
Düsseldorf/Berlin/FrankfurtDer vergangene Winter hat in Deutschland mehr als einmal für ein Verkehrschaos gesorgt. Bei der Bahn legten eingefrorene Weichen viele Züge lahm, die Flughäfen kamen mit dem Enteisen der Maschinen nicht hinterher und den Straßenmeistereien ging das Streusalz aus. Um Pendlern und Reisenden dieses Jahr ähnlich lange Wartezeiten zu ersparen, haben sich die Verantwortlichen nach eigenen Angaben besser vorbereitet. Eine echte Bewährungsprobe gab es in diesem Winter noch nicht - aber sie könnte diese Woche kommen.
„Von Donnerstag bis Samstag sollten kälteempfindliche Menschen eher keine Außentermine planen, denn der bockige Ostwind wird auch tagsüber die gefühlten Temperaturen immer im zweistelligen Minusbereich halten,“ teilte der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit. Ab Wochenmitte sind Temperaturen von bis zu minus 20 Grad an vielen Stellen in Deutschland möglich.
Was für Energieunternehmen und Bekleidungshersteller nach einem bisher sehr milden Winter wie gerufen kommt, stellt die angekündigten Vorbereitungen der Verkehrsbetriebe auf die Probe.
Er könne zwar keinen Winter ohne Komplikationen versprechen, sagte Volker Kefer, Technikvorstand der Deutschen Bahn, zum Nachrichtenmagazin Spiegel. „Wir haben die Zahl der Räumkräfte mehr als verdoppelt. So können wir selbst bei tagelangem starkem Schneefall im Zweischichtbetrieb das Schienennetz und die Bahnhöfe schneefrei halten“, so Kefer. Zudem habe die Bahn weitere 700 Weichen mit Heizungen ausgestattet, vornehmlich an den Problemstellen des vergangenen Winters.
Zwei Probleme bleiben dennoch: Wegen Lieferverzögerungen stehen der Bahn nicht so viele Züge zur Verfügung wie gewünscht. Das schränkt die Reserve - und damit die Reaktionsmöglichkeiten - bei Zugausfällen ein. Der andere Punkt sind die Kraftwerke.
In einem Brief an das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium warnte die Konzerntochter DB Energie Anfang Januar davor, das 40 Jahre alte Eon-Kraftwerk in Datteln wie geplant im Januar 2013 abzuschalten.
Derzeit liefert es rund drei Viertel des Stroms, den die Bahn im Ruhrgebiet braucht. Da sich der Bau eines Steinkohlekraftwerks in Datteln verzögere, könne „in den verbrauchsstarken Wintermonaten November bis einschließlich März der Zugverkehr je nach Witterung und Wochentag nur mit Einschränkungen von bis zu minus 30 Prozent aufrechterhalten werden“, warnt DB-Energie-Geschäftsführer Hans-Jürgen Witschke. „Mehrere Hundert Züge müssten gegebenenfalls stundenweise im Ruhrgebiet gestoppt werden.“
Die Deutsche Bahn benötigt im Ruhrgebiet jährlich rund 400 Megawatt Strom für ihre Züge, den neben dem Eon-Kraftwerk in Datteln das Steag-Kraftwerk in Lünen liefert. Sollte Datteln abgeschaltet werden, könne das ebenfalls in die Jahre gekommene Lünener Kraftwerk den Bedarf nicht allein decken, schreibt Witschke. Falle auch dieses aus, führe das „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem kompletten Netzzusammenbruch der Bahnstromversorgung im gesamten Westen Deutschlands.“
Fünf Millionen für neue Flughafen-Räumgeräte allein in Frankfurt
Auch die Flughäfen haben nach dem Schneechaos in den beiden letzten Jahren aufgerüstet. Das Versprechen klingt gut. Aber nach den Erfahrungen der Vorjahre ist das auch bitter nötig. Binnen 30 Minuten sollen am größten deutschen Flughafen in Frankfurt zwei von vier Bahnen sowie die notwendigen Abrollwege schnee- und eisfrei gemacht werden können.
Dazu hat der Flughafenbetreiber Fraport allein fünf Millionen Euro in neues Räumgerät investiert. Zu lebendig sind Passagieren und Flughafen-Managern noch die Ereignisse der vorigen Winter vor Augen. Vor einem Jahr saßen Tausende Passagiere an europäischen Flughäfen tagelang fest. Weihnachten fand für viele im Terminal statt. Heftiger Schneefall in ganz Europa hatte einen Infarkt der Luftfahrt verursacht.
So groß war das Chaos, dass EU-Verkehrskommissar Siim Kallas die Spitzenmanager der Flughäfen nach Brüssel zum Rapport bestellte. Eine Erfahrung, die Fraport-Chef Stefan Schulte nicht noch einmal machen möchte. „Wir haben aus den letzten beiden Wintern die Konsequenzen gezogen“, sagt er.
