Lebensmittel per Mausklick: Nie wieder Schlange stehen

Lebensmittel per Mausklick: Nie wieder Schlange stehen

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Selber einkaufen? Warum nicht einfach einkaufen lassen? Online-Lieferdienste machen es möglich.

von Nele Hansen und Henryk Hielscher

Erst waren es nur Bücher, dann Elektronik, Haushaltsgeräte und Mode. Jetzt kommen in der nächsten Stufe Lebensmittel in den Online-Handel. Obst, Fleisch, Mehl und Nudeln aus dem Netz – wie es funktioniert, was es kostet und wer von diesem Wandel profitiert.

Eigentlich müsste Norbert Fuchs an diesem Mittwochnachmittag wieder durch einen Supermarkt im Düsseldorfer Stadtteil Unterrath hetzen: Wasserflaschen, Brot und Nudeln, Popcorn, Obst und Gemüse, Zigaretten – alles in den Einkaufswagen legen, an der Kasse Schlange stehen, bezahlen, einpacken, zurück nach Hause hetzen. Eineinhalb Stunden gehen darüber schnell herum. Doch Fuchs hat Besseres zu tun: Der T-Shirt-Händler bedruckt oder bestickt Klamotten mit neuen Motiven in seinem Laden.

Stattdessen schiebt nun Youssef Majteti für ihn den Einkaufswagen durch einen Rewe-Markt im Düsseldorfer Süden, wo alle Online-Bestellungen zusammengestellt werden. Früher hat der 23-jährige Majteti als Tankwart gearbeitet, seit zwei Monaten packt er Einkäufe bei Rewe. Majteti hält einen elektronischen Einkaufszettel in der Hand, der Fuchs’ Einkaufswünsche anzeigt, scannt jede bestellte Ware ein und legt sie in den Einkaufswagen. Anschließend verstaut er Milch, Quark und Butter in einem Kühlschrank, die Kiste mit Nudeln und die Dosentomaten kommen in ein Regal. Am nächsten Morgen ergänzt Majteti frische Waren wie Obst und Gemüse, bevor ein Fahrer von Rewe die Waren abholt und sie bei Fuchs und anderen Bestellern vorbeibringt.

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Das Ende des Schleppens

Noch zählt der Düsseldorfer zu einer winzigen Avantgarde in Deutschland – Kunden, die ihre Lebensmittel übers Internet einkaufen. Lange wird ihm die Sonderrolle nicht mehr beschieden bleiben: Logistiker und Händler bereiten gerade mit Macht die nächste Revolution im Handel vor – den Verkauf auch von Lebensmitteln für den täglichen Bedarf im Internet.

E-Commerce Briten shoppen Lebensmittel gerne online

Bis 2018 soll sich der Online-Umsatz mit Lebensmitteln verdoppeln. In Großbritannien ist der Wocheneinkauf per Mausklick schon zum Alltag geworden.

Eine Kundin bei Click & Collect Quelle: REUTERS

"Unser Ziel ist es, dem Online-Lebensmittelhandel in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen", tönt Andrej Busch, der bei der Deutschen Post DHL das Paketgeschäft leitet. "Ich habe noch nie verstanden, dass man sich die leichten Sachen wie Bücher oder CDs bestellt und die schweren Lebensmittel selbst nach Hause schleppt", ergänzt Briefvorstand Jürgen Gerdes, der die Post für den Lebensmittelhandel rüsten will.

Können Workaholics, Freizeitfanatiker und gestresste Eltern bald gleichermaßen aufatmen? Nie wieder schleppen, weder an Fleischtheken noch an Kassen anstehen, keine trödelnden Kunden vor einem oder rabiate Drängler im Rücken – endlich gehören Feierabend und Samstag ausschließlich mir oder der Familie?

Noch ist der Online-Anteil im Lebensmittelhandel verschwindend klein. Waren im Wert von etwa 500 Millionen Euro gelangen derzeit online zum Kunden. Das sind bei einem Gesamtumsatz von rund 200 Milliarden Euro gerade einmal zwischen 0,2 und 0,3 Prozent. Und das Gros der Waren im Internet-Handel besteht aus erlesenen Weinen oder anderen Delikatessen.

