Kein Kavaliersdelikt : Mitarbeiter-Diebstähle kosten Milliarden

Kein Kavaliersdelikt : Mitarbeiter-Diebstähle kosten Milliarden

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Viele Diebe werden nicht erwischt. Die Dunkelziffer liegt laut Experten bei 98 Prozent. Schuld daran sollen auch verlängerte Öffnungszeiten bei geringerer Personalbesetzung sein.

Selbst eine mögliche fristlose Kündigung ist für manche Diebe keine Abschreckung: Mitarbeiter mit langen Fingern gibt es wohl in fast jeder Firma. Die Unternehmen können des Problems nur bedingt Herr werden.

Ein bisschen Schwund ist ja immer, muss sich der Leiharbeiter im Daimler-Werk in Rastatt wohl gedacht haben. Gut zwei Jahre lang soll er regelmäßig Navigationsgeräte abgezweigt haben, die eigentlich für den Einbau in die Autos vorgesehen waren. Seine Frau soll derweil für ihn an der Pforte Schmiere gestanden und ihm eine Nachricht geschrieben haben, wenn die Luft rein war.

Laut Staatsanwaltschaft schaffte der 29-jährige Mechatroniker so mehr als 2500 Navigationsgeräte im Wert von rund 1,5 Millionen Euro aus dem Werk und verkaufte sie im Internet. Am Freitag (23. Januar) wird der Fall vor dem Landgericht Baden-Baden weiter verhandelt.

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Das Verfahren ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Diebstähle in Millionenhöhe kämen eher selten vor, sagt Frank Marzluf, der beim Wirtschaftsprüfer Deloitte für die Aufklärung solcher Fälle bei Unternehmen zuständig ist. Außerdem sei der Mann Leiharbeiter. „Der typische Täter arbeitet seit mehreren Jahren im Unternehmen. Er genießt ein gewisses Vertrauen, hat Netzwerke aufgebaut und kennt die Schwächen in Unternehmensabläufen“, erklärt Marzluf.

Wo die Einzelhändler am stärksten unter Warenschwund leiden

  • Zur Umfrage

    „Das Globale Diebstahlbarometer 2013/2014“ wurde von The Smart Cube unter Mitwirkung von Einzelhandelsanalyst Ernie Deyle erstellt. Sie basiert auf Befragungen von 222 Einzelhändlern (laut Angaben insbesondere große Handelsketten) in 24 Ländern, die 2013 einen Umsatz von insgesamt über 560 Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Die Befragungen wurden sowohl anhand von telefonischen Tiefeninterviews als auch anhand von schriftlichen, quantitativen Interviews durchgeführt.

  • Österreich

    Wert des Schwunds: 655 Millionen Euro

    Schwund: 1,05 % des Umsatzes

  • Belgien

    Wert des Schwunds: 934 Millionen Euro

    Schwund: 1,16 % des Umsatzes

  • Dänemark

    Wert des Schwunds: 451 Millionen Euro

    Schwund: 1,14 % des Umsatzes

  • Finnland

    Wert des Schwunds: 526 Millionen Euro

    Schwund: 1,39 % des Umsatzes

  • Frankreich

    Wert des Schwunds: 4679 Millionen Euro

    Schwund: 1,09 % des Umsatzes

  • Deutschland

    Wert des Schwunds: 4952 Millionen Euro

    Schwund: 1,10 % des Umsatzes

  • Italien

    Wert des Schwunds: 3365 Millionen Euro

    Schwund: 1,09 % des Umsatzes

  • Niederlande

    Wert des Schwunds: 1167 Millionen Euro

    Schwund: 1,23 % des Umsatzes

  • Norwegen

    Wert des Schwunds: 450 Millionen Euro

    Schwund: 0,83 % des Umsatzes

  • Polen

    Wert des Schwunds: 820 Millionen Euro

    Schwund: 1,09 % des Umsatzes

  • Portugal

    Wert des Schwunds: 462 Millionen Euro

    Schwund: 1,18 % des Umsatzes

  • Russland

    Wert des Schwunds: 5318 Millionen Euro

    Schwund: 1,35 % des Umsatzes

  • Spanien

    Wert des Schwunds: 2735 Millionen Euro

    Schwund: 1,36 % des Umsatzes

  • Schweden

    Wert des Schwunds: 723 Millionen Euro

    Schwund: 1,00 % des Umsatzes

  • Türkei

    Wert des Schwunds: 1300 Millionen Euro

    Schwund: 0,99 % des Umsatzes

  • Vereinigtes Königreich

    Wert des Schwunds: 3,3 Milliarden Euro

    Schwund: 0,97 % des Umsatzes

Geklaut wird nach Einschätzung des Wirtschaftsprüfers dagegen in fast jeder Firma: „Betrug, Unterschlagung und Untreue in nicht unerheblichem Umfang kommen bei etwa 50 bis 70 Prozent der Unternehmen vor.“ Die Dunkelziffer insbesondere bei Diebstahl sei enorm hoch, glaubt der Experte. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG schätzt, dass deutschen Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern in den vergangenen zwei Jahren rund sieben Milliarden Euro Schaden durch Diebstahls- und Unterschlagungsdelikte entstanden sind.

