Rhein-Ruhr-Express: Der neue Zug für NRW

Rhein-Ruhr-Express: Der neue Zug für NRW

, aktualisiert 12. Juli 2017, 21:32 Uhr
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Ein erster Prototyp des neuen Nahverkehrszugs hat seine ersten Testfahrten absolviert.

von Michael ScheppeQuelle:Handelsblatt Online

WLAN, Steckdosen und Leseleuchten: Der neue Zug für das Riesenprojekt Rhein-Ruhr-Express (RRX) bietet viel Komfort. Nur auf dem Gang könnte es eng werden. Und Siemens ist im Plan: Die Züge kommen rechtzeitig aufs Gleis.

DüsseldorfWeiß-grau, mit orangefarbenen Tupfern kommt er daher. Bis zu 160 Kilometer pro Stunde ist er schnell, im Inneren aber trotzdem leise. Kostenloses WLAN, komfortable Sitze, Steckdosen und Leseleuchten sind inklusive. Die Rede ist von dem Zug, der die großen Städte in NRW zukünftig besser miteinander verbinden soll: der Rhein-Ruhr-Express (RRX). Siemens hat den Prototypen vorgestellt.

Nordrhein-Westfalen ist das Stauland Nummer eins. Nicht nur auf der Straße ist es voll, auch der Schienenverkehr ist längst an seine Grenzen gestoßen. In Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland fahren 2,4 Millionen Menschen mit der Bahn – jeden Tag. Für viele Bahnkunden, die zwischen Rhein und Ruhr pendeln, ist das häufig eine große Belastung: Die Züge sind voll und regelmäßig verspätet.

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Der Rhein-Ruhr-Express soll da Abhilfe schaffen. Sieben Linien des RRX werden die Metropolen in NRW in Zukunft verbinden. Das Vorhaben gilt als eines der ehrgeizigsten Regionalverkehrsprojekte in Deutschland. Auf der Kernstrecke zwischen Köln und Dortmund soll alle 15 Minuten ein Zug fahren. 2030, so der Plan, sind die letzten Arbeiten abgeschlossen. Bis dahin müssen die neuen Züge aber nicht auf ihren Einsatz warten: Schon mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2018 kommen die ersten Bahnen auf die Strecke – in einem Vorlaufbetrieb.

Bis dahin muss die Firma Siemens, die 2015 den Zuschlag für das Projekt bekam, die ersten Wagen liefern: 15 Züge müssen im Winter 2018 fertig sein. Und der Konzern liegt im Zeitplan: „Die Schienenindustrie hat in den vergangenen Jahren stark gelitten, weil Züge zu spät geliefert wurden“, sagte Jens Chlebowski, RRX-Projektleiter, dem Handelsblatt. „Deshalb war bei diesem Projekt das oberste Credo, den Zeitplan einzuhalten.“ Siemens selbst hatte ICE-Züge der dritten Generation mit zwei Jahren Verspätung an die Deutsche Bahn ausgeliefert. So etwas soll dieses Mal nicht passieren. Nicht nur für die Pendler, auch für Siemens ist der RRX deshalb ein wichtiges Projekt. Bund und Land investieren insgesamt über 3,4 Milliarden Euro. 800 Millionen Euro fließen allein in die neuen Züge. Ein Großteil der Gelder wird in den Ausbau des Schienennetzes und die Modernisierung der Bahnhöfe investiert.

Vier Züge sind fertig. Und die fahren auch schon – zumindest auf einer Teststrecke bei Wegberg-Wildenrath – 60 Kilometer westlich von Düsseldorf. Dort, in einem der modernsten Prüfzentren der Welt, testet Siemens den Prototypen des RRX auf Herz und Nieren. Drei weitere RRX-Züge sollen in den nächsten Wochen dazu kommen. Im Dezember 2020 muss der Münchner Konzern alle 82 Züge abgeliefert haben. Bis zu 600 Personen sind mit der Entwicklung und dem Bau der Züge beschäftigt.

