Nordkorea-Restaurants: Ein Abendessen bei Kim Jong Un

Nordkorea-Restaurants: Ein Abendessen bei Kim Jong Un

, aktualisiert 04. Juni 2016, 08:37 Uhr
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Die Devisenbringer des nordkoreanischen Regimes befinden sich zum großen Teil in Ländern wie China, Kambodscha, Thailand und Indonesien.

von Mathias PeerQuelle:Handelsblatt Online

Mit einer Restaurantkette versucht Nordkorea im Ausland Devisen einzuwerben. Doch das Geschäft steckt in der Krise. Ein Besuch in Bangkok zeigt, was schief läuft – und wie man die lächelnden Kellnerinnen in Rage bringt.

BangkokDas Lächeln der nordkoreanischen Kellnerin ist verschwunden, als sie uns zusammen mit einer Aufpasserin nach dem Abendessen auf die Straße folgt. Sie ist wütend. „No, no“, ruft sie, als sie wir vom öffentlichen Gehweg aus ein Foto von dem Schild machen wollen, das dort auf ihr merkwürdiges Etablissement hinweist. „Ich rufe die Polizei“, droht die junge Dame und greift nach meiner Kamera. Ein passendes Ende für einen seltsamen Abend im Restaurant von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un.

Unter dem Namen Pyongyang betreibt das Regime des isolierten Landes eine internationale Restaurantkette als Devisenquelle. Doch die in diesem Jahr verschärften Sanktionen gegen Nordkorea erschweren das Geschäft von Kims Köchen im Ausland. Von den über 100 Pyongyang-Filialen – sie befinden sich zum großen Teil in Ländern wie China, Kambodscha, Thailand und Indonesien – haben laut südkoreanischem Geheimdienst in den vergangenen Wochen über 20 Lokale dicht gemacht. Auch in Bangkok wird offensichtlich, dass mit dem Geschäftsmodell der Kommunisten etwas nicht stimmt.

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Zwei Ableger hat die Pyongyang-Kette in der thailändischen Hauptstadt. Eine von ihnen hat seit Monaten geschlossen. Ein Schild am Eingang verweist auf Renovierungsarbeiten. Von Handwerkern ist jedoch nichts zu sehen. Eine für Ende April geplante Neueröffnung wurde erst auf Ende Mai verschoben. Nun ist auf einer Hinweistafel von Ende Juni die Rede. Das zweite Restaurant in dem Stadtteil Ekkamai ist noch geöffnet. Doch bei unserem Besuch an einem Donnerstagabend wirkt es nicht so, als könnte Nordkoreas Oberster Führer mit der Außenstelle besonders zufrieden sein.

Das Lokal befindet sich in einer Gegend, die besonders bei Expats beliebt ist. Gastronomen liefern sich hier einen harten Wettbewerb. Im Umkreis von 200 Metern gibt es ein chinesisches Dim-Sum-Restaurant, einen Laden mit Spezialitäten aus Nordthailand, einen japanischen Grill-Imbiss und eine englische Gaststätte. Der nordkoreanische Laden liegt versteckt in einer Seitengasse. Über dem Eingang leuchten Lichterketten, wie man sie normalerweise nur von Weihnachtsbäumen kennt. Auf einem Banner mit Gänseblümchenhintergrund steht der Restaurantname in lateinischen Buchstaben und koreanischen Schriftzeichen. Geschlossene Vorhänge an sämtlichen Fenstern verhindern einen Blick nach innen.

Eine junge Frau öffnet uns die Tür und bringt uns an einen Tisch. Ein Schild mit zwei unmissverständlichen Piktogrammen macht von Beginn an klar: keine Fotos, keine Videos. Wir wollen von der Kellnerin wissen, was hinter dem Verbot steckt. Sie lächelt und bringt uns die Speisekarte.


Versöhnung mit dem Kapitalismus?

Die Nordkoreanerin arbeitet mit zwei Kolleginnen in dem Lokal. Sie alle sind sehr schlank und tragen die gleiche Perlenkette und gleiche Kleider mit Ansteckblume aus Plastik – nur die Stofffarben unterscheiden sich. Viel zu tun haben sie nicht. Ich zähle rund 45 Sitze in dem Restaurant. Außer uns sind aber nur drei andere Gäste in dem Lokal. Früher galten die Pyongyang-Restaurants besonders bei Südkoreanern als Attraktion. Doch seit den nordkoreanischen Nukleartests zu Beginn des Jahres und den neuen internationalen Sanktionen sind nicht nur Finanztransaktionen der Pyongyang-Kette erschwert. Die Regierung in Seoul ihre Bürger zusätzlich zum Boykott der Restaurants aus dem Norden aufgerufen.

Diesem Wunsch scheinen die meisten zu folgen. Offenbar wegen Besuchermangels lässt die Filiale in Bangkok die abendliche Tanzeinlage ausfallen, für die die Kette in den vergangenen Jahren bekannt war. Wir fragen, wann es wieder eine Show geben würde. Die Kellnerin zuckt mit den Schultern. In Städten wie Jakarta und Peking ist das Bild nach Berichten mehrerer Medien ähnlich: An Kims Küche gibt es nur noch verhaltenes Interesse.

In Bangkok gibt es abgesehen von der Neugier, was das kommunistische Regime seinen Gästen aufzutischen hat, nicht viel Anziehendes an dem Restaurant. An den kahlen Wänden hängen vereinzelt nordkoreanische Landschaftsbilder. In einer Ecke ist ein Gerät angebracht, das wie eine Kamera aussieht, die den Gastraum überwacht. Der Boden ist komplett verfliest. Über der Blümchentischdecke liegt eine Plastikfolie. Eine Karaoke-Maschine, die niemand benutzt, spielt Synthesizer-Musik in der Dauerschleife. Die Kaltgetränke holt die Kellnerin aus einem Coca-Cola-Kühlschrank – es wirkt beinahe wie eine Versöhnungsgeste mit dem kapitalistischen Westen.

Wir bestellen Schweinefleisch mit Kimchi, gefüllte Teigtaschen, Tintenfisch, Tatar und koreanischen Soju. Es schmeckt nicht schlecht, aber auch nicht besonders aufregend. Von den Gerichten dürfen wir immerhin Fotos machen. Verboten ist nur jeder Kamerablick, der über den Tellerrand hinausschaut. Immer wieder versuchen wir, ein Gespräch mit unserer Kellnerin in Gang zu bringen. Sagen will sie aber nichts. Selbst auf die Frage, wie lange sie bereits in Bangkok arbeitet, antwortet sie nur: „I don't know.“ Wir bestellen die Rechnung: Für unser Essen für vier Personen gehen fast 80 Euro auf das Konto der Nordkoreaner – zumindest für Bangkoker Verhältnisse ist das nicht gerade billig.

Auf der Quittung steht: „Please come again“ – aber schon ein paar Augenblicke nach unserem Dinner bekommen wir den Eindruck, dass wir künftig wohl nicht mehr willkommen sind. Vor der Tür machen wir ein paar Fotos von der Hinweistafel, die am Beginn der Seitengasse auf das Restaurant aufmerksam macht. Unsere Kellnerin und eine ältere Dame – möglicherweise die Chefin – eilen uns hinterher: Keine Fotos! Nicht einmal hier in aller Öffentlichkeit. Nochmals fragen wir nach dem Grund. Es scheint so, als wüsste unser Gegenüber selbst nicht so recht, weshalb die Bilder ihrer Meinung nach verboten sind. Zu argumentieren, bringt da nicht viel. Es ist Zeit zu gehen. Wir haben genug gesehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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