Karstadt: Ein Befreiungsschlag sieht anders aus

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KommentarKarstadt: Ein Befreiungsschlag sieht anders aus

von Henryk Hielscher

Stundenlanges Gezerre, wenig Resultate: Der Aufsichtsrat von Karstadt beteuert, dass der Warenhauskonzern saniert werden soll – mal wieder. Wie die Wende gelingen soll, bleibt weiter offen.

Wie lange soll das Gezerre um Karstadt eigentlich noch andauern? Wie oft wollen sich Aufsichtsräte und Management noch zusammensetzen, um die Sanierung von Karstadt zu beschwören - und dann doch wieder nur ein bisschen hier zu kürzen, ein wenig dort zu sparen, aber im Großen und Ganzen so weiter zu wurschteln wie schon seit Jahren.

Die gestrige Aufsichtsratssitzung des Konzerns, die erste nach der Übernahme durch den neuen Eigner René Benko, lief nach bekanntem Muster ab: Stundenlanges Gezerre und am Ende wenig konkrete Resultate. Von Restrukturierung, Rentabilitätsverbesserung und 20 Prozent weniger Personalkosten war die Rede. Man wolle regionale Besonderheiten im Sortiment berücksichtigen und auch die Erfahrungen der Karstadt-Mitarbeiter vor Ort nutzen, um die Erträge zu steigern. 

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Das alles mag richtig sein. Doch wer glaubt, dass derlei Schrittchen genügten, um eine marode Unternehmung vom Karstadt-Format wieder auf Kurs zu bringen, dürfte enttäuscht werden.

Aufsichtsratssitzung Karstadt bangt, beschließt aber nichts

Gnadenfrist für Karstadt oder knallharte Sanierung? Das Schicksal des Traditionsunternehmens ist weiter ungewiss. Ein mit Spannung erwartetes Treffen des Karstadt-Aufsichtsrats brachte keine neuen Ergebnisse.

Was passiert mit Karstadt? Die Aufsichtsratssitzung am Donnerstag lieferte keine neuen Erkenntnisse. Quelle: dpa

Das nun schon seit 15 Jahren andauernde Siechtum von Karstadt lässt sich mit den Maßnahmen allenfalls verlangsamen, nicht aber stoppen. An Filialschließungen und einer Konzentration auf die Top-Standorte führt letztlich kein Weg vorbei.

Das Kernproblem dabei: Filialschließungen außerhalb einer Insolvenz kosten immense Beträge. 10 bis 15 Millionen Euro seien pro Haus allein für Sozial- und fortlaufende Immobilienverträge fällig, hat jüngst Karstadt-Aufsichtsrat Arno Peukes vorgerechnet. Das macht bei 20 bis 30 Häusern mindestens 300 Millionen Euro.

Spiel auf Zeit

Wird Neu-Eigentümer Benko tatsächlich seinen bisherigen Einsatz bei Karstadt fast verdoppeln, nur um Filialen zu schließen? Ist Benko zusätzlich noch bereit, einen mindestens ähnlich hohen  Betrag in die Modernisierung der bestehenden Häuser zu pumpen? Könnte Karstadt diese Investitionen jemals wieder einspielen?

Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

Benko sagt von sich selbst, er habe noch kein Geschäft gemacht, bei dem er „draufgelegt“ habe.  Bei Karstadt werden er – und die Investoren, die hinter seinem Immobilienunternehmen Signa stehen – kaum damit anfangen wollen.

Fast wirkt es so als ginge es vielen Beteiligten derzeit vor allem darum, Zeit zu gewinnen. Ein paar Monate mehr, um die Luxus- und Sporthäuser endgültig vom maladen Kerngeschäft abzukoppeln. Zeit, um im wichtigen Weihnachtsgeschäft Liquidität zu schöpfen und – gewollt oder nicht -  auch den Zeitraum zu strecken, in dem spätere Anfechtungen und Rückabwicklungen vergleichsweise einfach durchzusetzen wären.

Weitere Artikel

Es scheint nach wie vor fraglich, ob das Thema Planinsolvenz bei Karstadt wirklich vom Tisch ist. Die wirtschaftlich notwendigen Filialschließungen und Sparmaßnahmen könnten in einem solchen Szenario zu einem Bruchteil der Kosten durchgesetzt werden.

Über die durch die Reform des Insolvenzrechts geschaffenen Sanierungsinstrumente könnten Benkos Vertraute an Bord bleiben und  das Verfahren maßgeblich steuern. Ein Risiko bliebe in dem Fall das Verhalten von Beschäftigten und Lieferanten, die als Gläubiger Entscheidungen torpedieren könnten.

Doch was ist die Alternative? Die bisher bekannt geworden Sanierungsbeteuerungen lassen kein schlüssiges Konzept erkennen – ein Befreiungsschlag sieht anders aus.

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