Pariser Hotel-Mythos bröckelt: Ritzen im Ritz

Pariser Hotel-Mythos bröckelt: Ritzen im Ritz

, aktualisiert 08. Dezember 2011, 19:46 Uhr
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Ein Rolls Royce parkt vor dem Haupteingang des Hotel Ritz in Paris.

von Tino AndresenQuelle:Handelsblatt Online

Das Ritz in Paris, Inbegriff des Luxushotels, hat seine besten Tage hinter sich. Jetzt hat Eigner Mohamed al-Fayed entschieden es mehr als zwei Jahre lang für eine Renovierung zu schließen. Vielleicht kommt sie zu spät.

In Deutschlands Kinos läuft derzeit Woody Allens Film „Midnight in Paris“. Darin begegnet der Protagonist Gil (Owen Wilson) den Pariser Legenden der 1920er-Jahre: dem Schriftsteller Scott Fitzgerald und seiner Frau Zelda, dem späteren Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway sowie dem Komponisten und Pianisten Cole Porter. Sie allesamt gingen im Hotel Ritz ein und aus, einem internationalen Mythos, der Quintessenz von Luxus à la française.

Was hätte da also näher gelegen, als den Film – wie schon 15 Jahre zuvor „Tout le monde dit I love you“ – im Ritz zu drehen, zumal Woody Allen ein treuer Gast ist. Doch der US-Regisseur entschied sich im Frühjahr 2010 zur allgemeinen Überraschung für einen der schärfsten Ritz-Konkurrenten: das Bristol.

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Für das von César Ritz im Jahr der Weltausstellung 1889 gegründete Hotel eine überaus schmerzhafte und folgenschwere Wahl. Denn es ist bei Amerikanern schon seit längerem nicht mehr so angesagt wie früher und in den Rankings bedeutender US-Magazine gar nicht mehr vertreten. Von  den Berühmtheiten verkehren nur noch wenige – wie Elton John, Tom Hanks oder Kate Moss – in der Nobelherberge.

Das Bristol hingegen verzeichnet seit der Premiere von „Midnight in Paris“ auf dem Filmfestival von Cannes im Mai dieses Jahres einen regelrechten Ansturm von Gästen – sein Chef Didier Le Calvez hatte erkannt, dass Allens Film sämtliche Fantasien zusammenführt, die Amerikaner von Paris haben.

Für das Ritz mit seinen 160 Zimmern und Suiten kam es zur gleichen Zeit noch schlimmer: Es wurde nicht in den elitären Kreis der Pariser Hotels der absoluten Luxusklasse aufgenommen. Die staatliche Tourismusbehörde Atout France verweigerte ihm die neu eingeführte Klassifizierung „Palace“. Es muss sich mit fünf Sternen begnügen.


Renovierung für gut und gerne 150 Millionen Euro

Auf die Degradierung hat der Ritz-Eigner Mohamed al-Fayed jetzt reagiert: In der vergangenen Woche hat die Hoteldirektion angekündigt, das Haus werde „im Sommer“ 2012 geschlossen und 27 Monate lang unter Leitung des renommierten Innenarchitekten Thierry Despont renoviert. Zu den Kosten gibt es keine Angaben. Sie dürften aber gut und gerne bei 150 Millionen Euro liegen. 

Wie schlecht es um das Ritz steht, lässt sich daran erkennen, dass sogar die Gewerkschaft CFDT akzeptiert, dass die Renovierung notwendig ist, obwohl nur etwa 30 der insgesamt 500 Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden. Auch äußerlich ist zu sehen, dass der Zahn der Zeit an dem Haus genagt hat, das direkt neben Frankreichs Justizministerium an der Westseite der Place Vendôme liegt: Über die gesamte Breite der Dachtraufe hängt ein Fangnetz – offenbar bröckelt die Fassade. Sie hätte zur Aufhellung dringend einen Sandstrahler nötig, und selbst das Weiß der vier Vordächer am Eingang ist schmutzgefärbt. Im Internet häufen sich die Beschwerden von Gästen, auch über den Service. 

Auf der Mitte des Platzes wird derzeit das Pflaster erneuert. Eine grün-grau-gestreifte Absperrung um die von Napoléon zur Erinnerung an die Schlacht von Austerlitz errichtete fast 45 Meter hohe Triumphsäule gibt schon einen Vorgeschmack der Bauarbeiten, die den Platz künftig prägen werden. 

Die Zukunft des legendären Hotels mit der Hausnummer 15 steht auch nach Abschluss der Renovierung in den Sternen. Wenn es 2014 so weit ist, wird der ägyptische Milliardär Mohammed al-Fayed 85 Jahre alt sein, sein Bruder Ali 70. Die Kinder der al-Fayed-Brüder interessieren sich nicht sonderlich für das Luxushaus, das seit 1979 im Besitz der Familie ist.


Lässt al-Fayed das Ritz symbolisch sterben?

Damals kaufte es Mohamed al-Fayed, der sich nicht zu den weiteren Plänen für sein Hotel äußert, den Erben des Gründers César Ritz ab und ließ es für 250 Millionen Euro prächtig herausputzen. Es war bis heute die letzte Renovierung. Vor allem das unterirdische Back Office muss auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden, um den Anforderungen der heutigen Zeit zu genügen. Auch ein unterirdischer Tunnel zum Parkhaus unter der Place Vendôme ist notwendig, damit prominente Gäste inkognito kommen und gehen können. Nur so hat das Ritz die Chance, im zunehmend harten Wettbewerb der Pariser Luxushotels zu bestehen.

Denn neben den fünf Hotels mit der Klassifizierung „Palace“ (das Park Hyatt Vendôme in unmittelbarer Nähe des Ritz, außerdem das Meurice, das George V., das Plaza Athénée und das Bristol, das der Familie Oetker gehört) haben erst kürzlich neue Häuser mit großen Ambitionen eröffnet: das Shangri-La und das Mandarin Oriental. Außerdem gibt es die Luxushotels Fouquet’s und Royal Monceau. 2013 kommt noch das Peninsula im Gebäude des ehemaligen Hotel Majestic hinzu. Das Crillon wird bald schließen und ebenfalls renovieren.

Nicht wenige Experten sind deshalb der Ansicht, dass Mohamed al-Fayed zu lange untätig geblieben ist. Immer drängender stellte sich seit dem tragischen Unfall seines über alles geliebten ältesten Sohnes Dodi und dessen Begleiterin Lady Di am 31. August 1997 die Frage, ob der Milliardär das Ritz symbolisch sterben lässt. Das Paar hatte unmittelbar vor seinem Tod dort zu Abend gegessen. Deshalb ist das Hotel für den Eigner und die ganze Welt für immer mit dem Unglück verbunden. Zudem heißt es, zeitweise habe Mohamed al-Fayed das Geld für die Renovierung gefehlt. Das hat sich schlagartig geändert, seit er im Mai 2010 das Londoner Luxuskaufhaus Harrod’s für schätzungsweise 1,7 Milliarden Euro verkauft hat.

Wenn César Ritz hören könnte, was Georges Panayotis sagt, Chef des auf Hotels spezialisierten Marktforschers MKG, würde er sich wahrscheinlich im Grab umdrehen: „Das Bristol ist das schönste Hotel von Paris.“ Woody Allen transportiert diese Erkenntnis derzeit in alle Welt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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