Essig und Öl aus dem Zapfhahn: Supermärkte kämpfen gegen Verpackungswahn

Essig und Öl aus dem Zapfhahn: Supermärkte kämpfen gegen Verpackungswahn

von Stephan Happel

Milch im Tetrapack, Salat in der Plastiktüte, Fleisch unter Frischhaltefolie – im Supermarkt wird viel Müll verkauft. Einige Händler wollen Lebensmittel nun verpackungsfrei verkaufen - sie werden es schwer haben.

Irgendwann konnte Marie Delaperrière ihren eigenen Müll nicht mehr ertragen. Jahrelang war die gebürtige Französin normaler Konsument. Nach der Arbeit ging sie in den Supermarkt, kaufte eingeschweißte Gurken, Joghurt in kleinen Bechern und einzeln verpackte Käsescheiben – so wie Millionen andere Bundesbürger auch.

Jeder Deutsche sorgt im Durchschnitt für mehr als 200 Kilogramm Verpackungsmüll pro Jahr. Eine fünfköpfige Familie bringt es so auf über eine Tonne Müll. Zu viel, findet Delaperrière. Für 100.000 Euro eröffnete sie im Februar in Kiel ihren Gegenentwurf namens „Unverpackt“: Einen 60 Quadratmeter kleinen Supermarkt, der versucht, ganz auf Verpackungen zu verzichten. Das Konzept findet immer mehr Anhänger. In ganz Deutschland entstehen derzeit Supermärkte ohne Verpackung.

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So funktioniert der Supermarkt ohne Verpackung

  • Kerngedanke

    Wir machen zu viel Müll, glauben die Unterstützer und Gründer der verpackungslosen Supermärkte und verschmutzen damit die Umwelt. Supermärkte ohne Verpackung versuchen den Müll so weit wie möglich zu minimieren. Die Lebensmittel werden nicht abgepackt angeboten, sondern in großen Behältern präsentiert, aus denen sich die Kunden selbst bedienen können.

  • Aufbewahrung der Waren

    Im "Unverpackt Kiel" werden die Lebensmittel in großen Spendern, so genannten "Bulk-Bins", aufbewahrt. Auf Knopfdruck kann der Kunde aus ihnen die Ware abzapfen. Andere verpackungslose Supermärkte setzten auf ähnliche Modelle. Weil in der EU eine Kennzeichnungspflicht gilt, müssen die Händler zudem Informationen zu den Inhaltsstoffen bereithalten.

  • Hygiene

    Für Supermärkte ohne Verpackung gelten die gleichen Hygienevorschriften, wie für den normalen Lebensmittelhandel. Die abgeschlossenen Spender garantieren dabei die saubere Lagerung der Produkte. Bislang gibt es von offizieller Seite keine Beanstandung gegen diese Art der Aufbewahrung. Die bisherigen Anbieter verzichten aus Sorge um die Hygiene aber weitgehend auf frische tierische Produkte wie Fleisch und Milch.

  • Preis

    Discounter-Preis-Niveau können weder Marie Delaperrière noch ihre Mitstreiter bieten. Im Schnitt liegt der Produktpreis der unverpackten Ware aber etwa auf Augenhöhe mit normalen Supermärkten oder sogar leicht darunter. Zum einen drückt der Verzicht auf die Umverpackung die Kosten. Und zum anderen können Kunden genau bestimmen, wie viel sie kaufen wollen. Das senkt die Kosten für weggeworfene Lebensmittel.

„Lose, nachhaltig und gut“ lautet das Versprechen, dass Delaperrière ihren Kunden gibt. Es steht in großen Buchstaben über der Eingangstür zu ihrem Supermarkt. Wer hindurchgeht, versteht auf Anhieb, was gemeint ist. Sieht, was fehlt.

