Frühe Spargelernte: Vorsprung durch Heiztechnik

Frühe Spargelernte: Vorsprung durch Heiztechnik

, aktualisiert 26. März 2017, 20:08 Uhr
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Eine besondere Folienkonstruktion macht's möglich – so ist der Spargel im Gegensatz zur herkömmlichen Anbaumethode früher zur Ernte bereit.

von dpa Quelle:Handelsblatt Online

Die Spargelsaison hat begonnen. Noch nicht überall – aber bei einigen Landwirten in Deutschland sind kleine Spargelmengen jetzt schon erntereif. Sie nutzen Abwärme, um die Felder zu beheizen.

KirchdorfEs ist sieben Uhr morgens im niedersächsischen Kirchdorf, Mitte März. Auf dem Spargelfeld von Hof Thiermann sind schon die ersten Erntehelfer fleißig: Sie schieben Stück für Stück eine über das Beet gewölbte Plastikfolie beiseite – das ganze sieht aus wie ein Mini-Tunnel, der über das Beet gebaut wurde. Darunter liegt noch eine Folie: auf der einen Seite schwarz, auf der anderen Seite weiß. Darunter befindet sich die zu einem Damm aufgehäufte Erde, aus der vereinzelt die weißen Spargelspitzen heraus ragen.

Das Erstaunliche ist der Zeitpunkt. Spargel – das erste frische Frühlingsgemüse, das auf deutschen Feldern wächst – liebt die Sonne und die Wärme. Ab zehn Grad fängt die Spargelwurzel an zu treiben. So um die 15 Grad brauchen die Pflanzen, um zur Erntereife zu gelangen, sagt Stefan Pohl. Er ist Ernteleiter beim Gemüsehof Thiermann, einem der großen Spargelproduzenten Deutschlands. Jetzt, Anfang bis Mitte März, ist es eigentlich noch viel zu kalt für die Spargelernte. Die klassische Spargelsaison beginnt regulär frühestens Ende März, Anfang April oder noch später – abhängig von der Region und der Witterung.

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Das Geheimnis ist eine Biogasanlage, die in wenigen Metern Entfernung vom Feld steht. „Wir nutzen die Abwärme“, sagt Pohl. Der landwirtschaftliche Betrieb betreibt auch eine Schweinemast, und aus der Gülle produziert der Hof Wärme, die zum Heizen von Gebäuden genutzt wird. Die übrig bleibende Wärme wird mit etwa dreißig Grad warmem Wasser in Rohren unter die Beete geführt.

Einige Landwirte sind in den vergangenen Jahren auf die Idee gekommen, Abwärme zu nutzen, um ein bisschen Spargel früher ernten zu können als andere. Wie viele das in ganz Deutschland sind, verrät keine Statistik. Vielleicht sind es sechs, vielleicht sind es zehn, vielleicht ein paar mehr – die Experten der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO), der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) oder der regionalen Erzeugergemeinschaften wissen es nicht.

„Es gibt keine Statistik über den Anbau von Heizspargel in Deutschland“, heißt es bei der BVEO. Der Anbau hänge von „einzelbetrieblichen Möglichkeiten“ ab. Genutzt werde etwa die Abwärme von Kraftwerken oder aus dem Tagebau. In einigen Fällen werden zum Beispiel Hackschnitzelkraftwerke im Betrieb eingesetzt, um die Spargeldämme zu heizen.

Auch über die geernteten Mengen gibt es keine Zahlen. Viel sei es nicht, sagt Stefan Pohl: Knapp 500 Hektar Anbaufläche hat der Betrieb bei Kirchdorf, drei Hektar davon sind Heizspargel. Ein Hektar liefere in der gesamten Saison zwischen acht und zehn Tonnen Spargel, aber auf den beheizten Feldern werde zunächst nur jeden zweiten Tag geerntet. Die Ausbeute liege derzeit bei 800 bis 900 Kilo pro Erntetag.


„Der Deutsche ist ein extremer Spargelesser“

„Der Heizspargel geht vor allem an die Spitzengastronomie und an einige Kunden, die bereit sind, den noch hohen Preis zu zahlen“, erklärt Hans Lehar, Geschäftsführer der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden. Für Spitzenqualität müsse der Kunde bis zu 20 Euro pro Kilogramm ausgeben – vielen sei das noch zu viel. In den Lebensmitteleinzelhandel gehe das Gemüse noch nicht. Zu finden sei es aber auf einigen Wochenmärkten oder den Hofläden der Bauern.

Sina Schröder vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Niedersachsen begrüßt, wenn Abwärme genutzt wird. Allerdings sieht sie die Sache skeptisch. „Abwärmenutzung ist gut, aber Energie zur Saison-Verfrühung eines Gemüses einzusetzen, ist nicht sinnvoll“, sagt sie. Die Energie könne besser für andere Dinge verwendet werden – der Energieverbrauch werde unnötigerweise erhöht statt ihn zu senken.

Lohnt sich das für die Spargelbauern überhaupt? Heinrich Thiermann, Seniorchef des Hofes, baut seit 1972 Spargel an. „Wir können unseren teuren Maschinenpark etwas länger nutzen, und wir können unsere Erntehelfer schon einarbeiten“, sagt der 74-Jährige. Und es gebe einen guten Werbeeffekt, wenn treue Kunden schon zwei, drei Wochen vor der offiziellen Spargelsaison das erste frische Edelgemüse des Jahres bekommen.

„Der Deutsche ist ein extremer Spargelesser“, sagt Lehar von der Genossenschaft Nordbaden. Die weiße und die grüne Stange seien ein „Kult-Produkt“: Überall in Deutschland böten Restaurants von April bis Juni spezielle Spargelkarten an. Mit Ende der Saison am 24. Juni ende auch das Interesse am Spargel. Die auch verkaufte Importware vor allem aus Peru stoße auf recht wenig Nachfrage, sagt der Genossenschaftsgeschäftsführer.

Außerhalb der Saison sei die Nachfrage nach Spargel schwächer, erklärt Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Auch diese Nachfrage wolle der Einzelhandel bedienen. „Vor allem dann und bei Nachfragespitzen wird auch importierter Spargel angeboten.“ Laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft wurden in Deutschland 2016 etwa 120.000 Tonnen Spargel geerntet – dem standen rund 24.000 Tonnen Spargel aus dem Import gegenüber.

Quelle:  Handelsblatt Online
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