Von den Delikatessen zum Wocheneinkauf

Doch die Prognosen zeigen steil nach oben. "Jetzt kauft man noch italienische Trüffel übers Internet, am Ende aber wird sich Alltagsbedarf wie Nudeln und Toilettenpapier durchsetzen", glaubt Thomas Netzer, Partner und Logistikexperte bei der Unternehmensberatung McKinsey in Köln. Netzer und seine Berater-Kollegen von Accenture oder A.T. Kearney erwarten, dass sich der Online-Lebensmittelhandel bis 2020 auf einen Anteil von drei bis fünf Prozent am Gesamtmarkt mehr als verzehnfacht. Das wären dann bis zu zehn Milliarden Euro.

2013 stieg der Anteil der Lebensmittel-Online-Shopper gegenüber 2011 um 50 Prozent von 18 auf 27 Prozent der Befragten, belegt eine aktuelle A.T.-Kearney-Studie. "Insbesondere Familien mit zwei Kindern, bei denen die Eltern viel arbeiten und wenig Freizeit haben, kaufen immer mehr übers Internet", sagt Jochen Hiemeyer, Handelsexperte bei Accenture. Als besonders netzaffin gelten 30- bis 50-Jährige und junge Singles – sie kaufen nun zunehmend auch Lebensmittel im Web.

Lebensmittel und Internet gelten als unvereinbar

Einen Schub erwarten die Experten, wenn auch der Rest der Bevölkerung die Vorteile erkennt. "Viele sehen noch nicht, wie viel Zeit sie im Supermarkt verbringen und wie viel Sprit sie verfahren", sagt McKinsey-Berater Netzer. Er hat genau nachgerechnet und kam im Schnitt auf fünf Tage, davon allein ein Tag an der Kasse und 260 Liter Sprit im Jahr.

Lange galten Lebensmittel und Internet als unvereinbar. Erste Versuche wie der 2009 in Dortmund gegründete Online-Shop Froodies scheiterten im Mai 2012, weil das Unternehmen die komplexe Logistik nicht bewältigte. Auch der Versandhandelskonzern Otto stellte einen Versuch, frisches Brot und frische Butter übers Internet zu verkaufen, nach vier Jahren 2004 wieder ein. Überlegungen für einen Neustart wurden 2011 verworfen. Erst kürzlich schloss auch der mittelständische Händler Tegut, der Lebensmittel, teilweise in Bioqualität und mit Frischegarantie, online vermarktete, seinen Shop, weil die Zahl der Kunden überschaubar blieb.

Experten folgerten daraus, dass sich der Lebensmittelhandel anders als Elektronik, Haushaltsgeräte oder Kleidung generell nicht ins Internet verlagern ließe: Die Margen, hieß es damals, seien mit ein bis zwei Prozent zu gering, es gebe zu viele Läden, die Logistik sei zu teuer. Fisch müsste gekühlt, druckempfindliches Obst aufwendig verpackt werden – zu viel Aufwand, das Paket zum gewünschten Zeitpunkt zum Kunden zu bringen.

Das Neue Geschäft mit den Lebensmitteln

Aber all das ändert sich gerade auf breiter Front. Neue Verpackungen halten frische Milch, Käse oder Tiefkühlpizza 48 Stunden kalt, ausgeklügelte Lieferkonzepte helfen, die Waren am gleichen Tag direkt bis vor die Tür zu schicken. Zudem wächst die Zahl der Bestellungen, was eine wirtschaftliche Zustellung innerhalb einer bestimmten Zeit erlauben könnte. Gleichzeitig lernen die Kunden, sich schnell in den riesigen Sortimenten eines Internet-Supermarktes zurechtzufinden: Regelmäßige wiederkehrende Einkäufe werden einfach abgespeichert, damit sie beim nächsten Mal einfach per Mausklick abgerufen werden können.

Kamen die Pioniere vor rund zehn Jahren vor allem aus Großbritannien, beteiligen sich in Deutschland nun ganz unterschiedliche Anbieter am neuen Geschäft mit Lebensmitteln:

