Jetzt regiert der Rotstift: Karstadt reagiert mit Stellenstreichungen auf die Krise

Jetzt regiert der Rotstift: Karstadt reagiert mit Stellenstreichungen auf die Krise

Um die angeschlagene Warenhauskette Karstadt zu retten, dreht die neue Konzernspitze an vielen Schrauben. Tausende Stellen sollen wegfallen, die Lieferanten zusätzliche Rabatte gewähren.

Bei Karstadt ist der Weihnachtsfrieden vorbei. Sechs Monate, nachdem der Österreicher René Benko die angeschlagene Warenhauskette für nur einen Euro übernommen hat, wird immer deutlicher, wie der Immobilieninvestor das krisengeschüttelte Unternehmen wieder auf Kurs bringen will: mit Stellenabbau, schlechteren Arbeitsbedingungen, besseren Einkaufskonditionen und weniger Rabatten.

Zusätzlich zur angekündigten Schließung von sechs Standorten will die neue Führung unter Karstadt-Chef Stephan Fanderl rund 2000 Vollzeitstellen streichen. Das ist eigentlich schon seit Monaten bekannt. Doch wird erst jetzt klar, was dies konkret bedeuten dürfte. Gut jede zehnte Stelle in den Filialen und jede vierte in der Zentrale sollen nach Angaben des Betriebsrats in kommenden Monaten dem Rotstift zum Opfer fallen.

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Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Allein in den derzeit noch 83 Warenhäusern soll die Zahl der Stellen um 1271 auf 8170 reduziert werden, wie die „Süddeutsche Zeitung“ und der „Nordbayerische Kurier“ übereinstimmend berichteten. Die Personalkosten sollen so um 64 Millionen auf 308 Millionen sinken. Mehrere hundert weitere Stellen sind nach Gewerkschaftsangaben in der Essener Zentrale bedroht.

Doch selbst wer seine Stelle behält, soll nach dem Willen der Karstadt-Führung finanzielle Opfer bringen. Fanderl will etwa Einsparungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld durchsetzen. Außerdem plant die Karstadt-Führung Verdi zufolge, 1100 Mitarbeiter von Verkaufsberatern zur Regaleinräumern zu degradieren. Die Betroffenen sollten pro Monat 300 Euro weniger verdienen als bisher, berichtete die Gewerkschaft. Karstadt-Sprecher Stefan Hartwig war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Medien hatten zudem darüber berichtet, dass Karstadt diese Mitarbeiter in den neuen „Warenservice-Teams“ nach dem Logistiktarifvertrag bezahlen könnte, der günstiger als der Einzelhandelstarifvertrag wäre. Diese Meldung haben sowohl Karstadt als auch die Gewerkschaft Verdi mittlerweile dementiert. Eine Sprecherin von Verdi erklärte, Karstadt habe zwar den Wunsch geäußert die Lohnkosten durch die Umgruppierung der Warenservice-Teams zu senken, darüber müsse jedoch noch verhandelt werden.

Verdi kritisiert Karstadt

Für die Gewerkschaft Verdi ist der geplante Personalabbau ein Irrweg: „Für ein erfolgreiches Warenhaus, das diesen Namen noch verdient, braucht man ausreichend Personal auf der Fläche. Daran darf nicht gesägt werden“, sagte eine Verdi-Sprecherin am Montag.

Der Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg urteilt dagegen: „Der Abbau von Stellen im Unternehmen ist sicher ein notwendiger Schritt bei der Sanierung, entscheidend wird jedoch sein, ob Karstadt dabei die richtige Balance zwischen Kostenoptimierung und Bewahrung eines angemessenen Beratungsangebots gelingt.“

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Doch die Personalkosten sind nicht die einzige Schraube, an der Karstadt derzeit dreht. So fordern Fanderl und sein Einkaufschef nach einem Bericht des Fachblattes „Textilwirtschaft“ von den Lieferanten zusätzliche Rabatte. Nach Auffassung der neuen Firmenspitze hat Karstadt bei den Einkaufskonditionen Nachholbedarf.

Allerdings sind die Preise nur ein Problem im Beschaffungswesen, glaubt Handelsexperte Roeb: „Karstadt muss im Einkauf künftig genauer den Kundengeschmack treffen, um nicht mehr soviel Ware mit Preisnachlässen in den Markt drücken zu müssen.“ Nach Angaben von Finanzvorstand Miguel Müllenbach verzichtete Karstadt bereits im Weihnachtsgeschäft 2014 bewusst auf „ungesunde Umsätze“ durch Rabatte und konnte so die Gewinnmarge um mehr als 2 Prozentpunkte anheben.

Auch bei der Kundenansprache hat der Konzern viel vor. Der neue Karstadt-Marketing-Chef Manfred Mandel hat als Ziel gesetzt, „die über sieben Millionen Kunden zurückzuholen, die Karstadt seit 2009 verloren hat“. Fragt sich nur, ob ein kräftiger Stellenabbau in den Filialen dazu die richtige Methode ist.

Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt glaubt das eher nicht. „Das wichtigste Thema ist die Kundschaft. Da dürfen wir nicht Sparen“, meint er. Für den Gewerkschafter sind Benkos Umbaupläne bereits die vierte große Sanierungsrunde, die er bei Karstadt erlebt. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht bereit ist, die von der Konzernführung geplanten Einschnitte so einfach hinzunehmen: „Wir werden hart verhandeln.“

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