Zwei neue Räumzüge wurden angeschafft, acht zusätzliche Enteisungsmaschinen. Um das neue Gerät zu bedienen, stockte Fraport das Personal von 290 auf 340 Mitarbeiter auf. Eine Investition, die noch aus einem anderen Grund notwendig war: Seit der Eröffnung der vierten Start- und Landebahn gibt es in Frankfurt weitaus mehr Fläche, die geräumt werden muss.
Schon seit Wochen üben die neuen Kollegen in Frankfurt den Umgang mit dem schweren Gerät auf dem Rollfeld. Für so manchen Fluggast war das im sommerlich warmen Spätherbst ein etwas seltsamer Anblick.
Doch die Trockenübung ist notwendig. Ein Räumzug besteht aus bis zu 21 Fahrzeugen, darunter alleine 14 sogenannte Kehrblasgeräte. Die wollen richtig koordiniert werden, damit die Kolonne die Bahnen möglichst schnell schnee- und eisfrei bekommt.
„Wir sind für den Winter gerüstet“, sagt Globeground-Chef Bernhard Alvensleben. Der Dienstleister Globeground ist bei den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld für die Enteisung der Flugzeuge verantwortlich. Ein Winterchaos „wie im vergangenen Jahr“ werde es nicht geben, verspricht ein Sprecher der Berliner Flughäfen: „Wir haben unsere Vorbereitungen auf die Saison gründlich optimiert.“
Staat hält 100.000 Tonnen Streusalz für den Notfall bereit
Berlin war im vergangenen Winter besonders betroffen. In der Hauptstadt war das wichtige Enteisungsmittel ausgegangen. Mit Clariant und der britischen Kilfrost gibt es in Europa nur zwei Hersteller dieser Substanz. Zwar bunkern die Flughäfen stets eine ordentliche Reserve. Die Tanks in Frankfurt reichen zum Beispiel für sieben Tage. Doch der harte und lange Winter im vergangenen Jahr hatte dazu geführt, dass der Nachschub per Lastwagen die Flughäfen nicht rechtzeitig erreichen konnte.
Nach diesen Erfahrungen hat der Flughafenbetreiber die Tankkapazitäten für die Enteisungsflüssigkeit an den beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld verdoppelt. Außerdem hat Globeground die Verträge mit Clariant, dem Lieferanten in Berlin, neu verhandelt. So wurde für das Enteisungsmittel bei Schkopau in Sachsen-Anhalt ein Zwischenlager eingerichtet. Die Lastwagen mit den Nachlieferungen müssen sich also künftig nicht mehr aus Bayern nach Berlin durchkämpfen.
Damit sollte für die Elefanten und Eisbären genug Material zur Verfügung stehen. Elefanten, so werden die großen Enteisungsfahrzeuge mit ihrem rüsselähnlichen Sprührohr genannt. Die Eisbären sind die Mitarbeiter, die sie bedienen. Zudem wurden auch in Berlin neue Schneepflüge gekauft. Insgesamt verfügen die beiden Flughäfen über 80 Spezialfahrzeuge.
Auch die Situation auf vielen Autobahnen war in den vergangenen Wintern teilweise kritisch. Selbst 1,3 Millionen Tonnen Streusalz haben nicht ausgereicht, alle Autobahnen schnee- und eisfrei zu halten. Auf einigen Abschnitten konnten nur zwei Spuren pro Fahrtrichtung gestreut werden, die ein oder andere Nebenautobahn musste zweitweise komplett gesperrt werden.
Solche Zustände will Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) dieses Jahr vermeiden. Im Oktober kündigte er eine Notfall-Reserve für Streusalz an, die 100.000 Tonnen umfassen soll. 60.000 davon sind bereits eingebunkert. Das hat den Staat bisher mehr als acht Millionen Euro gekostet. Gebracht hat diese Zusatzreserve zu den Vorräten der Länder noch nichts, doch das könnte sich in den kommenden Tagen ändern.
Der ADAC sieht in Ramsauers Vorstoß einen guten Anfang. Der Autoclub Europa (ACE) moniert aber deutlich gestiegene Preise für das Salz in diesem Winter. "Die Preise für das Salz sind gepfeffert", sagte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner bereits im Dezember. Die Teuerung betrage gegenüber dem Vorjahr schon bis zu 42 Prozent. Im Schnitt seien es 20 bis 30 Prozent. Weitere Preissteigerungen seien wahrscheinlich. Der Grund: Die Streusalzanbieter und Produzenten nutzten die Vorsicht der Kommunen und Länder nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres aus und kalkulierten mit deutlich höheren Preisen als früher. Der ACE rief das Bundeskartellamt auf, die Preisgestaltung der Streusalzanbieter kritisch zu beobachten.