  • Startups wie Emmas Enkel oder Food.de liefern mit eigenen Fahrzeugen bis vor die Haustür.
  • Die Deutsche Post hat vor einem Jahr die Mehrheit am Online-Lebensmittelversender Allyouneed übernommen. Um mehr Waren auszuliefern, rüstet die Post mit 750 Millionen Euro nun ihre Paketzentren auf, um künftig schneller und auch nach Feierabend zustellen zu können.
  • Das Handelsunternehmen Bünting im ostfriesischen Leer verschickt für seinen Online-Shop Mytime aus einem Zentrallager in Oldenburg.
  • Die Handelsketten Rewe und Kaiser’s Tengelmann testen mit den Online-Shops Rewe online und Bringmeister in Metropolen eigene Lieferdienste aus den Filialen.
  • Edeka hat den Shop Edeka24 eingerichtet, der Waren per Paket versendet.
  • Der Paketversender DPD arbeitet an einer minutengetreuen Online-Paketverfolgung. Auch UPS und Hermes entwickeln zusätzliche Wahlmöglichkeiten für Zeitpunkt und Ort der Zustellung. Mit dem Kurierdienst Tiramizoo kann DPD auch am gleichen Tag liefern.
  • Klassische Lebensmittelspeditionen wie das Versmolder Unternehmen Nagel übernehmen die Zusammenstellung der Einkäufe und liefern mit ihren Fahrzeugen bis an die Haustür.

Feierabendzustellung ist unerlässlich

Lebensmittel aus dem Internet: Ein SelbstversuchVideo abspielen
E-CommerceLebensmittel aus dem Internet: Ein Selbstversuch

Die Deutsche Post mit ihrer Pakettochter DHL ist derzeit der stärkste Treiber im Online-Lebensmittelhandel. Einer der Schwerpunkte liegt im Ruhrgebiet.

Montagabend halb sechs, Paket-Zustellzentrum der Post in Bochum. Rund 100 Pakete lagern am Rand der Sortierhalle. Für zehn Paketboten beginnt die Schicht. Einer von ihnen ist Dirk Mäurer. Er nimmt Pakete von der Rutsche: Die meisten von Amazon und Mytime. Mäurer lädt sie in den gelben DHL-Lieferwagen.

Im Gegensatz zum Vormittag, wenn die Transporter vor Paketen fast überquellen, sind die Fahrzeuge der Abendtour noch ziemlich leer. "Für die Post ist die Feierabendzustellung an der Haustür zwar noch relativ neu, bei Lebensmitteln aber unerlässlich", sagt Ole Nordhoff, Verantwortlicher für den Bereich Marktentwicklung bei DHL Paket: "Wenn ich mein Paket noch abholen muss, kann ich genauso gut in den Supermarkt gehen." Deshalb hat die Post entschieden, in Köln, Berlin, den Ruhrgebietsstädten und in München Lebensmittel auch in den Abendstunden zuzustellen – wählen kann der Kunde zwischen 18 und 20 Uhr oder von 20 bis 22 Uhr.

Welches Modell sich durchsetzen wird ist unklar

Mäurers Tour geht heute quer durch Duisburg und Oberhausen. Bis kurz vor 22 Uhr ist er unterwegs, rund 60 Kilometer verzeichnet der Kilometerstand, zehn Pakete hat er dann abgeliefert. Bis Mitte 2014 will die Post die Abendzustellung auf alle deutschen Ballungszentren ausweiten.

Zahlen zum Online-Lebensmittelversand

  • 120 Mal...

    ... im Jahr suchen Verbraucher vor dem Einkaufen einen Parkplatz

  • Über 1000 Liter...

    ... Milch liefert Emmas Enkel pro Monat. H-Milch ist das meistverkaufte Produkt

  • 5 Tage...

    ... verbringt ein Mensch im Jahr im Supermarkt, davon einen an der Kasse

  • 2,5 Stunden...

    ... dauert ein Wocheneinkauf im Durchschnitt

  • 38 Prozent...

    ... der Konsumenten gaben die Lieferung an die Haustür als Hauptmotiv an, warum sie Lebensmittel online kaufen

  • 27.000 ...

    ... verschiedene Produkte sind bei Büntings Online-Shop Mytime erhältlich

"Gewinn machen wir mit den Feierabendtouren natürlich noch nicht", gibt DHL-Manager Nordhoff zu. Das Angebot gibt es erst seit Juli und ist daher noch neu. Damit sich der Aufwand überhaupt rechnet, liefert die Post nicht nur Pakete ihrer Tochter Allyouneed aus, sondern auch die der Wettbewerber von Mytime, Rewe, dem Bio-Online-Supermarkt Biodirekt aus Düsseldorf, dem Mönchengladbacher Fleischhändler Gourmetfleisch oder dem Düsseldorfer Startup Emmas Enkel.

Noch ist die Frage offen, welches Geschäftsmodell sich durchsetzen wird.

