Neue EU-Vorschriften: Aufwind für Konkurrenz der Ratingagenturen

Neue EU-Vorschriften: Aufwind für Konkurrenz der Ratingagenturen

, aktualisiert 15. November 2011, 21:33 Uhr
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In Frankfurt könnte ein neuer Konkurrent für die Ratingagenturen erwachsen.

Quelle:Handelsblatt Online

Die geplanten strengeren Vorschriften für Ratingagenturen könnten ein Konkurrenz-Projekt beflügeln. Die Unternehmensberatung Roland Berger ist hoffnungsfroh, bald eine neue Ratingagentur an den Start zu bringen.

Frankfurt/BrüsselDie EU will die Rating-Agenturen mit ihren folgenreichen Noten für die Bonität von Staaten angesichts der Euro-Schuldenkrise an die Kette legen. Mit schärferen Vorschriften soll vor allem der Einfluss der drei großen Rating-Agenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch Ratings begrenzt werden. Genau wegen dieser von der EU geplanten schärferen Vorschriften sieht sich nun ein neuer Konkurrent im Aufwind.

Die Unternehmensberatung Roland Berger, die bei Politikern und Investoren für eine neue europäische Ratingagentur wirbt, rechnet mit einem raschen Abschluss der Investorensuche. „Bis zum Jahresende wird das Konsortium noch nicht ganz stehen. Aber innerhalb des ersten Quartals 2012 schaffen wir es“, sagte der verantwortliche Roland-Berger-Partner Markus Krall der Tagszeitung „Die Welt“. Krall versucht, Börsenbetreiber, Banken und andere Partner für das Projekt gewinnen.

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EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hatte zuvor in Straßburg kritisiert, dass die Agenturen schwere Fehler gemacht und Herabstufungen auf Staatsanleihen zur Unzeit veröffentlicht hätten. Er will die Dominanz der drei Marktführer aus den USA brechen. Kleinere Konkurrenten sollen stärker ins Geschäft kommen, indem die Emittenten eine Agentur höchstens drei Jahre lang beauftragen dürfen. Das Europäische Parlament beschloss in Straßburg außerdem ein prinzipielles Verbot von schädlichen Spekulationen auf fallende Kurse von Staatsanleihen.

Eine europäische Ratingagentur soll nach den Vorstellungen von Roland Berger ihre Produkte nicht an Emittenten von Wertpapieren, sondern an Wertpapier-Anleger verkaufen. Damit unterscheidet sich das Geschäftsmodell von dem der etablierten Ratingagenturen, die im Auftrag und auf Kosten von Unternehmen oder Ländern deren Bonität bewerten.

Berger-Partner Krall hofft daher auf Rückendeckung von der EU-Kommission - denn bislang gibt es kaum Grund für Investoren, für Ratings zu bezahlen. „Das geht nur über Regulierung, weil für die Marktteilnehmer sonst der Anreiz fehlt“, sagte Krall der „Welt“.


Wichtige, strengere Regeln kommen nicht

Die bestehenden Kreditwächter müssen sich schon seit 2010 registrieren und überwachen lassen. Doch vor dem Hintergrund der Schuldenkrise hat die EU vor allem vier Mängel ausgemacht: Die Bewertung der Bonität staatlicher Emittenten ist wenig durchschaubar; die Anleger verlassen sich wegen vieler gesetzlicher Regeln zu stark auf die Noten der Agenturen; diese sind nicht unabhängig genug von den Emittenten, die sie bezahlen; der Markt wird von den drei großen, in den USA ansässigen Anbietern dominiert.

Um die Unabhängigkeit der Agenturen zu stärken und den rund zehn kleineren Konkurrenten der großen Drei mehr Chancen zu geben, will die EU eine Rotationsregel einführen. Eine Agentur darf in der Regel nur zehn aufeinander folgende Produkte eines Emittenten bewerten oder die Anleihen eines Kunden maximal drei Jahre benoten. Die Kommission rüttelte jedoch nicht am umstrittenen Prinzip, dass der Emittent und nicht der Investor für die Benotung bezahlt. Um Gefälligkeitsurteile zu verhindern, gibt es jedoch Vorgaben zur Gebührengestaltung.

Zum Ärger der Politiker hatten die Agenturen etwa die Bonitätsnoten von Spanien, Portugal oder Griechenland herabgesetzt, kurz nachdem diese umfassende Sparprogramme im Kampf gegen die hohe Staatsverschuldung angekündigt hatten. Die Vorwarnzeit über Notenänderungen an die Emittenten soll künftig auf einen Arbeitstag verlängert werden. Die Bewertung von Staaten muss außerdem ausführlicher begründet werden.

Ein wichtigen Vorschlag musste Barnier allerdings verschieben: nämlich die Bekanntgabe von Ratings für Krisenländer zeitweise von der Aufsicht verbieten zu lassen. Dazu müssten die Kriterien noch genauer festgelegt werden. Auch eine Ahndung von Fehlern, wie sie kürzlich Standard & Poor's mit einer fälschlich versandten, noch gar nicht entschiedenen Herabstufung Frankreichs von seiner Bestnote unterlief, könnte Barnier zufolge im Lauf der Beratungen des Europäischen Parlaments und der EU-Staaten noch in das Gesetz eingebaut werden. In die ferne Zukunft verschob die Kommission den Versuch, eine europäische Ratingagentur per Gesetz zu schaffen. Zu teuer und womöglich nicht glaubwürdig genug wäre eine staatlich finanzierte Institution, so die Begründung.


Kritik von Standard & Poor's

Standard & Poor's kritisierte, durch die europäischen Vorschriften gäbe es keinen global einheitlichen Maßstab mehr zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit. „Dies führt dazu, dass für Investoren weniger Ratings zur Verfügung stehen, dass die Qualität der Ratings nachlässt, und dass die Unabhängigkeit der Ratings leidet“, erklärte eine Sprecherin.

Faktisch verboten sind in der EU künftig ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Anleihen sowie ungedeckte Kreditausfallversicherungen (CDS) auf Staatsanleihen. Mit den Wertpapieren konnten Anleger bisher auf ein wachsendes Pleiterisiko staatlicher Anleiheemittenten setzen, ohne die Anleihen besitzen zu müssen. Das Verbot kann von den nationalen Behörden jedoch aufgehoben werden, wenn es zu sinkender Nachfrage nach Staatsanleihen und steigenden Zinsen führen würde. Das Europäische Parlament und Deutschland, das als erster EU-Staat im Alleingang wegen der Griechenland-Krise ungedeckte Leerverkäufe verbot, hatten für die Regelung gekämpft. Der Widerstand der anderen EU-Staaten dagegen war angesichts der immer schärferen Schuldenkrise geschwunden. Die Verordnung kann nach Abschluss der Feinarbeit aber erst Ende 2012 vollständig inkraft treten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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