Herrschaft des Scanners: Amazons Kampf um Effizienz

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Herrschaft des Scanners: Amazons Kampf um Effizienz

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Amazon verschickt mehr Pakete als je zuvor. Doch der Konzern muss seine Effizienz steigern.

von Stephan Happel

Amazon gilt als Logistik-König. Doch rasantes Wachstum und hoher Lieferdruck stellen die Logistikzentren des Onlineriesen vor Herausforderungen. Amazon muss seine Effizienz steigern.

Dutzende Lkws spucken täglich Paketberge in das Logistikzentrum von Amazon. Hunderte Angestellte sind damit beschäftigt, die Waren anzunehmen, einzulagern und zu verpacken. Über allem liegt das Rumpeln und Rappeln der Förderbänder, die Waren und Päckchen von einer Ebene transportieren. Nichts Spektakuläres also. So sehen Logistikzentren seit Jahrzehnten aus.

Doch der anachronistische Eindruck täuscht. In Amazons Reich gibt ein Computer den Rhythmus vor. Seine Instrumente sind Scanner und Barcode. Das einzige Lied, das er kennt, heißt Effizienz. Und es wird immer schneller gespielt.
Amazon dominiert den Onlinehandel. Zuletzt fiel das Wachstum geringer, aber noch immer beeindruckend aus. Doch der Druck auf den Konzern steigt.

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Amazons Logistik-Netz in Deutschland

  • Logistikzentren

    In Deutschland hat Amazon bislang neun Logistikzentren an acht Standorten: In Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld mit zwei Logistikzentren, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Koblenz und Brieselang.

  • Mitarbeiter

    Mehr als 9.000 Festangestellte aus über 100 Nationen. In der Weihnachtszeit kommen nach Angaben des Konzerns 10.000 weitere Saisonkräfte hinzu.

  • Logistik-Gesamtfläche

    860.000 Quadratmeter (120,5 Fußballfelder) mit einer Lagerkapazität von mehr als 3 Mio. m³.

  • Spitzen-Bestelltag

    Am 15.12.2013 verzeichnete Amazon.de 4,6 Mio. Kundenbestellungen. Das waren 53 pro Sekunde.


In der Vergangenheit machte Amazon selten Gewinn, aber ziemlich häufig Minus. Im Oktober verkündete der Konzern den größten Quartalsverlust seit 14 Jahren. „Ich habe bei Amazon Milliarden Dollar in den Sand gesetzt“, gab Konzernchef Jeff Bezos jetzt freimütig zu, rechtfertigte aber seine Entscheidung, auf Expansion und neue Produkte zu setzen. „Mein Job ist es, die Leute zu ermuntern, kühn zu sein. Und wenn man kühne Wetten eingeht, führt das zu Experimenten. Experimente tragen das Scheitern schon in sich.“ Ein paar große Erfolge machten schließlich viele Sachen wett, die nicht funktioniert haben.

Eben deshalb duldeten die Investoren lange Zeit das Vorgehen des Amazon-Lenkers. Langsam aber werden sie ungeduldig, beginnen an der Strategie zu zweifeln. Damit Bezos weiterhin expandieren, experimentieren und sich Flops wie das Fire Phone leisten kann, muss zumindest das Kerngeschäft fehlerfrei laufen.

Fluch der Geschwindigkeit

Die Verantwortung dafür liegt in großen Teil bei Amazons Logistik. Und für die wachsen die Herausforderungen. Nicht nur die Flut an Bestellungen und Paketen macht ihnen zu schaffen. Im Kampf um die Kundengunst verspricht Amazon immer bessere und schnellere Lieferungen. Overnight und Expresslieferungen, Same-Day-Delivery. Zwischen dem Klick auf den Bestellbutton und dem Klingeln des Postboten dürfen in der schönen, neuen Amazon-Welt mitunter nur noch wenige Stunden vergehen.

Same-Day-Delivery Wenn der Postmann schneller klingelt als gedacht

Die Paketzustellung am gleichen Tag wird in wenigen Jahren zum Alltag gehören, prognostiziert eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey.

Immer mehr Pakete sollen in Zukunft noch am gleichen Tag ankommen Quelle: dpa

„Die Geschwindigkeit, die wir brauchen, um unsere Kunden zufrieden zu stellen, fordert uns am meisten heraus“, sagt Cavit Yilmaz, Regionalleiter der vier westdeutschen Amazon-Standorte.

Eines seiner Bollwerke im Kampf gegen die Paketflut, die wachsenden Anforderungen und die Konkurrenz liegt an der Amazonstraße 1 in Rheinberg. Im kleinen Städtchen am Niederrhein liegt seit 2011 das westlichste Logistikzentrum des Onlinegiganten in Deutschland. 110.000 Quadratmeter, so groß wie 17 Fußballfelder.

