Lebensmittel: Der Traum vom gesunden Essen

Lebensmittel: Der Traum vom gesunden Essen

Auf der Grünen Woche in Berlin präsentiert sich die Agrarindustrie naturnah. Doch die Realität sieht anders aus: Antibiotika, Dioxin und EHEC verderben uns den Appetit. Der nächste Skandal kommt bestimmt.

Die Hühner vor dem Kanzleramt hatten gestern nichts zu lachen: Ein Bauer malträtierte sie mit einer gigantischen Spritze. Mit der Zwangsimpfung von sechs Demonstranten im Hühnchenkostüm protestierte ein Aktionsbündnis unter dem Motto „Wir haben es satt“ gegen die Antibiotikanutzung in der Massentierhaltung. Denn erst kürzlich hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz auf zehn von zwanzig Fleischproben resistente Keime gefunden, denen Antibiotika nichts mehr anhaben können.

Alljährlich nutzen Aktivisten die weltgrößte Agrarmesse, um auf die gefährlichen Nebeneffekte der industriellen Nahrungsmittelproduktion hinzuweisen. Und ebenso alljährlich beschwört die Agrarindustrie auf der Messe die heile Welt idyllischer Bauernhöfe. Derweil verderben Schlagzeilen zu Antibiotika, Dioxin und EHEC den Verbrauchern den Appetit. Sie wären vermeidbar, wenn Politiker längst diskutierte Schutzmaßnahmen durchsetzen und endlich klare Zuständigkeiten für die Lebensmittelsicherheit schaffen würden.

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Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner auf der Grünen Woche Quelle: dpa

Alles unter Kontrolle: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) verkündete kürzlich einen „Zehn-Punkte-Plan“, um das Dioxinproblem zu lösen

Bild: dpa

Am Frühwarnsystem vorbei

Stattdessen suchen uns stets die gleichen Skandale heim. Zum Beispiel Dioxin: Gut zwei Jahre ist es her, da zeigte sich ein niedersächsischer Futterhersteller selbst an, weil er in seinem Produkt eine erhöhte Dioxinkonzentration festgestellt hatte. Durch den Fehler eines Zulieferers war dioxinverseuchtes „technisches Fett“ ins Futter gelangt. Der Hersteller hat die betroffenen Chargen zwischenzeitlich verkauft. Zwar sperren die Behörden in den folgenden zwei Wochen über 4700 landwirtschaftliche Betriebe, doch da ist das Gift über die Nahrungskette längst in die Frühstückseier der Verbraucher gelangt.

Verbraucherschutzministerin Aigner verkündet eilig einen „Zehn-Punkte-Plan“, um das Dioxinproblem zu lösen. Mit einem neuen Frühwarnsystem würden „Verunreinigungen in Lebensmitteln frühzeitig erkannt“, könnten „die Überwachungsbehörden schnell und zielgerichtet eingreifen“, so die Ministerin im Juli 2011.

Doch schon im November gelangt erneut Dioxin in Umlauf: Wieder meldet sich ein Hersteller bei den Behörden – diesmal, weil er dioxinbelastete Zuckerrübenschnitzel ausgeliefert hat. Wieder ist das Futter längst verkauft und teilweise verfüttert. Das konnte auch der Zehn-Punkte-Plan der Verbraucherschutzministerin nicht verhindern. Denn der wohl effektivste Punkt, die bundesweit einheitliche und lückenlose Kontrolle des Tierfutters, stand überhaupt nicht auf der Liste.

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