Siemens hat die RRX-Flotte neu entwickelt. Sie basiert auf der Desiro-Plattform, die schon in anderen Nahverkehrszügen zum Einsatz kam. Der Innenraum der neuen Züge ist hell und freundlich, die Ausstattung hochwertig: Klapptische und Leseleuchten gibt es in der ersten Klasse, Steckdosen und WLAN-Zugang in der gesamten Bahn. Als weltweit erster Serienzug ist der RRX mit einer neuen Hochfrequenz-Scheibenlösung von Siemens ausgestattet. Die Fenster sind mit einer speziellen Lasertechnologie behandelt. Man erkennt in den Scheiben, aber nur bei genauerem Hinsehen, ein feines Muster. Das soll dafür sorgen, dass die Handy-Funkwellen besser durch die Fenster kommen als bei konventionellen Wärmeschutzverglasungen. Siemens sagt, der Empfang sei 500 Mal besser.


Siemens profitiert, die Deutsche Bahn ist der große Verlierer

Auch die Sitze sind bequem: Der Abstand zum Sitznachbar ist größer als man das von den Regionalzügen gewohnt ist. Das hat allerdings einen Nachteil: Der Gang ist damit etwas schmaler. Bei der Vorführung wurde klar: Wenn zwei Personen, die das Idealgewicht etwas überschreiten, aneinander vorbei wollen, wird das schwierig. Gerade im Berufsverkehr ist das ungünstig. Ansonsten ist die Fahrt entspannt: Die Türen sind breit und die Toiletten barrierefrei erreichbar. Der RRX beschleunigt schnell und fährt bis zu 160 Kilometer pro Stunde. Im Innenraum ist es aber trotzdem angenehm ruhig.

Jede Zugeinheit besteht aus vier Wagen, von denen der erste und der letzte als End- und Steuerwagen jeweils mit nur einem Deck und die beiden mittleren als Doppelstockwagen konstruiert sind. Durch diese Weise soll der Zug leichter sein und damit energiesparender. Zwei solcher Zugeinheiten, insgesamt über 200 Meter lang, werden demnächst durch NRW rollen. 800 Sitzplätze stehen insgesamt zur Verfügung, ein Viertel mehr als in den bisher eingesetzten Regionalzügen. Das wird sich besonders in den Hauptverkehrszeiten positiv bemerkbar machen.

Noch etwas ist besonders an dem RRX-Projekt: Siemens baut nicht nur die Züge. Der Hersteller übernimmt auch die Wartung und die Instandhaltung – und zwar 32 Jahre lang. Das ist ein Novum in der jüngeren Geschichte des regionalen Schienenverkehrs. Für Siemens ist das ein lukratives Geschäft. Der Konzern bekommt dafür zusätzliche 1,1 Milliarden Euro.

Dass Herstellung und Wartung bei Siemens unter einem Dach vereint sind, hat einen großen Vorteil: Das Unternehmen hat die Züge so konstruiert, dass sie besonders einfach zu warten sind. Die Technik etwa ist direkt unter dem Dach angebracht. Ein neues Werk, das Siemens gerade in Dortmund auf über 70.000 Quadratmetern baut, wurde extra dafür konzipiert.

Neueste Technik wird auch dazu genutzt, dass Zug und Service-Einrichtung ständig miteinander in Verbindung stehen. Durch ein vorausschauendes Wartungssystem sollen Fehler im Idealfall schon erkannt werden, bevor sie eigentlich passieren. Damit will Siemens erreichen, dass 99 Prozent der Flotte für den fahrplanmäßigen Betrieb eingesetzt werden kann.

Während mit Siemens ein großer Dax-Konzern von dem Verkehrsprojekt in Deutschlands bevölkerungsreichstem Ballungsraum profitiert, ist die Deutsche Bahn der große Verlierer. Sie hatte 2015 nicht den milliardenschweren Renommee-Auftrag bekommen. Stattdessen betreiben die deutsche Tochter des britischen Verkehrsunternehmens National Express und der niederländische Konkurrent Abellio die Strecke. Bis 2018 ist noch DB Regio verantwortlich.

Der RRX ist ein verkehrspolitisches Mammutprojekt: Viele Gleise müssen neu gebaut oder modernisiert werden. An über 80 der insgesamt 106 Kilometer langen Strecke werden Gleise neu oder umgebaut, elf Brücken werden errichtet, 26 erweitert. Modernisiert werden auch viele Bahnhöfe entlang der Strecke. Das Ziel des Projekts: 24.000 Pendler sollen jeden Tag von der Straße auf die Schiene gelockt werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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