Streiks bei Amazon: Verdi hat den Wandel verschlafen

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KommentarStreiks bei Amazon: Verdi hat den Wandel verschlafen

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Amazon ist für Verdi ein gefundenes Fressen. Die Gewerkschaft verliert im stationären Handel an Boden und hat im Online-Handel noch nicht Fuß gefasst.

von Henryk Hielscher und Rebecca Eisert

Zum dritten Mal seit Mitte Mai protestieren die Angestellten bei Amazon. Der Krach beim weltweit größten Versandhändler überdeckt dabei die Schwächen der Gewerkschaft Verdi.

Mit Verve stürzt sich Verdi in den Konflikt mit Amazon. Die Gewerkschaft will bei dem Online-Händler Tarifverträge nach den Bedingungen des Einzelhandels durchsetzen. Dann hätten die Beschäftigten Anspruch auf einen Stundenlohn von über zwölf Euro sowie auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Amazon lehnt dies ab und orientiert sich an der Bezahlung in der Logistikbranche. Die Mitarbeiter lägen, so der Onlinehändler, schon jetzt mit ihrem Einkommen am oberen Ende dessen, was in der Logistikindustrie üblich sei. Im ersten Jahr belaufe sich der Stundenlohn auf mindestens 9,55 Euro plus Boni, nach zwei Jahren kommen Aktienanteile dazu.

Verdi ist bei Online-Händler kaum vertreten

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Die Zeichen stehen auf Streik - jetzt schon zum dritten Mal in drei Wochen. Die harschen Töne überdecken indes, dass die Gewerkschaft selbst in Schwierigkeiten steckt: Sie hat den Gezeitenwandel im Handel schlicht verschlafen.

Bei den boomenden Online-Anbietern, die mehr und mehr Umsatz aus den stationären Geschäften absaugen, ist Verdi bisher de facto nicht vertreten. Nebst Amazon sind Branchengrößen wie der Online-Modeanbieter Zalando oder die Ebay-Tochter Brands4Friends tarif- und Verdi-freie Zonen. Martin Tschopp, Deutschland-Chef von Ebay, wiegt sich in Sicherheit. Da man keine eigenen Lagerstandorte unterhalte, sei die Situation von Amazon nicht auf Ebay übertragbar, sagt er im Interview mit der WirtschaftsWoche.

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Doch der Onlinehandel ist nicht Verdis einzige Baustelle. Denn auch im stationären Handel rumort es gewaltig. Die Warenhausgruppe Globus steigt aus dem Flächentarif aus. In anderen Chefetagen gibt es ähnliche Überlegungen. Düstere Zeiten für die Gewerkschaften.

Da kommt ein Fall wie Amazon für Verdi gerade recht: als Sprungbrett in das Online-Segment und als Drohkulisse für Tarifflüchtlinge. Zudem gibt Amazon einen dankbaren Gegner ab. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Konzern nach der Debatte um den Einsatz von Leiharbeitern angezählt und dringt mit eigenen Botschaften kaum noch durch, geht aus einer Analyse des Marktforschers MediaTenor hervor. Schon jetzt sei ein „deutlicher Imageschaden für Amazon“ erkennbar.

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