Nahrung auf Knopfdruck

„Ich wollte auf das ganze Überflüssige verzichten“, sagt Gründerin Delaperrière. Im „Unverpackt Kiel“ gibt es kein grelles Neonlicht. Keine engen Gänge. Und vor allem keine endlosen Regale, aus denen grell-bunte Packungen um die Aufmerksamkeit der Kunden buhlen. Stattdessen ist die Ware unverhüllt, nackt. Nudeln, Mehl und Kaffee lagern in Spendern, die säuberlich nebeneinander in Regalen hängen.

Wer die Lebensmittel will, drückt auf einen Knopf und zieht sich die gewünschte Menge. Auch Öl, Essig und Waschmittel gibt es zum Zapfen. Bezahlt wird nach Gewicht. Statt Plastiktüten bietet Delaperrière den Konsumenten Flaschen und Einweckgläser zum Transport an. Viele Unverpackt-Kunden bringen sich ihre Behälter auch selbst mit.

Das Unverpackt Kiel: 60 Quadratmeter mit so wenig Verpackung wie möglich. Quelle: Presse

Das Unverpackt Kiel: 60 Quadratmeter mit so wenig Verpackung wie möglich.

Bild: Presse

Mit ihrem Ladenkonzept hat Delaperrière offenbar einen Nerv getroffen. Bundesweit ist das Interesse groß. Die Akzeptanz der Käufer zieht an. Bis zu 70 Kunden kommen täglich in das Geschäft. Das ist ordentlich, reicht aber noch nicht. „100 bis 120 sollten es schon sein“, sagt Delaperrière. Sonst bleibe kein Gewinn. Dass es auf absehbare Zeit so viele Käufer werden, daran hat sie keinen Zweifel.

In ihren Gedanken ist die Unternehmerin mehrere Schritte weiter, plant binnen Jahresfrist die Eröffnung eines zweiten Ladens in Kiel. Außerdem brütet sie über eigenen Franchiseverträgen. Aus Unverpackt-Kiel soll eine Kette werden. Dutzende Interessenten gebe es, sagt Laden-Chefin Delaperrière, „aus ganz Deutschland und Europa.“

So viel Müll macht unser Einkauf

  • Berge an Verpackungsmüll

    Insgesamt 16,5 Millionen Tonnen Verpackungsmüll sind 2011 in Deutschland angefallen. 7,3 Millionen davon waren aus Karton und Pappe, 2,8 aus Kunststoff und 2,6 aus Glas. Während die Menge des Verpackungsmülls in den vergangenen Jahren nur langsam gewachsen ist, hat die Zahl der Kunststoffverpackungen stark zugenommen. Zehn Jahren zuvor fielen nur 1,9 Millionen Tonnen an.

    Quelle: Bundesumweltamt, Gesellschaft für Verpackungsforschung

  • Verpackungsmüll pro Personen

    Damit fallen rund 204 Kilogramm Verpackungsmüll pro Deutschem und Jahr an. Gut 34 davon entfallen auf Plastikmüll, etwa 90 auf Karton und Pappe.

  • Und dann sind da noch die Einkaufstüten

    71 Tüten aus Plastik nutzt jeder Deutsche im Jahr. Zusammengerechnet sind das 68.000 Tonnen für Plastik. Damit ist Deutschland aber noch vergleichsweise zurückhaltend. Der EU-Durchschnitt liegt bei 198 Stück. Spitzenreiter ist übrigens Bulgarien mit 421 Stück pro Person.
    Dennoch haben bereits zehntausende Bundesbürger eine Online-Petition gegen die Plastiktütenflut unterzeichnet: www.change.org/plastiktueten

Auch unabhängig von Delaperrière machen sich Händler auf, um der Verpackungsindustrie zu zeigen, dass sie überflüssig ist. In Berlin haben zwei junge Gründerinnen binnen weniger Tage 109.000 Euro über die Crowdfunding-Plattform startnext eingesammelt, um ihr Ladenkonzept namens „Original Unverpackt“ zu realisieren. Und im Bonner „Freikost“ kommen die Lebensmittel aus großen Spendern und nicht aus der Plastikverpackung. Überall in Deutschland, so scheint es, ziehen derzeit angehende Lebensmittelhändler gegen in den Kampf die Verpackung.

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