Personaldienstleister: Zeitarbeiter verzweifelt gesucht

Personaldienstleister: Zeitarbeiter verzweifelt gesucht

, aktualisiert 20. Dezember 2011, 15:35 Uhr
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Die Autoindustrie gehört zu den Top-Kunden der Zeitarbeitsunternehmen.

von Markus Fasse und Jens KoenenQuelle:Handelsblatt Online

Der Markt für Zeitarbeit stößt an die Wachstums-Grenze: Die Branche verliert immer mehr qualifizierte Kräfte an ihre Kunden – denn die locken mit festen Stellen. Die goldene Epoche der Personaldienstleister geht zu Ende.

München, FrankfurtHolger Küster kann sich vor Aufträgen kaum retten. Gut 1.000 Mitarbeiter beschäftigt er als Geschäftsführer der Aviation Power, eines Zeitarbeitsunternehmens für Fluglinien. Aber im Moment gehen die Geschäfte fast zu gut. 150 gut ausgebildete Mechaniker und Kaufleute wechseln derzeit fest zur Lufthansa Technik. „Unsere Mitarbeiter werden abgeworben, das ist Teil unseres Geschäftes“, sagt Küster, der sich nicht über das Gebaren seiner Kunden beklagen will. Aber so langsam wird es eng auf dem Markt. „Wir haben immer mehr Probleme, neue Leute für die Zeitarbeit zu finden.“

„Klebeeffekt“ nennen es Arbeitsmarktexperten, wenn Zeitarbeiter bei ihren Einsätzen für feste Stellen abgeworben werden. Das passiert immer öfter. „Wir werden in diesem Jahr mehr Übernahmen haben“, bestätigt Ingrid Hofmann, Inhaberin des gleichnamigen Personaldienstleisters, der vor allem mit der Autoindustrie im Geschäft ist. Hofmann schätzt, dass sie in diesem Jahr jeden vierten ihrer Zeitarbeiter an ihre Kunden abgeben wird.

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Damit wechseln alleine bei Hofmann 5.000 Leiharbeiter in feste Jobs. „Auch unsere Kunden stellen unsere Leute vermehrt fest ein“, sagt eine Sprecherin des Branchenführers Randstad. Die Niederländer gehen davon aus, in diesem Jahr jeden dritten Mitarbeiter an ihre Kunden zu verlieren, das wären rund 20.000 in Deutschland.

900.000 Zeitarbeiter gibt es in Deutschland in diesem Herbst, so viele wie noch nie. Doch die Branche erlebt derzeit die Grenzen des Wachstums. Seit Monaten klagt der Bundesverband Zeitarbeit über „massive Übernahmewellen“, die den Personaldienstleistern das Leben schwer machen. „Unsere Kunden überführen im großen Stil Zeitarbeitnehmer ins Stammpersonal“, sagt Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbandes Zeitarbeit. Gut 200.000 Menschen, so schätzt der Bundesverband, könnten in diesem Jahr über die Zeitarbeit einen festen Job finden. 50.000 Stellen, so schätzt der Verband, sind zurzeit nicht besetzt. „Das ist eindeutig wachstumshemmend“, heißt es beim Verband.

Der Markt für Zeitarbeit steht vor einem neuen Phänomen. Es droht in vielen Bereichen der Nachschub an frischem Personal auszugehen. 2003 hatte die Bundesregierung im Zuge der Hartz-Reformen den Markt für Zeitarbeiter liberalisiert. Damals drückten das Land ganz andere Sorgen: Mehr als fünf Millionen Menschen waren offiziell arbeitslos gemeldet. Seitdem dürfen Firmen Zeitarbeiter praktisch unbefristet beschäftigen.

Da jeder zweite Zeitarbeiter direkt aus der Arbeitslosigkeit kommt, sorgt die Branche zu einem guten Teil für die stark sinkende Arbeitslosenquote. Doch mit den rapide sinkenden Arbeitslosenzahlen trocknet das Reservoir an gut ausgebildeten Arbeitslosen langsam aus.


Volkswagen will 2.200 Leiharbeiter einstellen

Auch für die Unternehmen wird der Wandel auf dem Arbeitsmarkt zur Herausforderung. Leiharbeiter wurden nach der Finanzkrise in vielen Unternehmen als „Flexibilitätsreserve“ angeheuert. Doch der Mangel an qualifizierten Zeitarbeitern wird mancherorts schon als Risiko angesehen. „Unsere Mitgliedsfirmen planen für die Zukunft tendenziell mit weniger Zeitarbeitern“, sagt Volker Fassbender, Chef des Arbeitgeberverbandes Hessenmetall.

„Ein Grund dafür ist, dass die Zeitarbeitsfirmen zunehmende Probleme haben, Personal mit ausreichender Qualifikation zu finden.“ Nach zwei Jahren Aufschwung greift zudem ein Mechanismus, der die Unternehmen zwingt, aus Leiharbeitern feste Mitarbeiter zu machen. Lufthansa Technik hat sich wie viele andere Unternehmen auch per Tarifvertrag verpflichtet, Leiharbeiter einzustellen, wenn diese länger als 30 Monate im Unternehmen waren.

Auch die Autohersteller geraten unter Zugzwang. Fast alle Hersteller verkürzen die Weihnachtsferien, weil der Nachfrageboom nicht abreißt. Aus den „Flexibilitätsreserven“ werden Stammarbeitsplätze. Volkswagen kündigte bereits an, 2.200 Leiharbeiter in diesem Jahr fest einzustellen, Daimler übernimmt Leiharbeiter für seine Lastwagenproduktion. Und bei BMW machen die Beschäftigten Druck, zumindest einen Teil der 6.000 Zeitarbeiter in die Stammbelegschaft zu überführen.


Auf die neue Situation einstellen

Die Unternehmen reagieren damit auch auf einen wachsenden Mangel an Facharbeitern. Die Übernahme von Leiharbeitskräften hat den Vorteil, dass die Unternehmen auf eingearbeitetes Personal zurückgreifen. Das Ergebnis ist ein wachsender Sog auf dem Arbeitsmarkt. „Südlich von Frankfurt wird es mit der Personalsuche ganz schwierig“, heißt es bei Randstad.

In den Industriezentren würden vor allem Schlosser, Schweißer und Elektriker gesucht, in den Großstädten Kaufleute und IT-Experten. Hinzu kommt, dass anders als erwartet der Nachschub aus Osteuropa ausbleibt, obwohl Arbeitnehmer aus Polen, Ungarn oder der Slowakei in Deutschland seit diesem Jahr ohne Einschränkung arbeiten dürfen. Die hohen Lebenshaltungskosten in Deutschland und die gute Konjunktur in Polen machen einen Wechsel unattraktiv.

So versuchen die Zeitarbeitsfirmen, sich auf die neue Situation einzustellen. Zwar bekommen sie in der Regel eine Ausgleichszahlung von ihren Kunden, wenn ein Zeitarbeiter nach weniger als vier Monaten abgeworben wird. Doch oft wird auf diese Zahlungen verzichtet. „Man will es sich mit dem Kunden nicht verscherzen“, sagt ein Manager der Branche. „Wir müssen mehr in Vorleistung gehen und mehr ausbilden“, sagt Holger Küster von Aviation Power. „Die Personalrekrutierung wird schwierig und teuer“, sagt Unternehmerin Hofmann. Aber beide wissen auch: Bekommen ihre Zeitarbeiter schnell einen neuen Job, ist das auch eine gute Werbung.


Quelle:  Handelsblatt Online
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