Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider: Der Neue aus Deutschland greift durch

Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider: Der Neue aus Deutschland greift durch

, aktualisiert 16. Juni 2017, 17:41 Uhr
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Der neue Chef prüft den Verkauf von Neslés Süßwarensparte.

Quelle:Handelsblatt Online

Ulf Mark Schneider will Nestlé in neue Sphären führen und sich dabei vom traditionsreichen Süßwarengeschäft in den USA trennen. Das wächst zu langsam – und passt auch nicht zum neuen Image.

VeveyNestlés neuer Chef setzt den größten Lebensmittelhändler der Welt auf Diät. Ulf Mark Schneider, seit Januar 2017 bei den Schweizern im Amt, will das US-Süßwarengeschäft loswerden und setzt beim Wachstum stattdessen auf gesündere und profitablere Angebote.

Ein halbes Jahr nach seiner Amtsübernahme prüft Schneider seit Donnerstag den möglichen Verkauf von US-Marken wie Butterfinger und BabyRuth. Nestlé-Aktien legten an der Börse in Zürich daraufhin prompt um 2,8 Prozent zu. Analysten sehen in dem Schritt ein Signal das Schneider, als Ex-Vorstand von Fresenius mit Vergangenheit im Gesundheitsgeschäft, es ernst meint mit dem Umbau des Konzerns, der unter der Stagnation im Handel mit abgepackten Lebensmitteln leidet.

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„Das sieht nach dem Beginn einer neuen Ära für Nestlé aus“, schrieb Jean-Philippe Bertschy, Analyst bei Vontobel. Er erklärte die Bereitschaft die Sparte zu verkaufen würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass auch andere Geschäftsbereiche die hinter den Erwartungen zurück bleiben, einer strategischen Prüfung unterzogen würden. Insbesondere ginge es dabei um die deutsche Fleischwaren-Tochter Herta, US-Tiefkühlprodukte, Speiseeis und Pizza.

Die von Schneider angeführte neue Kultur des kritischen Hinterfragens ist eine deutliche Abgrenzung von der Politik seines Vorgängers, Paul Bulcke. Der sprach zwar oft davon kränkelnde Geschäftssparten verkaufen zu wollen, hielt aber in der Hoffnung sie sanieren zu können an ihnen fest. Lebensmittelhersteller stehen verstärkt unter Druck ihre Kosten zu reduzieren, nachdem das letztlich erfolglose Angebot von Kraft Heinz für Unilever Anfang des Jahres gezeigt hat, dass selbst internationale Schwergewichte zu Übernahmezielen werden könnten.

Insbesondere Schokoladenhersteller leiden unter dem zurückgehenden US-Konsum – die Amerikaner wenden sich zunehmend vom Zucker ab.

Schneider, der Anfang des Jahres von Fresenius zu Nestlé wechselte, ist seit annähernd einem Jahrhundert der erste Nestlé-CEO ohne Konzernvergangenheit. Zu seinen Zielen erklärte er die Gesundheitssparte des Konzerns deutlich auszubauen und den Fokus auf Geschäfte mit dem meisten Wachstumspotential zu legen, insbesondere Kaffee und Tiernahrung.

Die Überprüfung des US-Süßwarengeschäfts, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 900 Millionen Schweizer Franken (828 Millionen Euro) machte, ist seine erste größere strategische Entscheidung und deutet für seinen Arbeitgeber deutliche Änderungen an.

„Mark Schneider zeigt wieder einmal, dass auch ein ruhiger Mann für hohe Wellen sorgen kann“, meint Martin Deboo, Analyst bei der US-Investmentbank Jefferies. „Wir bezweifeln stark, dass das schon die letzte Entscheidung über zukünftige Geschäftsbereiche war.“

Nestlé erklärte, der Konzern fühle sich seinem internationalen Schokoladengeschäft, das Marken wie den Schokoriegel Kitkat beinhaltet, weiterhin verpflichtet. Der Konzern kaufte etliche seiner Marken 1990 von dem Tabakkonzern RJR Nabisco. Ein Verkauf könnte Nestlé 1,35 bis 1,35 Milliarden Franekn einbringen, schätzt Alain Oberhuber, Analyst bei dem Frankfurter Vermögensverwalter Manfirst.

