Pescetarier und Co.

  • Vegetarier

    Vegetarier verzehren neben pflanzlichen Nahrungsmitteln nur solche Produkte, die von lebenden Tieren stammen, beispielsweise Milch, Eier und Honig. Gemieden werden Fleisch und Fisch, aber auch alle daraus hergestellten Produkte, wie z. B. Gelatine oder Schmalz.

  • Veganer

    Leben ohne alle vom Tier stammenden Lebensmittel. Wie Fleisch, Fisch, Milch, Eier und Honig. Das gilt aber nicht nur für die Ernährung. Veganer verzichten beispielsweise auch auf Leder und Wolle.

  • Frutarier

    Frutariern ist wichtig, dass Pflanzen möglichst wenig oder gar nicht geschädigt werden. Deswegen essen sie vor allem Fallobst und Nüsse.

  • Flexitarier

    Sind Gelegenheitsvegetarier, die Wert auf gesundes Essen legen, Fleisch oder Fisch nicht grundsätzlich meiden, aber versuchen weniger und bewusster zu konsumieren. Laut einer Forsa-Umfrage sagen immerhin 42 Millionen Deutsche, dass sie ihren Fleischkonsum reduzieren wollen.

  • Ovo-Lakto-Vegetarier

    Essen weder Fisch noch Fleisch. Sie verzichten zum Beispiel auch auf Gelatine, essen aber Produkte von lebenden Tieren wie Milch und Honig.

  • Lakto-Vegetarier

    Meiden Fleisch, Fisch und zusätzlich auch Eier.

  • Ovo-Vegetarier

    Verzichten auf Fleisch und Fisch sowie Milch- und Milchprodukte.

  • Prescetarier

    Essen kein Fleisch, aber Fisch.

Der Online-Shop smilefood.de ist bereits seit vierzehn Jahren im Rennen auf dem Markt veganer Fleischalternativen. Weil die Produkte seit 2013 auch im regulären Handel erhältlich sind, wurde der Markenname in Veggy Friends umgetauft. Den Vorstoß des Fleischerverbandes unterstützt das rein vegane Unternehmen. „Die Produktion und die Firma sind vegan. Mehr geht nicht und kann auch gerne deklariert werden“, sagt Veggy Friends. Das sehen nicht alle Unternehmen so.

Von acht angefragten Fleischherstellern mit vegetarischen oder veganen Ersatzprodukten im Sortiment, haben sich lediglich zwei zu dem Vorstoß des Deutschen Fleischerverbandes geäußert: Wiesenhof und Homann. Die Frage, ob der Begriff „Vegan“ einer einheitlichen Definition bedarf, beantworten allerdings beide recht unkonkret.

Bei Wiesenhof ist man der Meinung, dass viele vegetarische und auch vegane Produkte als „Wurstartikel“ deklariert werden. Was letztlich einer besseren Orientierung des Verbrauchers diene, da „die fleischlosen Varianten den fleischhaltigen  Originalprodukten geschmacklich nachempfunden werden“.

Die Firma Homann weist darauf hin, dass die Gestaltung der Verpackung in ihrer Gesamtheit auf den ersten Blick vermittele, dass es sich um ein vegetarisches Produkt handelt, „das zum Beispiel wie ein klassischer Fleischsalat schmeckt.“

Rügenwalder und Meica wollten sich auch nach mehrfacher Nachfrage nicht äußern. Die restlichen Fleischhersteller reagierten erst gar nicht.

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