Nach Chemiekatastrophe: Vietnams Meeresfrüchte-Industrie unter Schock

Nach Chemiekatastrophe: Vietnams Meeresfrüchte-Industrie unter Schock

, aktualisiert 12. Oktober 2016, 02:13 Uhr
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Fisch auf einem Markt 150 km von der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi (Archivbild). Wegen einer Chemiekatastrophe kämpfen viele Fischer, Händler und auch die Tourismusbranche ums Überleben.

Quelle:Handelsblatt Online

Vergiftetes Wasser spülte Tonnen toter Fische an Land: Nach einer Chemiekatastrophe in Vietnam stehen Meeresfrüchte dort nicht mehr besonders hoch im Kurs. Aber auch die Tourismusbranche kämpft ums Überleben.

HanoiOb Frühlingsrollen mit Krabben oder Tintenfischsalat - in Vietnam gehören Meeresfrüchte und Fisch oft wie selbstverständlich auf den Teller. Aber vielen ist die Lust auf Lebensmittel aus dem Meer gehörig vergangen. Der Grund: Das Wasser ist gefährlich verschmutzt.

Aus dem taiwanesischen Chemiekonzern Formosa Plastics gelangten im Frühjahr giftige Abwässer ins Meer. Unzählige tote Fische wurden an die Küste gespült. Die Angst vor vergifteten Meerestieren ist seitdem allgegenwärtig. Immerhin erklärte die Regierung im September, dass die Küstengewässer noch immer durch giftige Chemikalien hoch belastet sind. Phenol ist dabei einer der gefundenen Hauptgiftstoffe. SS-Ärzte benutzten ihn während des Zweiten Weltkriegs, um Häftlinge in Konzentrationslagern zu töten. Wer langfristig kleine Dosen zu sich nimmt, schädigt seine Organe. Für Fischer und Händler ist die bleibende Gefahr eine Katastrophe.

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„Alle hier wissen von dem Vorfall, deswegen möchte keiner unsere Produkte kaufen“, erzählt Luu Thi Lan, eine 52-jährige Meeresfrüchteverkäuferin. Seit April seien ihre Verkäufe um fast 90 Prozent zurückgegangen. Damals wurden die ersten toten Fische an die Küste gespült. Innerhalb von zwei Monaten wurden mehr als 100 Tonnen tote Fische entdeckt. Vietnams Premierminister Nguyen Xuan Phuc spricht von der „schlimmsten Umweltkatastrophe, die es jemals in Vietnam gab“.

Zwar hat Formosa der vietnamesischen Regierung rund 450 Millionen Euro gezahlt, um die betroffenen Fischer zu entschädigen. Doch die Regierung hat das Geld bisher nicht verteilt. Zudem wies am Montag ein Gericht eine Schadenersatzklage von Hunderten Fischern zurück. Die Fischer hätten keine ausreichenden Dokumente vorgelegt, um ihren finanziellen Schaden durch das Fischsterben nachzuweisen, hieß es zur Begründung.

Doch auch wenn die Fischer entschädigt werden: Verkäuferinnen wie Lan glauben nicht, dass die Kunden den Fisch essen. Lan musste ihren Laden zwischenzeitlich für zwei Monate schließen. Zwar hat sie ihn mittlerweile wiedereröffnet, kommt aber kaum über die Runden. Und sie gibt zu: Um die Kunden zu beruhigen, sagt sie ihnen, die Meeresfrüchte kämen aus einer von der Katastrophe nicht betroffenen Provinz im Norden. „Mit Sicherheit weiß ich es aber nicht.“

Eine von Lans wenigen Kunden ist Ho Thi Linh. „Ich habe nach Formosa vier Monate lang keine Meeresfrüchte gegessen“, sagt sie. Gerade habe sie wieder damit angefangen. „Aber nicht viel.“ Mit drei Tintenfischen verlässt sie den Laden.


Auch der Tourismus leidet

Dass die Menschen mit ihren Befürchtungen richtig liegen, bestätigt auch Nguyen Duy Thinh, eine Forscherin von Vietnams Institut für Biotechnologie und Lebensmittel. Sie rät davon ab, Meerestiere aus der betroffenen Küstenregion in Zentralvietnam zu essen. „Die giftigen Elemente des Fisches sammeln sich langsam im menschlichen Körper und richten langfristige gesundheitliche Schäden an.“

Da der Großteil der giftigen Chemikalien am Meeresboden lagert, sollen Fischer keine Krabben und Shrimps fangen, rät Vietnams Gesundheitsministerium. Die Tiere leben tief im Meer und sind daher besonders gefährdet.

Doch nicht nur Fischer und Händler spüren die Folgen der Katastrophe. Auch der Tourismus leidet - allen voran die Restaurants. „Wir haben schlimme Dinge erlebt, Stürme und Überflutungen, aber nichts war so ernst wie das“, sagt Le Duc Hanh, Mitglied des Tourismusvereins der Provinz Quang Binh in Zentralvietnam.

In der Provinz seien die Einnahmen der Restaurants eingebrochen. Hanhs eigenes Restaurant nahm seinen Angaben zufolge im Vorjahres-Sommer noch 500 Millionen Vietnamesische Dong ein (rund 20 000 Euro). In diesem Sommer waren es demnach nur noch 20 000 Millionen (rund 800 Euro). Hanh bietet zwar nach eigenen Angaben nur Meerestiere aus dem Süden des Landes an. Die Touristen bestellen trotzdem nur Fleisch. Auch im Ha Tinh sieht es düster aus. Rund 80 Prozent weniger Gäste seien in der ersten Jahreshälfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gekommen, beklagt Bui Xuan Thap, Direktor des örtlichen Tourismusbüros.

Und nicht nur in Vietnam sind die vergifteten Meeresfrüchte unerwünscht. Auch der Export leidet. Im Jahr 2015 war er noch umgerechnet 6 Milliarden Euro schwer - in diesem Jahr fürchten Fabriken den Bankrott. In einigen Betrieben sei man darauf angewiesen, Fisch zu importieren, sagt Tran Dinh Nam, der Vize-Chef einer auf In- und Export spezialisierten Firma in Ha Tinh.

„In den Monaten nach dem Formosa-Vorfall haben wir unsere Produktion auf 40 Prozent runtergeschraubt“, sagt er. Jetzt hätten japanische Kunden Bestellungen gestrichen. Japan ist für Nam der wichtigste Markt, Vietnam exportiert Meeresfrüchte aber auch nach Deutschland. Jetzt ist seine Fabrik erstmal komplett zu. „Wenn das noch lange so weiter geht, dann werden wir pleite gehen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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