Post wurde selbst zum Händler

Die Paketbeförderer haben gute Chancen. Bisher verdienen sie nur an der Auslieferung etwa von Weinen wie des Hamburger Versenders Hawesko oder von Müslipackungen des Passauer Anbieters mymuesli oder Paketen des Berliner Zigarrenhändlers Starke Zigarren. Die Abendzustellung eröffnet den Paketdiensten ganz neue Möglichkeiten. "Wenn man annimmt, dass der Lebensmittel-Online-Markt auf zehn Milliarden Euro wächst, und einen durchschnittlichen Einkauf von 50 Euro zugrunde legt, wären das 200 Millionen zusätzliche Pakete – und damit 10 bis 15 Prozent des heutigen Paketmarkts", kalkuliert McKinsey-Experte Netzer.

Die Post möchte sich damit nicht zufriedengeben. Durch die Übernahme des Internet-Lebensmittelversenders Allyouneed ist sie selbst zum Händler geworden. Insgesamt 20 000 verschiedene Lebensmittel, Drogerie- und Haushaltswaren bunkert der Logistikriese in seinem Zentrallager. Die 14 000 Quadratmeter große Halle steht im logistischen Zentrum Deutschlands, in Staufenberg bei Kassel, direkt gegenüber dem Paketverteilzentrum der Post. Geht eine Bestellung im Computer ein, stellen Mitarbeiter von Allyouneed die Waren zusammen, verpacken sie und machen sie versandfertig. Wer frische Lebensmittel bis 12 Uhr bestellt, erhält sie bereits am nächsten Tag. Produkte, die nicht gekühlt werden müssen, können bis 18 Uhr bestellt werden. Danach werden die Lebensmittelsendungen ins Paketzentrum gebracht und dort auf Lastwagen umsortiert, die die Verteilzentren der Post anfahren. Von da aus gehen die Sendungen direkt zum Besteller.

Versand gekühlter Lebensmittel ist aufwendig

Zu den genauen Umsätzen schweigt All-youneed-Gründer und -Geschäftsführer Jens Drubel: "Profitabel werden wir nicht innerhalb von zwei bis drei Jahren sein, das ist eher ein Marathon", sagt Drubel.

Kompliziert ist bislang noch die Verpackung der Waren. Der Post- und Allyouneed-Kunde erhält mindestens zwei Pakete zeitgleich: eines mit frischen Waren wie Obst, Gemüse und Milch, eines mit haltbaren Produkten wie Reis und Müsli. Richtig aufwendig wird der Versand gekühlter Lebensmittel. Zwei Tüten mit je 250 Gramm Mozzarella benötigen sechs Kühlakkus, damit die kleinen Käsebälle 48 Stunden kalt bleiben – beides zusammen bringt mehr als vier Kilo auf die Waage. Wer mag, kann die Verpackung kostenlos zurückschicken, was ebenfalls Transportaufwand verursacht.

Für Doris Gräfe, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf sind die Verpackungen darum Hauptansatzpunkt für Kritik: "Man produziert Berge von Müll."

Paketbriefkästen mit Kühlakku

Um das zu vermeiden, hat die Deutsche Post nun eine Mehrweg-Styroporbox entwickelt, die aber vorerst nur bei Abendlieferungen eingesetzt wird. Rund 25 Euro kostet sie im Einkauf und rechnet sich nach fünf Durchläufen. In Ingolstadt bietet der Konzern testweise Paketbriefkästen für ein oder zwei Einfamilienhäuser an. Die überdimensionierten Briefkästen stellen die Kunden vor ihre Haustür, Kühlakkus halten die Pakete mit Käse oder Wurst frisch. Je nach Größe zahlt der Hausbesitzer zwischen 99 und 179 Euro für die Kästen. Paketbote und Besitzer können die Kästen mit einem Schlüsselchip öffnen. Der Bote bringt Sendungen und nimmt Retouren wieder mit. Zwei Wasserkisten passen in die größte Version.

Chancen des Online-Lebensmittelhandels

  • Pro - Thomas Netzer

    "Ich glaube, dass sich der Lebensmittel-Online-Handel durchsetzen wird. Wir gehen von einem Anteil von fünf Prozent bis zum Jahr 2020 aus", sagt Thomas Netzer, Partner und Logistikexperte bei McKinsey. Das wäre ein Umsatzanteil von zehn Milliarden Euro am gesamten Lebensmittelmarkt in Deutschland.

