"Paket der Grausamkeiten": In diesen neun Bereichen will Karstadt sparen

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"Paket der Grausamkeiten": In diesen neun Bereichen will Karstadt sparen

von Henryk Hielscher

Der Karstadt-Betriebsrat verhandelt mit der Unternehmensleitung über das Sparprogramm der Traditionskette. In neun Bereichen will das Management den Rotstift zücken.

Kaum drei Monate nach dem Einstieg des neuen Karstadt-Investors René Benko trifft sich die Unternehmensleitung der angeschlagenen Warenhauskette heute mit den Arbeitnehmervertretern. Auf der Agenda steht ein "Paket der Grausamkeiten", wie der Gesamtbetriebsrat die geplanten Einschnitte bei dem Konzern jüngst in einem Schreiben genannt hat. "Das werden schwierige Verhandlungen", sagte Karstadt-Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt im Vorfeld.

Tatsächlich will das Karstadt-Management um den neuen Karstadt-Chef Stephan Fanderl dem Konzern einen Sparkurs verpassen, der es in sich hat. Auf neun Bereiche konzentriert sich die Spardiskussion.

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1. Personalabbau

Einschnitte bei den Personalkosten sind das heikelste Thema der Verhandlungen. Laut Betriebsratsschreiben sind Einsparungen von Personalkosten in Höhe von umgerechnet 1950 Vollzeitstellen bei Karstadt vorgesehen. Unter Berücksichtigung der Teilzeitquote könnten demnach sogar rund 3000 der insgesamt 17.000 Stellen wegfallen. Besonders hart könnte es zunächst die Essener Hauptverwaltung treffen und jene Filialen treffen, deren Ende bereits beschlossen wurde.

Aber auch in den übrigen Häusern könnten Flächen künftig verstärkt von anderen Anbietern betrieben werden. Bei solchen Shop-in-Shop-Konzepten wären weniger Karstadt-Kräfte nötig.

Karstadts Krisen-Chronik

  • Keine Wende

    Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

  • 2009

    Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird am 1. September 2009 das Insolvenzverfahren eröffnet.

    Am 1. Dezember wird bekannt, dass zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden sollen. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

  • Erstes Halbjahr 2010

    Beim Essener Amtsgericht wird am 15. März ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu. Am 1. Juni haben von bundesweit 94 Kommunen bis auf drei bereits alle einem Verzicht auf die Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher. Nur sechs Tage später erhält die Berggruen Holding vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen. Am 14. Juni endet eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

  • Zweites Halbjahr 2010

    Am 26. August hat sich Berggruen mit der Essener Valovis-Bank geeinigt: Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es. Am 2. September stimmen die Highstreet-Gläubiger den geforderten Mietsenkungen zu.

    Am 30. September hebt das Essener Amtsgericht das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

    23. November: Der frühere Woolworth-Manager Andrew Jennings wird zum neuen Karstadt-Chef bestellt. Er beginnt Anfang Januar 2011.

  • 2011

    Jennings legt am 6. Juli das Konzept „Karstadt 2015“ vor: Modernisierung der Warenhäuser, stärkeres Online-Geschäft und Expansion der Sporthäuser sind der Kern.

  • 2012

    Am 16. Juli kündigt Karstadt die Streichung von 2000 Stellen an.

  • 2013

    Karstadt kündigt am 13. April 2013 eine „Tarifpause“ für die Beschäftigten an. Am 9. Juni bestätigt das Unternehmen, dass der Vertrag von Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende ausläuft.

  • 2014

    Im Februar kommt Ikea-Managerin Eva-Lotta Sjöstedt nach Essen und übernimmt den Geschäftsführerposten. Am 7. Juli legt Sjösted nach nur fünf Monaten alle Ämter nieder. Als Grund dafür nennt sie, dass die „Voraussetzungen“ für den von ihr angestrebten Weg nicht mehr gegeben seien.

  • Der Neue

    Der Österreicher René Benko kauft Karstadt im August für nur einen Euro. Der bisherige Eigentümer Nicolas Berggruen zieht sich komplett zurück. Die Sanierungsaufgaben bleiben gewaltig.

In eine ähnliche Richtung gehen Ansätze zur Einrichtung so genannter Selbstbedienungszonen in den Karstadt-Häusern. Um die Kosten zu drücken, wird zudem über die Streichung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes ab 2015 und eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit nachgedacht. Zudem will Fanderl stärker auf leistungsorientierte Gehaltsbestandteile setzen. Von den Einschnitten sollen indes nicht nur Filial- sondern auch Führungskräfte betroffen sein.

2. Filialschließungen

Erst vor wenigen Wochen hat Unternehmenschef Fanderl angekündigt, zwei Warenhäuser in Hamburg und in Stuttgart, sowie ein Schnäppchencenter und zwei sogenannte K-Town-Märkte dichtzumachen, die sich an besonders modeaffine, junge Kunden richten sollten. Doch das dürfte nur der Auftakt zu einer zweiten Schließungsrunde nach dem Weihnachtsgeschäft sein. Insgesamt gelten weitere 20 der heute 83 Karstadt-Standorte als gefährdet. Das Problem: Schließungen sind extrem teuer, da es schwer ist aus den laufenden Mietverträgen auszusteigen.

Chronik des Scheiterns Die endlose Karstadt-Seifenoper

2009 rauschte Karstadt in die erste Pleite. Nun ist der Traditionskonzern wieder ein Sanierungsfall. Warum der Neuanfang misslang und wer dabei welche Rolle spielte.

Karstadt: Ein Wirtschaftsdrama, das in all seinen Facetten mühelos jeder Vorabend-Soap Konkurrenz machen könnte. Quelle: dpa (4), imago, bloomberg - Montage: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche Online

3. Mietsenkungen

Derzeit kolportierte Schließungslisten sind daher wohl zugleich auch eine Drohkulisse, um bei Vermietern Zugeständnisse durchzusetzen. So soll nach internen Informationen auch über Mietsenkungen verhandelt werden. Teils kämen auch Mietmoratorien in Betracht - also der Verzicht auf vereinbarte Steigerungen.

4. Outsourcing des Online-Shops

Zwar sieht das Karstadt-Management den Boom des Online-Handels als wachsendes Risiko für Karstadt. Zugleich schreckt die  Führungsriege aber vor hohen Investitionen zurück, die nötig wären, um das Geschäft in Eigenregie auszubauen. Als Lösung strebt das Management ein Betreibermodell mit einem externen Partner an. Die Vorgabe sei dabei, dass von Anfang an ein operativ positives Ergebnis erzielt werde, heißt es intern. Bei Karstadt verbliebe im Wesentlichen die Koordinierung des Online-Auftritts. 

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