Standard & Poor's: Der geheimnisvolle Schrecken aller Schuldner

Standard & Poor's: Der geheimnisvolle Schrecken aller Schuldner

, aktualisiert 07. Dezember 2011, 16:53 Uhr
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Ratingriese: Zentrale von Standard and Poor's in New York.

von Tino AndresenQuelle:Handelsblatt Online

Nach der Drohung, die Kreditwürdigkeit Deutschlands und die anderer Euro-Länder herabzustufen, sieht sich Standard & Poor's einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt. Und der Frage: Wie arbeitet die Ratingagentur?

DüsseldorfWenn Standard & Poor’s (S&P) den Daumen senkt, kann das die Märkte erzittern lassen. Deshalb hat es für mächtig Aufregung gesorgt, dass die Ratingagentur am Montagabend mit der Herabstufung von Deutschland und 14 anderen Ländern der Euro-Zone gedroht hat. Denn S&P ist nicht irgendwer, sondern zusammen mit Moody’s Branchenführer. Beide Unternehmen kontrollieren den Weltmarkt mit einem Anteil von je 40 Prozent. Sie beurteilen die Fähigkeit und den Willen von Schuldnern, Außenstände zu begleichen. 

Doch so gewaltig ihr Ruf ist - ein Riese ist S&P bei näherer Betrachtung gar nicht. Das Unternehmen mit Sitz in New York ist eine hundertprozentige Tochter des von Harold W. McGraw III geführten Medienkonzerns McGraw-Hill, der im US-Aktienindex S&P 500 gelistet ist und sich in Streubesitz befindet. Die Ratingagentur beschäftigt 10.000 Mitarbeiter in Büros in mehr als 20 Ländern. Das entspricht knapp der Hälfte der Konzernbelegschaft. Sie steuerte im vergangenen Jahr mit 1,7 Milliarden Dollar gut ein Viertel zum Konzernumsatz bei und erwirtschafteten mit 762,4 Millionen Dollar mehr als die Hälfte des operativen Gewinns.

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Die „unter Beobachtung gestellten“ Ratings der Euro-Länder haben S&P gewaltige Kritik eingebracht. Und es ist nicht das erste Mal, dass die Agentur unter Beschuss steht. Im November hatte sie Frankreich die Top-Bewertung „AAA“ bereits entzogen – für eine Stunde und 43 Minuten. So viel Zeit verging zwischen der Falschmeldung, die lapidar mit einem Programmierfehler begründet wurde, und der Korrektur. Ein Regulierer warf ihr daraufhin vor, einen „Atomkrieg ausgelöst“ zu haben.

Sercan Eraslan, ein Anleiheanalyst der WestLB, sagt: „In meinen Augen war das entweder ein Test, wie die Märkte auf eine Herabstufung Frankreichs reagieren würden oder tatsächlich ein signifikanter Fehler, wie er eigentlich nicht passieren darf.“ Jean-Pierre Jouyet, Chef der französischen Finanzaufsicht, pflichtet bei, Akteure wie S&P „müssen in der Lage sein, einen derartigen Vorfall zu vermeiden“. Eraslan sagt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Test war.“ Das Ergebnis jedenfalls war fatal: Schlagartig lagen die Kreditzinsen Frankreichs um 1,7 Prozentpunkte über dem Zinsniveau, das Deutschland zahlen muss – ein historischer Rekord.


Vorwurf der Intransparenz

Als die Ratingagentur im August die Top-Bonität der USA herabstufte, musste sie sich von der US-Regierung vorwerfen lassen, dass sie sich in ihrer Begründung um zwei Billionen Dollar verrechnet hatte. Bald darauf nahm S&P-Chef Devan Sharma (55) seinen Hut und wurde vom 53-jährigen Douglas Peterson abgelöst, der bis dahin COO (leitender Geschäftsführer) der Citibank war – offiziell hatte das Ganze selbstverständlich nichts mit den Angriffen zu tun.

Kritiker werfen den Ratingagenturen zu großen Einfluss und zu wenig transparente Entscheidungen vor. S&P gibt ihnen Nahrung, indem die Agentur Geheimniskrämerei betreibt. So macht sie keine Angaben dazu, wie viele Mitarbeiter sie in Europa beschäftigt, und verweist auf die Frage nach Umsatz und Gewinn lediglich auf den Geschäftsbericht des Mutterkonzerns. Das Gehalt der Analysten sei „nicht so hoch wie bei Investmentbanken“. Das Frankfurter Büro gibt es seit 1992. Es hat heute rund 120 Beschäftigte.

In der Regel bezahlen Unternehmen und Staaten die Agenturen für die Vergabe von Ratings. Für ein Länderrating werden laut S&P mindestens 60.000 Euro im Jahr fällig. Über die Note stimmen Komitees ab, denen in der Regel fünf bis neun Analysten angehören, teilweise auch mehr, die Mehrheit entscheidet. Im Falle europäischer Staaten sind diese Gremien laut der Agentur „international, überwiegend europäisch“ besetzt. S&P bewertet derzeit 127 Länder. Zwölf davon, darunter Deutschland und Frankreich, haben dafür allerdings keinen Auftrag erteilt und bezahlen dementsprechend auch nichts dafür. S&P gibt in diesen Fällen ein Urteil über die Bonität ab, weil das Unternehmen es als Hintergrund für andere Benotungen, etwa die von Banken, benötigt.

Trotz allen Einflusses ist die Macht der Ratingagentur aber auch nicht zu überschätzen: Nachdem S&P die USA wegen ihrer überbordenden Schulden mit einer Herabstufung der Bonität auf die zweitbeste Note „AA+“ geschockt hatte, ist der Zinssatz eher gesunken, den die Vereinigten Staaten für neue Kredite zahlen müssen. Denn aus Angst vor weiteren Verwerfungen in der Euro-Zone steckten viele Investoren ihr Geld in US-Anleihen - allen Ratings zum Trotz..

Quelle:  Handelsblatt Online
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