  • Contra - Jochen Hiemeyer

    Jochen Hiemeyer, Handelsexperte der Beratung Accenture ist etwas zurückhaltender: "Dass ein Zalando für Lebensmittel um die Ecke kommt, sehe ich nicht." Doch auch er rechnet mit einem Marktanteil von drei bis vier Prozent bis 2020.

Wenn Online-Besteller Fuchs aus Düsseldorf Lebensmittel bei Rewe ordert, holt Packer Majteti die Waren aus denselben Regalen, an denen sich auch die Kunden im Laden bedienen. 25 bis 35 Minuten dauert das Konfektionieren eines durchschnittlichen Wocheneinkaufs mit 50 bis 80 Artikeln. "Gewinn machen wir bislang noch nicht", sagt Dirk Engelbertz, E-Commerce-Manager bei Rewe. "Aber wir sparen uns hohe Fixkosten für ein Online-Lager und können durch unsere hohe Ladendichte schnell expandieren. Natürlich geht das nur bis zu einer bestimmten Größe." Majteti prüft die Orangen auf weiche Stellen, die Bananen wendet er einmal: "Ich packe nur ein, was ich auch selbst kaufen würde."

Verbraucher zweifeln an der Frische

Für den Erfolg des elektronischen Lebensmittelhandels wird dieser Maßstab entscheidend sein. 55 Prozent der befragten Verbraucher haben vor allem Zweifel an Frische und Qualität der gelieferten Produkte, haben die A.T.-Kearney-Berater in einer Studie herausgefunden. Teilweise zu Recht, wie Testkäufe der Verbraucherzentrale NRW zusammen mit dem WDR im Frühjahr ergaben. Der Online-Shop lebensmittel.de etwa fiel dabei durch: Die Eier waren zerquetscht, das Schweinefleisch angefroren, die Bananen braun, die Lieferung kam insgesamt zu spät. Der Online-Supermarkt hat Abhilfe versprochen, will die Verpackung verbessern und Bestellspitzen besser abfedern.

Pünktliche Lieferung ist wichtig

Ebenso wichtig für die Akzeptanz ist die pünktliche Belieferung. Rewe beschäftigt dafür eigene Leute wie Florian Kukalla, der mit einem von drei kleinen Lkws Waren ausfährt.

62 Kilometer lang ist Kukallas Liefertour heute. Erster Kunde ist ein Unternehmensberater in der Düsseldorfer Altstadt. Kukalla nimmt die Einkaufstüten aus den Transportkisten. "Rewe hier", sagt Kukalla, nachdem er den Klingelknopf gedrückt hat. Der Besteller hat seine Wohnung im vierten Stock: Vier Wasserkisten, eine Bierkiste und mehrere Pizzakartons schleppt Kukalla bis vor die Wohnungstür. Der Berater zahlt per Kreditkarte oder Paypal. Drei bis sieben Euro kostet der Lieferservice, je nachdem, wann die Ware zugestellt werden soll. Ab drei Getränkekisten kommen noch einmal 75 Cent dazu.

Für die Händler ist es teurer

Kukalla hat Glück: Alle Kunden sind heute zum vereinbarten Termin zu Hause. "Wenn ein Kunde nicht zu Hause ist, versuche ich ihn telefonisch zu erreichen. Fünf Minuten kann ich schon mal warten, oder ich versuche es am Ende der Tour noch mal", sagt Kukalla. Wenn der Fahrer seine Tüten nicht los wird, nimmt er sie wieder mit in den Rewe-Markt und storniert die Bestellung kostenlos.

Prognose für den Umsatz mi Lebensmitteln im Lebensmittel-Online-Handel in Deutschland

Prognose für den Umsatz mi Lebensmitteln im Lebensmittel-Online-Handel in Deutschland

Heute ist Kukalla auf seiner Tour gut ausgelastet. Wie viele Kunden schon bei Rewe online bestellen, verrät das Unternehmen nicht. Auch Bringmeister (Tengelmann), Mytime (Bünting) oder Edeka mögen dazu nichts angeben. "Bei einem Durchschnittseinkauf von 50 Euro kosten Logistik und Lieferung rund 15 Euro", sagt McKinsey Experte Netzer. Für Händler ist das deutlich mehr, als wenn ein Kunde in der Filiale einkauft.

