Markenführung im Digital-Zeitalter: Die Pläne von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

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InterviewMarkenführung im Digital-Zeitalter: Die Pläne von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

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Der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wolle auf der Best-Brands-Gala eigentlich in der Keynote erklären, warum er bei einem neuen Telekommunikationsanbieter auf klassisches Marketing verzichten will. Die Keynote konnte er doch nicht halten, dafür hier das Interview.

von Manfred Engeser

Warum Wikipedia-Gründer Jimmy Wales einen Mobilfunkanbieter aufbaut. Wieso er klassische Werbung ablehnt. Und wie er sich im Ruhestand mit 85 Jahren die Zeit vertreiben will.

WirtschaftsWoche: Mr. Wales, haben Sie keine Lust mehr auf Wikipedia?

Jimmy Wales: Wie kommen Sie denn darauf?

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Weil Sie gerade vor allem für ein Projekt trommeln, an dem Sie seit einem Jahr beteiligt sind – The People’s Operator, einem Mobilfunkunternehmen. Gibt es nicht schon genug Anbieter und Tarife?

The People’s Operator folgt ja auch einem neuen Geschäftsmodell: 25 Prozent der Gewinne gehen an wohltätige Zwecke, zehn Prozent Ihrer Rechnung an ein Projekt Ihrer Wahl.

Zur Person

  • Jimmy Wales

    Wales,48, ist Hauptgründer des Online-Lexikons Wikipedia. Gestartet 2001, zählt das kostenlose Online-Nachschlagewerk zu den meistbesuchten Web-Sites weltweit.

Also sind Sie teurer als die Konkurrenz?

Unsere Tarife sind höchst wettbewerbstauglich – weil wir auf klassisches Marketing verzichten. Wir setzen vor allem auf Mundpropaganda.

Wie überzeugen Sie die Leute?

Mit Fakten: Ein klassischer Anbieter steckt weit mehr als zehn Prozent des Umsatzes in TV-Spots und Plakatwerbung. Bei uns fließt dieses Geld in Projekte, an denen einem was liegt. Das Einzige, was wir verlangen: Dass man auch Familienangehörige und Freunde mitbringt.

Also wie anfangs bei Wikipedia?

Damals fehlte uns schlicht das Geld für eine Marketingstrategie, die wohl auch nichts gebracht hätte. Ich wollte etwas aufbauen, hinter dem ich hundertprozentig stand. Und habe darauf vertraut, auf ähnlich begeisterte Menschen zu treffen, die Freunden davon erzählen.

Das mag bei Projekten wie Wikipedia funktionieren. Aber einem Telefonanbieter?

Auch mit The People’s Operator stillen wir ein Bedürfnis: Das Internet macht ein neues Geschäftsmodell möglich, das sich am Gemeinschaftsgedanken orientiert. Authentizität spricht Verbraucher an.

Das war doch schon immer so...

Aber geändert hat sich ihre Möglichkeit, untereinander zu kommunizieren. Verbraucher reden viel über das, was sie lieben und was sie hassen. Früher vielleicht mit fünf Menschen – heute postet man es vermutlich über Facebook und erreicht damit, im Schnitt, 314 Freunde. Marken können sich nicht mehr verstellen. Die Macht der Einbahnstraßen-Kommunikation durch TV-Spots nimmt ab, Mundpropaganda ist stärker. Unternehmen können schlechte Produkte heute nicht mehr mit höheren Budgets für klassische Werbung kaschieren. Verbraucher werden Unternehmen für schlecht gemachte Produkte auf die Schippe nehmen.

Und wer kommt davon?

Marken mit sozialer Mission. Verbraucher schauen sich heute ganz genau an, was Unternehmen treiben. Und sie haben heute die Macht, dich zu unterstützen – wenn du in ihren Augen das richtige machst.

Wenn Sie kaum Geld in klassisches Marketing stecken – was machen Sie dann mit den 20 Millionen Dollar, die Sie Ende vergangenen Jahres aus dem Börsengang des Unternehmens erlöst haben?

Wir stecken das Geld lieber in unsere IT und bauen – das ist meine Aufgabe – ein neues soziales Netzwerk, das den ­bestehenden Konkurrenz machen soll. Aber mit einem ganz anderen Finanzierungs­modell.

Dafür scheinen Sie ein Faible zu haben: Wikipedia wird allein über Spenden finanziert. Mit Werbung oder Bezahlinhalten könnten Sie sich davon unabhängig machen...

Darüber haben wir nicht einmal nachgedacht, geschweige denn darüber diskutiert. Schon die Vorstellung ist lächerlich, das stünde im völligen Widerspruch zur Grundidee: jedem Menschen freien Zugang zu einem Lexikon in seiner Sprache zu geben.

Weitere Artikel

Aber so hängt die Finanzierung allein an Ihrer Popularität.

Wikipedia braucht mich nicht zum Überleben. Es braucht vor allem eine leidenschaftliche Gemeinschaft umsichtiger, netter Menschen, die Freude daran haben, die Welt auf den Kopf zu stellen – ohne Werbung, ohne Einschränkungen. Jimmy Wales ist nur ein Mensch – Wikipedia ist eine Idee.

Wie lange sind Sie noch an Bord?

Ich freue mich auf den Ruhestand – mit 85. Dann schreibe und betreue ich Artikel für Wikipedia – über englische Geschichte

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