Besonders leidet demnach der Handel. Die Inventurdifferenz - also der Unterschied zwischen den Waren, die im Lager sein sollten, und denen, die tatsächlich da sind - liegt laut einem Bericht des Instituts EHI bei rund einem Prozent des Umsatzes. Das entspricht in etwa der schmalen Gewinnspanne in der hart umkämpften Branche.

„Alles, was von privat zu privat weiterverkauft werden kann, ist attraktiv“, sagt Stefan Heißner, Betrugsexperte bei Ernst & Young. „Vor allem Elektronikartikel, aber auch Bekleidung wird geklaut.“ Gerade im Handel sei der Spagat zwischen Sicherheit und Vertrauen groß. „Das ist eine Kosten-Nutzen-Abwägung“, erklärt Heißner. „Ganz verhindern werden Sie Diebstähle nie. Und je mehr Sie machen, desto mehr zeigen Sie den Mitarbeitern, dass Sie ihnen nicht vertrauen.“

Die Tricks der Ladendiebe

  • Diebstahl mit Taschen

    Diese Methode wird in über 90 Prozent aller aufgedeckten Fälle angewendet. Dabei verschwindet die Ware direkt in der Einkaufstasche, in Rucksäcken, Handtaschen oder in großen Manteltaschen.

    (Quelle: Lemke-Training.de)

  • Tipp 1 für Verkäufer

    Achten Sie besonders auf offene Reißverschlüsse und offene Taschen. Wenn Schließfächer vorhanden sind, den Kunden höflich bitten, seine Taschen abzugeben.

  • Zeitschrift-Einroll-Trick

    Dabei wird häufig in einer Zeitschrift ein Artikel eingerollt. Besonders beliebter Trick in Parfümerien und Drogerien, wo es häufig eine kostenlose Kundenzeitschrift gibt, die meistens frei aus liegt.

  • Tipp 2 für Verkäufer

    Am besten ist es, dass kostenlose Magazine persönlich an der Kasse dem Kunden übergeben werden. Neben der Vorbeugung gegen Diebstahl hat die Übergabe auch eine höhere Wertigkeit gegenüber dem Kunden.

  • Helm-Trick

    Der "Kunde" kommt mit einem Motorrad- oder Schutzhelm in das Geschäft und steckt, wenn er nicht beobachtet wird, Waren in den Helm. Ein beliebter Trick für Kleinartikel aller Art.

  • Tipp 3 für Verkäufer

    Aufmerksam bleiben und beobachten, wenn es nicht möglich ist, dass der Kunde seinen Helm im Geschäft zur Aufbewahrung abgeben kann.

  • Alt gegen Neu

    Das Geschäft wird mit neuen Schuhen oder Textilien verlassen, während die "alten Treter" oder die "alte Jacke" zurückgelassen werden.

  • Tipp 4 für Verkäufer

    Sie bieten nur einen Schuh an, der andere wird erst während des Beratungsgesprächs aus dem Lager geholt. Für Textilien haben sich elektronische Warensicherungssysteme bewährt. Umkleidekabinen werden nach Benutzung immer sofort von Restware geräumt.

  • Der Kinderwagentrick

    Ein Kinderwagen ermöglicht es, eine große Anzahl gestohlener Waren zu entwenden. Die Ausreden des Ladendiebs bei Überführung: "Das muss der Kleine wohl eingesteckt haben", erschwert die Beweislage, da Minderjährige nicht strafbar sind.

  • Tipp 5 für Verkäufer

    Hier gilt es, die ertappte Mutter oder den ertappten Vater deutlich auf die Folgen eines Diebstahls oder dessen Versuch aufmerksam zu machen. Die Personalien sollten auf jeden Fall vermerkt werden.

  • Der Kisten-Trick

    Der Trick wird häufig bei Getränkekisten angewendet. Teure Spirituosen werden in der Mitte der Kiste "versteckt" und eine Originalkiste darüber gestellt. Strafrechtlich handelt es sich um ein Betrugsdelikt, wenn es zur Strafanzeige kommt.

  • Tipp 6 für Verkäufer

    Dieser Diebstahl kann durch genaue Kontrolle an der Kasse entdeckt werden. Das Personal soll die Kisten immer anheben lassen.

