Suchtforscher Gerhard Bühringer: "Das Hirn hält viel aus"

InterviewSuchtforscher Gerhard Bühringer: "Das Hirn hält viel aus"

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Der Rausch verändert unsere Wahrnehmung.

von Jana Reiblein

Betrunken fühlen wir uns stärker, trinken uns andere Menschen schön - wie kommt das? Und sterben wirklich Gehirnzellen durch Alkoholgenuss ab? Was der Rausch mit uns macht.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Bühringer, betrunken fühlen wir uns stärker, selbstsicherer, manches Mal trinken wir uns andere Menschen schön – wie macht der Alkohol das?

Gerhard Bühringer: Alkohol hat viele Wirkungen im Gehirn, er beeinflusst alle unsere Sinne durch chemische Reaktionen. Vor allem das kritische Denken geht zurück. Die Wahrnehmung von Sehen bis Hören verschlechtert sich. Häufig nimmt man nur noch das wahr, was man sehen möchte. Probleme werden vergessen. Außerdem wird die Reaktionsgeschwindigkeit drastisch herabgesetzt.

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Was passiert in unserem Körper, wenn wir berauscht sind?

Prof. Gerhard Bühringer von der TU Dresden Quelle: Thorsten Kasper, Studio von der Elbe

Prof. Gerhard Bühringer von der TU Dresden

Bild: Thorsten Kasper, Studio von der Elbe

Es entsteht ein subjektives „High“-Gefühl. Dabei wird die Ausschüttung von Botenstoffen für das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert - ich fühle mich wohl. Aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Alkohol hat eine zweifache Wirkung: In geringen bis mittleren Mengen macht er mich fröhlich. Wenn ich dann weitertrinke, kippt es ins Gegenteil. Ich werde still, orientierungslos, aggressiv oder depressiv.

Sterben wirklich mit jedem Alkoholgenuss Gehirnzellen ab?

Ja – aber das wird häufig übertrieben. In unserem Gehirn sterben täglich Tausende von Zellen und werden neu gebildet. Durch exzessiven Alkoholkonsum genauso wie durch beispielsweise Boxen oder Kopfbälle. Damit es zu dauerhaften Schäden kommt, muss viel über einen langen Zeitraum getrunken werden. Durch indirekte Auswirkungen wie etwa Vitamin-B-Mangel entstehen Krankheiten wie das Korsakow-Syndrom, eine Form von Gedächtnisstörung, wo man wirklich drastische Ausfallerscheinungen hat. Das Hirn hält viel aus – Gott sei Dank. Genauso die Leber. Deshalb spüren Jugendliche und junge Erwachsene auch noch keine Auswirkungen. Doch wenn sie ein Leben lang viel trinken, ist die Leber mit 50 ruiniert.

Zur Person

  • Prof. Dr. Gerhard Bühringer

    Bühringer ist Mitglied in wissenschaftlichen Beiräten und Koordinierungsgremien im Bereich Suchtforschung. Neben zahlreichen weiteren Tätigkeiten ist er zudem Chefredakteur der Zeitschrift "Sucht" und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht und Präsident der International Organisation of Alcohol, Tobacco, other Drugs and Behavioural Addictions Research Associations. Seit 2005 ist er Professor an der TU Dresden und bekleidet aktuell die Professur für Suchtforschung.

Was versteht man eigentlich unter einem Rausch?

Das ist sehr subjektiv. Manche vertragen wenig, manche vertragen viel Alkohol. Rausch bezeichnet generell einen Zustand nach Einnahme von Alkohol oder Drogen, bei dem alle wichtigen menschlichen Funktionen gestört sind wie Bewusstsein, Denken, Fühlen, Wahrnehmen und die Motorik, zum Beispiel Gehen. Ein Rausch kann akute Folgen haben wie Vergiftung, Organversagen oder Unfälle, und langfristige Folgen wie körperlich Erkrankungen, zum Beispiel Leberschäden, und die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit. Für das Risiko langfristiger Erkrankungen und der Abhängigkeit erfassen wir unter anderem die Häufigkeit von Rauschtrinken oder Binge-drinking, definiert in der Forschung als „viel trinken zu einer Gelegenheit“.

Die vier Phasen des Alkohol-Rauschs

  • Phase 1: Euphorie

    Hier kommt es zum Abbau von Hemmungen, man fühlt sich gelöst, locker, gut drauf. Die meisten suchen diesen Zustand - doch es ist schwierig, diese Phase nicht zu übertreten.

  • Phase 2: Eigentlicher Rausch

    Es kommt zu Grenzüberschreitungen im Verhalten, zu Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, auch Stimmungsschwankungen.

  • Phase 3: Benommenheit und Betäubtheit

    Es kommt zu schwerer Beeinträchtigung von Sprache und Motorik sowie zu geistiger Verwirrung.

  • Phase 4: Koma

    Es kommt zu Bewusstlosigkeit und unkontrollierten Ausscheidungen. Atemlähmung und Tod drohen.

Von wie vielen Drinks sprechen wir da?

Bei Männern entspricht das fünf alkoholischen Getränken hintereinander bei einer Gelegenheit, wie zum Beispiel einem Abendessen oder einem Barbesuch. Bei Frauen, die generell weniger Alkohol vertragen, sind es vier. Ein Standardgetränk hat etwa 10 bis 12 Gramm reinen Alkohol. Bei Männern sind das etwa fünf Gläser Bier (1,25 Liter) oder fünf Gläser Wein (0,6 Liter) zu einer Gelegenheit. Um eine Größenordnung des Problems zu geben: Von den 15- bis 16-Jährigen machen das etwa sechs Prozent jeden dritten Tag. Das erhöht das Risiko für eine spätere Alkoholabhängigkeit drastisch. Trinkt ein Jugendlicher vor dem 15. Lebensjahr regelmäßig Alkohol, erhöht sich sein Risiko um das Vierfache gegenüber jemandem, der erst mit 20 regelmäßig trinkt.

Was bedeutet das genau?

Die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit für Erwachsene in Deutschland, eine alkoholbezogene Störung (Missbrauch oder Abhängigkeit) zu entwickeln, liegt bei etwa 6 Prozent oder etwa 3 Millionen Personen. Für Jugendliche bedeutet das bei einem vierfach erhöhten Risiko im Vergleich zu später konsumierenden Personen eine Wahrscheinlichkeit von etwa 20 bis 25 Prozent.

 

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