Viele Shops berechnen die Lieferkosten daher extra. Teilweise sind auch die Produkte teurer als im Supermarkt vor Ort: Ein Liter Milch von Bärenmarke kostet so bei food.de 1,02 Euro, bei Emmas Enkel 1,20 Euro. Bei Rewe kostet der Liter 99 Cent – genauso viel wie im Markt vor Ort. Online-Shopping ist nichts für Schnäppchenjäger: Wer seinen Wochenendeinkauf normalerweise splittet und bei Kaufland, Rewe und Aldi für 52 Lebensmittel insgesamt rund 63 Euro zahlt, muss für die gleiche Auswahl bei food.de, der primär teurere Marken führt, 120 Euro rechnen – im Schnitt also fast doppelt so viel wie im Supermarkt und Discounter um die Ecke, ergaben die Testkäufe der WirtschaftsWoche-Redaktion.

Viele Händler bleiben skeptisch

Während Startups vorpreschen und Handelsketten wie Rewe sich vorsichtig an den Online-Handel herantasten, bleiben andere skeptisch. Das Geschäft sei zu "kostenintensiv", weil die Kühlkette einen hohen logistischen Aufwand erfordere, heißt es etwa beim Discounter Lidl. Daher sei "ein Online-Warengeschäft nicht Ziel unserer Überlegungen".

Auch Olaf Koch, Chef des Düsseldorfer Handelskonzerns Metro, winkt ab. Lebensmittellieferungen an Restaurants und Caterer gehören zwar seit Jahren zum Kerngeschäft der Metro-Großhandelssparte Cash & Carry. Doch für die SB-Warenhaustochter Real sei ein Einstieg nicht geplant.

Kaum Frische Produkte im Angebot

"Bei der Belieferung von Endkunden stellen sich ganz andere Fragen als bei einem Service für Großabnehmer: Wie finanzieren Sie die letzten Meter der Belieferung, was machen Sie, wenn der Kunde nicht zu Hause ist? Wie gehen Sie mit der hohen Verderbquote um?", fragt Koch. "Sie müssen Ausfälle einkalkulieren, und wenn Sie das auf den Lieferpreis umlegen, wird es teuer." Das könne in Nischen funktionieren, aber nicht im großen Stil. Dafür sei der deutsche Lebensmittelhandel "einfach zu preissensitiv", sagt Koch.

Real bietet lediglich an zwei Standorten die Möglichkeit, die online bestellten Einkäufe abzuholen. Amazon bietet zwar seit einigen Jahren Lebensmittel in Deutschland an, allerdings kaum frische Produkte.

Unternehmen, die sich an das schwierige Geschäftsmodell wagen, arbeiten aber bereits daran, den Aufwand zu senken. "Die Kosten könnten bald bei rund zehn Euro liegen, rund sieben Euro für die Zusammenstellung und drei Euro für die Zustellung", glaubt Berater Netzer. Bei entsprechender Effizienz könnten die Logistikkosten nur noch 10 bis 15 Prozent über denen beim Laden-Einkauf liegen. Die Zusatzkosten kann der Händler verrechnen, weil online tendenziell höhere Warenkörbe erzielt werden, oder der Kunde zahlt höhere Versandkosten, spart aber gleichzeitig Zeit und Sprit.

Viele Verschiedene Modelle

Somit wird die Schlacht um den Kunden im Online-Lebensmittelhandel am Ende über die wirtschaftlichste Logistik gewonnen. McKinsey-Experte Netzer ist beim Liefersystem über Filialen skeptisch. Dort müssten die Waren erst ein- und anschließend wieder ausgeräumt werden, dadurch entstünden doppelte Logistikkosten. Besser sei ein eigener Standort für Online-Waren, wie ihn die Post mit Allyouneed oder Real mit Lagern in Isernhagen und Köln-Porz betreibt. "Der Handel muss bereit sein, in Zentrallager zu investieren", fordert Netzer. "Wenn man erste Gehversuche von den Filialen aus macht, ist das aber durchaus sinnvoll."