  • Der Regenschirm-Trick

    Der Regenschirm bietet den Vorteil für den Dieb, dass er nicht geöffnet werden muss. Hier lassen sich schnell viele Kleinartikel verstecken.

  • Tipp 7 für Verkäufer

    Schirmständer für die Kunden am Eingang. Ansonsten hilft nur, den Kunden mit dem Schirm sehr genau zu beobachten.

  • Der Einkaufswagen-Trick

    Oft werden vom Kassenmitarbeiter die Waren, die unter andere, meist schwerere Artikel gepackt worden sind, "übersehen". Ein beliebter Trick bei unaufmerksamem Personal.

  • Tipp 8 für Verkäufer

    Auch hier besonders aufmerksam sein und den Kunden höflich bitten, seine Waren alle auf das Kassenband zu legen. Bei besonders schweren Artikeln müssen Sie ihm helfen oder vom Kassenplatz aus kontrollieren.

Die Ursachen liegen nach Einschätzung Heißners sowohl in der Bezahlung als auch in der Unternehmenskultur. Werde von Vorgesetzten ein eher laxer Umgang mit Rechtsvorschriften vorgelebt, nähmen es die Mitarbeiter mit „Mein“ und „Dein“ möglicherweise nicht so genau.

Am besten könnten sich Firmen mit Hilfe einer genauen Protokollierung oder durch Kontrollmechanismen schützen. „Wir hatten mal den skurrilen Fall, dass Mobiltelefone geklaut und das Diebesgut gefunden wurde“, berichtet Heißner. Die Handys konnten dann aber nicht eindeutig dem Unternehmen zugeordnet werden, weil man nicht wusste, was genau gestohlen worden war. „Die IMEI-Nummern, die Seriennummern der Telefone, waren aus Kostengründen nicht gespeichert worden.“

Taschenkontrollen seien aber kein gutes Zeichen an die Mitarbeiter, warnt der Experte. In den USA sorgten solche Praktiken schon für Unmut: Leiharbeiter des Online-Händlers Amazon zogen vor Gericht, weil sie die Wartezeit als Überstunden vergütet haben wollten.

Welche Waren am häufigsten von Diebstahl betroffen sind

  • Kleidung und Mode

    Rang 1: Modeaccessoires

    Rang 2: Schmuck, Schuhe

    Rang 3: Dessous/Unterwäsche

    Quelle: Das Globale Diebstahlbarometer 2013/2014

  • Baumarktartikel

    Rang 1: Elektrowerkzeuge

    Rang 2: Batterien

    Rang 3: Schrauben & Unterlegscheiben

  • Elektronikartikel

    Rang 1: Mobilzubehör

    Rang 2: iPhones/Smartphones

    Rang 3: Elektronische Spiele & Satellitennavigationssysteme/GPS-Systeme

  • Lebensmittel

    Rang 1: Wein & Spirituosen

    Rang 2: Säuglingsnahrung

    Rang 3: Feinkostartikel, frisches Fleisch

  • Kosmetik

    Rang 1: Make-Up-Artikel

    Rang 2: Rasierklingen, Hautpflegeprodukte

    Rang 3: Parfüms & Eau de Toilette

In Deutschland kann theoretisch jeder noch so kleine Diebstahl und jede Unterschlagung zur fristlosen Kündigung führen, sagt Verena Braeckeler-Kogel, Arbeitsrechtlerin bei der Kanzlei Simmons & Simmons. In der Praxis werde aber meist sehr genau abgewogen.

„Ein Diebstahl im Wert von 5 Euro kann genügen, wenn der Mitarbeiter noch kein Jahr im Unternehmen ist“, sagt sie. „Im anderen Fall kann es bei einer Unterschlagung von 500 Euro nur eine Abmahnung geben, wenn der Mitarbeiter 25 Jahre im Betrieb unauffällig war und schon Mitte 50 ist.“ Eine Pflicht zur Anzeige gebe es nicht.

Vor allem bei Bagatellfällen passiere das in der Regel auch nicht, um nicht unnötig Staub aufzuwirbeln. Herausragende Vorfälle wie bei Daimler würden dagegen schon zur Anzeige gebracht: „Bei einem größeren Fall versucht die Firma, eher mal ein Zeichen zu setzen.“

Bei Daimler allerdings will man nach dem Vorfall in Rastatt keinen Generalverdacht gegen alle Mitarbeiter aussprechen, betont ein Sprecher. „Wir pflegen eine Vertrauenskultur.“ Es werde auch in Zukunft kein Kontrolleur hinter jedem Mitarbeiter stehen.

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