Experten-Umfrage: Ist Karstadt noch zu retten?

ThemaEinzelhandel

Experten-Umfrage: Ist Karstadt noch zu retten?

von Henryk Hielscher

Der Abgang von Kurzzeit-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt zeigt, wie verfahren die Lage bei dem traditionsreichen Essener Warenhausriesen ist. Die fünf führenden deutschen Handelsexperten sagen, wie es bei Karstadt nun weitergeht und welche Überlebenschancen der Konzern noch hat.

Die Krise bei Karstadt scheint kein Ende zu nehmen. Nicolas Berggruen - 2009 noch als Retter der angeschlagenen Warenhauskette gefeiert - hat mittlerweile den Zorn der Beschäftigten und Gewerkschaften auf sich gezogen. Dass er mit dem festen Willen gekommen ist, um Karstadt zu sanieren, bezweifeln die Angestellten. Und auch Eva-Lotta Sjöstedt, die ehemalige Ikea-Managerin, die im Februar 2014 die Nachfolge von Karstadt-Chef Andrew Jennings angetreten war, kam zur Überzeugung, dass es mit den guten Absichten nicht allzu weit her war.

Die Szenarien für die Zukunft von Karstadt (Zum Vergrößern bitte Anklicken)

Die Szenarien für die Zukunft von Karstadt (Zum Vergrößern bitte Anklicken)

"Als ich mich im vergangenen Herbst dazu entschied, nach Essen zu gehen, tat ich dies in fester Annahme, ein angeschlagenes, in einer sehr schwierigen Situation befindliches Unternehmen übernehmen und entwickeln zu dürfen." Karstadt-Eigentümer Nicolaus Berggruen hätte ihr die volle Unterstützung für die Sanierung der 83 Warenhäuser zugesagt. "Nach eingehender Prüfung, den Erfahrungen der letzten Monate und in genauer Kenntnis der wirtschaftlichen Rahmendaten muss ich nun jedoch feststellen, dass die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg nicht mehr gegeben sind", so Sjöstedt. 

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Und so schmiss Sjöstedt hin. Bis ein neuer Chef gefunden ist, übernehmen Finanzvorstand Miguel Müllenbach und Personalchef Kai-Uwe Weitz die Geschäfte. Die Nerven der rund 20.000 Beschäftigten werden arg strapaziert. Was kommt als nächstes? Verkauft Berggruen weitere Häuser an den österreichischen Investor René Benko, der bereits 75 Prozent der Karstadt Sport-Häuser und er Premium-Häuser übernommen hat? Die Gerüchte von vergangener Woche hielten sich nicht lange gehalten. Ohnehin würde ein solcher Deal - selbst wenn Berggruen Benko die Häuser für einen symbolischen Euro hinterließe - zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sinn ergeben. Die Modernisierungs- und Sanierungskosten dürften sich auf dreistellige Millionenbeträge summieren. Und seit 2013 hat sich die Lage kaum verbessert, die Bereitschaft zuzuschlagen dürfte auf Benkos Seite daher eher noch gesunken als gestiegen sein, heißt es in der Branche.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Karstadt-Krise

Wie kann es für Karstadt in dieser verfahrenen Lage weitergehen? Die WirtschaftsWoche hat die fünf führenden Handelsexperten befragt: Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Hochschule Worms, Gerrit Heinemann, Professor für BWL, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein, Gerd Hessert, Lehrbeauftragter für Handelsmanagement, Thomas Roeb, Professor für Handel und Marketing an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung München.

Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Woran ist Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt gescheitert?

Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Hochschule Worms.

Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung im Handel an der Hochschule Worms.

Jörg Funder: Sie hat unterschätzt, wie schwer es ist, einen Tanker wie Karstadt zu drehen. Zudem hatte sie wohl auf mehr Unterstützung durch den Karstadt-Eigentümer gehofft.

Gerrit Heinemann: Sie hat zu spät erkannt, wie ernst die Lage bei Karstadt tatsächlich ist.

Gerd Hessert: Sie hat die Komplexität des Warenhausgeschäfts inklusive der Eigentümerstruktur bei Karstadt unterschätzt.

Thomas Roeb: Sie hat sich übernommen. Ihr früherer Arbeitgeber Ikea ist ein Unternehmen auf Erfolgskurs, Karstadt dagegen ein Sanierungsfall.

Joachim Stumpf: Ihre Ansätze waren gut, es fehlten wohl die finanziellen Mittel zur Umsetzung.

Was sind die größten Probleme von Karstadt?

Jörg Funder: Erstens, die Marke hat an Strahlkraft verloren. Zweitens, das Unternehmen betreibt viel zu viele Häuser, die sich wahrscheinlich dauerhaft nicht ertragreich betreiben lassen dürften. Drittens, das Sortiment und der Service entsprechen nicht den weitläufigen Kundenerwartungen an ein modernes Warenhaus.

Gerrit Heinemann, Professor für BWL, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein. Quelle: Presse

Gerrit Heinemann, Professor für BWL, Management und Handel an der Hochschule Niederrhein.

Bild: Presse

Gerrit Heinemann: Langfristig der gigantische Investitionsstau, der sich seit der Übernahme durch Nicolas Berggruen noch erhöht hat. Kurzfristig könnte die jüngste Personalie zu Zweifeln an der Finanzkraft von Karstadt führen und eine Kettenreaktion auslösen.

Gerd Hessert: Karstadt ist es nicht gelungen, die Kostenstruktur an die Umsatzverluste der letzten Jahre anzupassen. Zudem hat das Unternehmen keine Antwort auf den wachsenden Online-Handel gefunden. Kurzfristig muss Karstadt aber vor allem dafür sorgen, dass keine Zweifel an der Liquidität aufkommen und Einkauf und Warenverfügbarkeit nicht gefährdet werden.

Thomas Roeb: Mode ist der zentrale Umsatzbringer des Konzerns, trotzdem fehlt ein vernünftiges Fashion-Konzept. Zudem ist Karstadt eine Investitionsruine.

Joachim Stumpf: Hoher Investitionsstau, zu geringe Online-Präsenz, zu hoher Grad an Standard-Sortimenten in den Filialen.

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