Milchpreis-Verfall: Warum Deutschlands Bauern auf die Straße gehen

Milchpreis-Verfall: Warum Deutschlands Bauern auf die Straße gehen

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Die Bauern gehen gegen den Milchpreisverfall auf die Straße.

von Mario Brück

Aus Protest gegen ein ruinöse Preispolitik starten deutsche Milchbauern am Montag mit Traktoren und Schleppern eine einwöchige Staffelfahrt. Was hinter dem Zoff um den Milchpreis steckt.

Die Schilder hätten sie gleich hängen lassen können: 40 Cent stand vor rund sieben Jahren als Forderung für einen fairen Milchpreis auf den Plakaten und Transparenten, die viele Bauern an ihre Ställe und Trecker gepappt hatten. Zwischen Spätsommer 2013 und Frühjahr 2014 lagen die Preise dann in der Tat bei 40 Cent und mehr.

Seitdem sinkt die Auszahlungsquote wieder rapide und ist inzwischen bei mageren 30 Cent pro Liter; manche Molkereien zahlen noch weniger. Und die Discounter werben mit Billigpreisen von 55 Cent pro Packung. Für viele Milchbauern geht es wieder ums wirtschaftliche Überleben. Aus Protest gegen die ruinöse Preispolitik starten sie deshalb am Montag mit Traktoren und Schleppern eine einwöchige Staffelfahrt mit dem Ziel München. Dort soll zum Abschluss eine große Protestkundgebung stattfinden.

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Top 5 der weltweit umsatzstärksten Molkereien

  • Platz 5

    Dairy Farmers of America, USA

    Vorjahresplatzierung: 6

    Jahresumsatz 2014 (in Milliarden Euro): 13,5

  • Platz 4

    Fonterra, Neuseeland

    Vorjahresplatzierung: 4

    Jahresumsatz 2014 (in Milliarden Euro): 13,9

  • Platz 3

    Danone, Frankreich

    Vorjahresplatzierung: 2

    Jahresumsatz 2014 (in Milliarden Euro): 14,6

  • Platz 2

    Lactalis, Frankreich

    Vorjahresplatzierung: 3

    Jahresumsatz 2014 (in Milliarden Euro): 14,7

  • Platz 1

    Nestlé, Schweiz

    Vorjahresplatzierung: 1

    Jahresumsatz 2014 (in Milliarden Euro): 20,9


Die Hintergründe zum Streit um den Milchpreis sind komplex. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Wie wird der Milchpreis in Deutschland gemacht?

Der Milchpreis – ausbezahlt an den deutschen Milcherzeuger – betrug im Durchschnitt des Kalenderjahres 2014 ca. 37,5 Cent je Kilogramm. Im Zeitraum von Januar bis Dezember 2009 erhielten die deutschen Milchbauern beispielsweise im Schnitt bei knapp 24 Cent.

Jede Molkerei hat aufgrund ihrer Struktur ihren eigenen Milchpreis, saisonal und regional schwankend. In genossenschaftlichen Molkereien wird er durch den Vorstand festgelegt, in der privaten Milchwirtschaft liegen Vertragsbedingungen vor. Der erzielte Milchpreis wird statistisch amtlich erfasst und veröffentlicht.

Laut Milchbauern liegen die Produktionskosten für heimische Landwirte allerdings bei rund 35 Cent. Vor gut einem Jahr bekamen sie noch um die 40 Cent bezahlt; mittlerweile rangiert der Preis aber bei 30 Cent und darunter. Die Bauern werfen den großen Handelsketten vor, den Preis auff 25 bis 23 Cent drücken zu wollen. Damit würde sich die Herstellung gar nicht mehr rechnen und viele Milchbauern müssten ihren Betrieb dicht machen.

2. Warum verkaufen die Milchbauern nicht gemeinsam zum höheren Preis?

Viele Milcherzeuger verkaufen bereits gemeinsam. Sie schließen sich in Milcherzeugergemeinschaften (MEGs) zusammen und verhandeln gemeinsam. Der Preis steigt jedoch dadurch nicht, es wird lediglich vereinfacht verhandelt.

3. Warum sinken die Milchpreise überhaupt so rapide?

Das hat mehrere Gründe: Zum einen sorgen das Russland-Embargo und die dauerhaft geringe Milchpulver-Nachfrage Chinas für Überkapazitäten am Markt. Zusätzlich ist die Produktion in den führenden Milcherzeugerländern weltweit überproportional gewachsen.  Der Hauptgrund dafür sind die hohen Preise der Vergangenheit.

Bei mehr als 40 Cent pro Liter, die die Bauern zwischenzeitlich einheimsten, war die Milchproduktion ein durchaus profitables Geschäft. Also haben sie Kühe gekauft, um mehr zu produzieren und mehr Geld zu verdienen. Aus Sicht jedes einzelnen Bauern ein logisches Verhalten. Wenn aber sehr viel Bauern so handeln, gibt es irgendwann insgesamt zu viel Milch auf dem Markt - und wenn sich die Nachfrage nicht im gleichen Maß erhöht, sinkt der Preis wieder.

Molkereien Alles Nestlé... oder was?

Deutsche Molkereien spielen im Konzert der globalen Milchverarbeiter keine Rolle. Nur Müller-Milch und das Deutsche Milchkontor können sich gerade noch in den Top-20 halten.

Unangefochten an der Spitze der globalen Milchverarbeiter steht die Schweizer Nestlé, die vor allem mit Eis- und Milchpulverprodukten auf einen weltweiten Umsatz von knapp 21 Milliarden Euro kommt. Quelle: dpa

Eigentlich kennen die Bauern diesen Marktmechanismus. Er nennt sich Schweinezyklus und wurde auf dem Markt für Schweinefleisch erstmals analysiert. Jetzt erleben die Bauern eben einen Milchzyklus – ein seit Jahren andauerndes auf und ab. Aktuell dürfte EU-weit der Bedarf um zwei Prozent überschritten sein, in Deutschland liegt die Versorgungsquote sogar bei 108 Prozent.

4. Warum gab es eine Milchquote?

Die Milchquote wurde 1984 von der damaligen Europäischen Gemeinschaft eingeführt, um die Milchproduktion in den Mitgliedsstaaten zu beschränken. Die Quote war eine Reaktion auf die steigende Agrarproduktion, die bereits Ende der 1970er-Jahre zu den sprichwörtlichen Milchseen und Butterbergen geführt hatte. Die Überschüsse wurden teuer vom Markt gekauft.

Ursprünglich nur für fünf Jahre geplant, wurde die Quote immer und immer wieder verlängert. Die Reglementierung des Angebots über die Quote sollte für stabile Preise sorgen. Wer mehr Milch als vereinbart produzierte, musste eine sogenannte Superabgabe zahlen.

Die Europäische Union übernahm die Regelung mit ihrer Gründung 1993. Bis 2000 konnten Quoten verpachtet oder verleast werden. Bauern, die das taten, wurden als „Sofamelker“ bezeichnet. Ab der Jahrtausendwende war der Handel von Quoten nur noch an Quoten- oder Milchbörsen möglich. Nur innerhalb der Familie konnten im Falle der Hofübergabe oder bei Kooperationen unter bestimmten Bedingungen die Milchquoten außerhalb der Milchbörse übertragen werden.

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