Amazonisierung Europas

Rheinberg ist typisch für ein Logistikzentrum des Onlinehändlers. Es liegt irgendwo auf der grünen Wiese nahe einer Kleinstadt, Ballungsräume wie Düsseldorf und das Ruhrgebiet sind nicht weit entfernt. Autobahnen und Flughafen sind ebenfalls nah.

Um die hohen Versprechen bei der Geschwindigkeit halten zu können, baut Amazon bislang das eigene Logistiknetz aus, und zwar rasant. Neun Logistikzentren an acht Standorten in Deutschland gibt es mittlerweile. Mehr als 7000 neue feste Mitarbeiter hat Amazon allein hierzulande in den vergangenen fünf Jahren eingestellt. So verkürzt der Onlineriese die Wege zum Endkunden und erhöht zugleich die Lagerkapazität.

Die Paketzustellung der Zukunft

  • Paketzustellung innerhalb eines Wunschzeitraumes

    Bei der Auslieferung der Paketsendungen legen die Kunden vor allem Wert darauf, dass sie zu ihren Alltagsgewohnheiten passt: 37 Prozent der Befragten haben bereits Erfahrungen, ihre Pakete zum Wunschtermin (auch nach Feierabend) nach Hause liefern zu lassen, weitere 40 Prozent würden diese Option gerne nutzen. Die Lieferung zum Wunschtermin ist damit aktuell die erste Wahl der Verbraucher. Viele Versandhändler haben sich diesem Bedürfnis bereits angepasst.


    Quelle: PricewaterhouseCoopers AG (PwC): Die Paketzustellung der Zukunft, November 2014

  • Abholung bei Paketstationen

    Laut PwC nutzt jeder vierte Deutsche heute gelegentlich bis häufig Paketstationen oder Paket-Shops verschiedener Logistikdienstleister als Zustellmöglichkeit. Rund die Hälfte der Deutschen steht dieser Lösung jedoch noch kritisch gegenüber und hat sie bisher nicht genutzt.
    Als wichtigste Eigenschaften einer Paketstation gab eine klare Mehrheit der der Befragten (87 Prozent) an, dass eine Paketstation möglichst einfach und selbsterklärend zu bedienen sein muss. Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Erreichbarkeit: 72 Prozent legen Wert darauf, dass die Station mit dem Auto gut erreichbar ist, 67 Prozent zu Fuß. Außerdem sollen Pakete in allen Größen und von verschiedenen Paketdienstleistern dort gelagert werden können (83 bzw. 80 Prozent der Befragten).

  • Lieferung an den Arbeitsplatz

    Die Lieferung an den Arbeitsplatz ist für viele Arbeitnehmer eine attraktive, da zeitsparende und praktische Option, sasgt die Studie: Knapp jeder zweite Berufstätige (49 Prozent) würde diesen Service gerne nutzen. Bislang lässt sich nur eine kleine Minderheit der Berufstätigen (5 Prozent) Pakete direkt ins Büro liefern. Einen Aufpreis für diesen Service würden aber nur 7 Prozent in Kauf nehmen.

  • Taggleiche Lieferung

    Rund ein Drittel der Deutschen wäre unter bestimmten Voraussetzungen bereit, für eine Lieferung am gleichen Tag (Same Day Delivery) einen Aufpreis von bis zu 12 Euro zu zahlen. Die taggleiche Lieferung kommt für die meisten jedoch nur für bestimmte Anlässe und in Ausnahmefällen in Frage, beispielsweise für Weihnachts- und Geburtstaggeschenke in letzter Minute. Rund zwei Drittel geben an, den Service der Lieferung am selben Tag generell nicht nutzen zu wollen; entweder aus grundsätzlichen Überlegungen oder weil sie eine Gebühr von rund 12 Euro als zu hoch empfinden.

Auch außerhalb Deutschlands wächst der Konzern. Nahezu jährlich kommen neue Zentren hinzu, zuletzt zwei neue in Polen. Nah genug an der Grenze, um auch Ostdeutschland mit Waren beliefern zu können, schnell und kostengünstig.

Der Schritt nach Osteuropa hat Amazon in Deutschland viel Kritik eingebracht. Verbände und Gewerkschaften warfen dem Konzern vor, Polen vor allem wegen der geringen Lohnkosten zu wählen und befürchten den Verlust von Arbeitsplätzen.

Amazon selbst interessiert das freilich kaum. Der Konzern betrachtet Europa als Einheit, Ländergrenzen spielen im Denken der Logistiker kaum eine Rolle.

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