Jefferies-Analyst Deboo ergänzte, diverse Private-Equity-Firmen könnten ebenso interessiert sein, wie der US-Lebensmittelgigant Mondelez International. Mondelez scheiterte im vergangene Jahr mit einem Übernahmenagebot für den Schokoladenhersteller Hersheys.


Europa wehrt sich

Neben der Tatsache das die Marken nicht zu dem deutlich gesünderen Image passen wollen das Schneider dem Konzern verpassen will, bremsen sie auch die Gewinne aus. Die operative Marge von Nestlés Süßwarengeschäft betrug im letzten Jahr 13,7 Prozent – die zweitniedrigste aller sieben Produktkategorien des Konzerns.

Das Süßwarengeschäft verlor in Nordamerika seit 2013 in jedem Jahr kontinuierlich Marktanteile, 2014 fiel man auf Platz 4 zurück – Konkurrent Lindt & Sprüngli zog mit dem Kauf von Russell Stover Candies vorbei. Dabei kontrollieren die Konkurrenten Mars und Hershey zusammen ohnehin über die Hälfte des Marktes.

Seit 2011 investiert Nestlé daher in den Aufbau einer Gesundheits- und Pflegesparte mit dem erklärten Ziel, daraus ein 10 Milliarden Dollar-Geschäft zu machen. Das Ziel sei Lebensmittel zu entwickeln die in der Lage seien eine wirksame Prävention gegen Krankheiten wie extreme Fettleibigkeit, Stoffwechselprobleme oder Alzheimer darzustellen.

Schneiders Schachzug ist ein Zeichen, dass das Anvisieren neuer Deals eine Möglichkeit für die Bosse der europäischen Lebensmittelindustrie ist, auf den Schock zu reagieren den die Kraft-Offerte für Unilever ausgelöst hat. Ein Angebot das den Höhepunkt darstellt einer aggressiven Jagd nach Aktionärsgewinnen durch den US-Konzern und seinen Private-Equity-Partner 3G Capital.

Bei Unilver hat eine gründliche Überprüfung der nur langsam wachsenden und breit aufgestellten Geschäftsbereiche bereits begonnen. Unabhängig davon sucht Reckitt Benckiser, ein weltweit agierender Hersteller von Reinigungsprodukten und Haushaltswaren, bereits einen Käufer für seine Lebensmittelsparte.

In Europa hat Nestlé zudem mit einer Sanierung seiner Schokoladensparte begonnen. So plant der Konzern in Italien sich von 340 Mitarbeitern des Pralinenherstellers Perugina zu trennen – nur ein Jahr nach dem Verkauf der am selben Standort produzierten Süßwarenmarke Rossana. In Großbritannien plant der Konzern die Streichung von 300 Jobs, zudem soll die Produktion von Blue Riband Keksen nach Polen verlegt werden.

Jon Knox, Analyst bei der französischen Investmentbank Kepler Cheuvreux, erklärte, sollte Schneider ernst machen mit seinen seine Bemühungen das Konzernwachstum anzutreiben, würde es ihn nicht überraschen, sollte Nestlé sein gesamtes Schokoladengeschäft verkaufen – eine Sparte mit einem jährlichen Umsatz von 8,8 Milliarden Franken. Und das könnte nur der Anfang sein.

„Eine Übernahme, beziehungsweise Fusion mit Danone könnte Sinn ergeben um einen europäischen Champion zu erschaffen. Dieser wäre wohl groß genug um eine mögliche Übernahme durch Kraft und 3G abzuwehren und dem enormen Kostendruck auf dem nordamerikanischen Markt standzuhalten“, so Cox in einer Mitteilung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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