Süßstoff Stevia: Der Siegeszug der Zucker-Alternative

Süßstoff Stevia: Der Siegeszug der Zucker-Alternative

, aktualisiert 21. August 2017, 10:41 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Limonade, Ketchup, Joghurt: Das Süßungsmittel Stevia wird inzwischen für viele Produkte genutzt. Um den Zucker-Ersatz ist ein Milliardengeschäft entstanden. Forscher sehen aber noch Verbesserungspotenzial.

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Immer mehr Hersteller nutzen Stevia für ihre Produkte.

New YorkIn den vergangenen zehn Jahren ist ein wenig bekanntes Kraut, das 200 Mal süßer ist als Zucker, zu einem 4 Milliarden Dollar schweren Markt geworden. Es ist in inzwischen in vielen Produkten zu finden, von Coca-Cola-Getränken bis hin zu Heinz-Ketchup. Auch Schweizer Unternehmen nutzen es. Kein schlechter Start für ein Produkt, von dem viele Leute meinen, es habe einen bitteren Nachgeschmack.

Die Stevia-Pflanze, die zu einem kalorienlosen Süßungsmittel verarbeitet werden kann, ist als Zucker-Alternative auf dem Siegeszug. Der Verbrauch verdreifachte sich von 2011 bis 2016 nach Angaben des Marktforschers Euromonitor. Obwohl die Pflanze noch immer nur einen kleinen Anteil am Markt für Süßstoffe hat, investieren Unternehmen wie Cargill und ED&F Man mehr – auch, um den Geschmack zu verbessern. Die bittere Note hatte das Wachstum zuletzt ein wenig verlangsamt.

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„Das ist ein Markt, der ein riesiges Wachstumspotenzial hat“, sagt Jonathan Hugh, Leiter des Agrarbereichs beim Londoner Rohstoffhändler ED&F Man, der an dem Süßstoff Unavoo auf Stevia-Basis beteiligt ist. „Wir sehen viele Investitionsmöglichkeiten.“

Die Suche nach einem kalorienarmen Zuckerersatz, der den Geschmack von ikonischen Marken nicht verändert, spiegelt ein langjähriges Ziel der Lebensmittelindustrie wider, nicht zuletzt wegen der globalen Fettleibigkeitsepidemie und steigenden Diabetesraten. Im Laufe der Jahre hatte das zu künstlichen Süßstoffen wie Aspartam, Sucralose und Xylitol geführt. Aber viele Verbraucher berichten über unangenehme Nebenwirkungen dieser Produkte, oder sie sorgen sich um die Einnahme von chemischen Zusätzen.

Stevia, das oft als natürliches Süßungsmittel vermarktet wird, weil es aus Pflanzenextrakten gewonnen wird, hat fast keine Kalorien und einen glykämischen Index von Null. Das bedeutet, dass es von Diabetikern genutzt werden kann.

Stevia ist nach einem spanischen Botaniker benannt, gehört zur Sonnenblumen-Familie und wächst in Südamerika seit Hunderten von Jahren. Bis 2008 bekam die Pflanze nicht viel Aufmerksamkeit, doch dann führte Cargill – einer der weltweit größten landwirtschaftlichen Betriebe – den Stevia-basierten Süßstoff Truvia in den USA ein.


Tausende Nahrungsmittel enthalten inzwischen Stevia

Die Nachfrage beschleunigte sich danach. Im Jahr 2011 wurde von der Europäischen Union die Anwendung von Stevia in Lebensmitteln genehmigt. Es ist jetzt in Salatdressings, Kaugummi und sogar Gesichtswischtüchern für Babys zu finden. Die Pflanzen, die bei sonnigen, warmen Bedingungen gedeihen, werden heute auch in Paraguay, Kenia, China, den USA, Vietnam, Indien, Argentinien und Kolumbien angebaut.

Mehr als 10.000 Stevia-haltige Nahrungsmittel- und Getränkeprodukte wurden in fünf Jahren eingeführt. Das geht aus Daten von Pure Circle hervor, einen in Malaysia ansässigen Stevia-Hersteller.

Nestlé, der weltweit größte Nahrungsmittelkonzern, benutzt Stevia in Fruchtsaft in Brasilien, in Kaffeemischungen in Südkorea und bei der Marke Nestea. Lindt & Sprüngli, der größte Hersteller von Premiumschokolade, sagt, dass seine Sparte Russell Stover Stevia-gesüßte Schokolade in den USA im Herbst vorstellen wird. Und Coca-Cola und PepsiCo – die größten Soda-Hersteller – nutzen den Stoff bei Diät-Getränken.

Cargill plant, 2018 die nächste Generation von Stevia vorzustellen, genannt „EverSweet“. Dieser Süßstoff lässt sich nach Angaben des Unternehmens leichter in großen Mengen produzieren und hat keine Geschmacksspuren von Lakritze-Aromen. ED&F Man arbeitet derweil in diesem Jahr an einem neuen Produkt, das „praktisch ununterscheidbar“ von Zucker sei. Archer-Daniels-Midland, einer der größten Produzenten von High-Fructose-Maissirup, experimentiert mit Verbesserungen an der Marke Sweetright.

Stevia könnte die beste Chance der Branche sein, den Konsum von Zucker zu reduzieren, von dem sich viele Verbraucher in den vergangenen Jahren nur ungern trennen mochten. „Es gibt diesen Krieg gegen Zucker, daher ist Stevia gut positioniert“, sagt Sara Girardello, Leiterin der hochintensiven Süßstoffforschung bei LMC International in Oxford. „Jeder ist jetzt hier aktiv.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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