Vor- und Nachteile verschiedener Versandmodelle

  • Rewe - Lieferung aus Filialen

    Vorteile: schnelle Expansionsmöglichkeiten, keine zusätzlichen Lagerkosten

    Nachteile: höhere Logistikkosten durch Ein- und Ausräumen in der Filiale

  • food.de - Lieferung aus deutschlandweiten Lagern

    Vorteile: geringe Lagerkosten

    Nachteile: hohe Kosten für den Transport

  • Allyouneed - Postversand aus Zentrallager

    Vorteile: Nutzung der bestehenden Postlogistik

    Nachteile: hoher Verpackungsaufwand

  • Emmas Enkel - Lieferung aus den Läden

    Vorteile: Bekanntheit wird durch Laden gesteigert, verschiedene Verkaufskanäle

    Nachteile: hohe Kosten für Transport und zentrale Lager

Der Leipziger Karsten Schaal verfolgt ein anderes Geschäftsmodell. Der 37-jährige Grafikdesigner gründete food.de 2011 zusammen mit Christian Fickert. Ein eigenes Lager haben die beiden nicht, sie beziehen die bestellten Äpfel, Birnen und Taschentücher aus Lagern, die über ganz Deutschland verteilt sind und die ein Händler betreibt, der ansonsten Lebensmittelketten beliefert.

Mit eigenen Lieferwagen liefert food.de in 29 Städten etwa in Frankfurt, München oder Düsseldorf zum Festpreis von fünf Euro pro Bestellung. "Die Kosten für die Lieferung sind damit noch nicht gedeckt", räumt Schaal ein. "Aber je stärker wir wachsen und je kürzer dann die Fahrten zwischen den einzelnen Kunden werden, desto schneller werden wir profitabel." Der Gründer will dann eine Marge im niedrigen einstelligen Bereich erzielen – ähnlich wie im stationären Handel.

Orte ohne Supermarktsind eine Zielgruppe

In diesem Jahr setzt das Lebensmittel-Startup rund eine Million Euro um. Um die Lieferwege möglichst kurz zu halten, beliefert food.de nur Kunden in Ballungsräumen, genauso wie Rewe oder Emmas Enkel. "Wir könnten auch ländliche Regionen beliefern, aber dann mit einem besonderen Modell", sagt Schaal. Ob das in der Praxis funktioniert, ist allerdings fraglich: "In Seddin, einem kleinen Ort in der Nähe von Berlin, gibt es keinen Supermarkt mehr. Es wäre denkbar, dass alle Einwohner bestellen, und wir an einem vorab vereinbarten Tag vorbeikommen und die Waren liefern."

Nachbestellen per Bilderkennung

Ein ähnliches Modell verfolgt Emmas Enkel, gegründet 2011 von Sebastian Diehl und Benjamin Brüser. Im Laden in der Düsseldorfer Innenstadt zwischen Königsallee und Hauptbahnhof erinnern Krämerwaagen und Plüschsessel an Tante-Emma-Zeiten. Die Kunden können ihre Lebensmittel im Laden oder online bestellen. Per Shopping-App lassen sich Tomaten und Gurken, die zur Neige gehen, mithilfe eines QR-Codes mit dem Handy scannen und mobil bestellen. Nachbestellungen durch eine automatische Bilderkennung befinden sich gerade in der Testphase. Der Laden hat zusammen mit dem Lager nur 300 Quadratmeter Fläche, also gerade mal einen Bruchteil der Größe eines Discounters. In einem angeschlossenen Lager hält Diehl 4500 verschiedene Produkte vor.

Regelmäßige Kunden sind selten

Emmas Enkel haben einen digitalen Supermarkt zusammen mit dem Telekomanbieter Vodafone entwickelt. Vor der Vodafone-Deutschland-Zentrale in Düsseldorf können die Mitarbeiter auf neun großen Bildschirmen die Birnen, Tomaten und Müslipackungen 2.0 einscannen, in den virtuellen Warenkorb legen und ins Büro oder nach Hause liefern lassen.

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Im Oktober 2011 lag der Umsatzanteil des Online-Geschäfts bei Emmas Enkel bei fünf Prozent, heute sind es 70 Prozent. An den beiden Standorten Düsseldorf und Essen stellen Mitarbeiter die Waren zusammen. In Essen und Düsseldorf liefern Emmas Enkel mit eigenen Lieferwagen, im restlichen Ruhrgebiet am gleichen Abend über DHL. Einen Teil des Sortiments verschickt das Startup auch deutschlandweit.

Noch sind regelmäßige Kunden im Online-Lebensmittelhandel selten. T-Shirt-Drucker Fuchs etwa hat vor drei Monaten, aus reiner Neugier, zum ersten Mal online bestellt: "Das ist bequem, und ich kann mein Leergut direkt wieder loswerden."

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