Tarifstreit im Einzelhandel: Warum Amazon für Verdi so wichtig ist

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Tarifstreit im Einzelhandel: Warum Amazon für Verdi so wichtig ist

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Mit einem Mix aus Streiks und Reformen will Verdi den Tarifexodus nun stoppen und den Dauerkonflikt mit Amazon neu entfachen.

von Henryk Hielscher

Beim Deutschen Handelskongress in Berlin feiert sich die Branche als Jobmotor und Wachstumstreiber. Doch hinter den Kulissen rumort es: Immer mehr Unternehmen verabschieden sich aus der Tarifbindung. Mit einem Mix aus Streiks und Reformen will Verdi den Tarifexodus nun stoppen und den Dauerkonflikt mit Amazon neu entfachen.

Das Hinterzimmer im Hotel Melia an der Berliner Friedrichstraße war fast zu klein, um die Egos der Handelsgranden zu fassen, die sich am 15. Juni zum vertraulichen Branchen-Tête-à-Tête versammelt hatten. Chefs und Topmanager von Aldi, Lidl, Edeka und Metro waren dabei. Auch der mächtige Verdi-Boss Frank Bsirske kam. Für den Handelsverband Deutschland (HDE) nahm Hauptgeschäftsführer Stefan Genth teil. Es ging um ein Politikum: Nachdem sich jahrelang immer mehr Handelskonzerne aus der Tarifbindung verabschiedet hatten, wollte die Runde einen neuen Anlauf starten, den Exodus der Unternehmen aus dem Tarifsystem zu stoppen.

Konkrete Ergebnisse gab es nicht. Umso spannender werden die kommenden Monate. In ihnen wird sich entscheiden, ob in einer der größten Branchen des Landes der Tarif künftig für gleiche Wettbewerbsbedingungen sorgen wird. Arbeiten die Unternehmen und die drei Millionen Beschäftigten, ob im Laden oder im Internet, künftig nach gleichen Standards? Oder werden die Tarifverhandlungen zu Folkloreveranstaltungen für eine Restminderheit?

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Amazons deutsche Logistikzentren

  • Bad Hersfeld

    Im hessischen Bad Hersfeld hat Amazon gleich zwei Logistikzentren. Dort wurde 1999 das erste Logistikzentrum innerhalb von Deutschland eröffnet. Zehn Jahre später folgte ein zweites Zentrum.

  • Leipzig

    Das Zentrum in Leipzig gibt es seit 2006 und ist so groß wie elf Fußballfelder. Dort sind 2000 Arbeitskräfte festangestellt.

  • Werne

    Der Logistikstandort Werne wurde 2010 eröffnet, ein Jahr später wurde eine weitere Halle eröffnet. Die Gesamtfläche ist so groß wie 19 Fußballfelder. Für 2017 ist ein kompletter Neubau geplant.

  • Rheinberg

    In Rheinberg hat Amazon mehr als 1700 Mitarbeiter. In der Weihnachtszeit kommen 1800 Saisonkräfte hinzu. Das Zentrum gibt es seit 2011.

  • Graben

    Mit 110.000 Quadratmetern oder 17 Fußballfeldern an Lagerfläche stellt Graben bei Augsburg eines der größten deutschen Logistikzentren von Amazon. Sechs Lagerhallen umfasst das Versandzentrum, das es seit 2011 gibt.

  • Koblenz

    Das Logistikzentrum in Koblenz wurde 2012 eröffnet und umfasst rund 17 Fußballfelder an Lagerfläche. Dort hat Amazon mehr als 1000 Mitarbeiter und stellt jedes Jahr doppelt so viele Saisonkräfte ein.

  • Pforzheim

    Das Logistikzentrum in Pforzheim gibt es seit Herbst 2012. Dort hat Amazon 1000 Mitarbeiter. In der Weihnachtszeit werden doppelt so viele Saisonkräfte eingestellt. Das Gelände ist 110.000 Quadratmeter groß.

  • Brieselang

    Brieselang ist der neueste Standort von Amazon in Deutschland. Er wurde im Herbst 2013 eröffnet. Mit einer Größe von umgerechnet 10 Fußballfeldern gehört er zu den kleinsten Standorten.

Wenn sich diesen Mittwoch und Donnerstag Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Sigmar Gabriel und EU-Kommissar Günther Oettinger ein Stelldichein beim Deutschen Handelskongress in Berlin geben, wird davon wenig zu hören sein. Stattdessen darf sich Branche, in der deutschlandweit rund drei Millionen Menschen beschäftigt sind, als „Jobmotor“ und „Wachstumstreiber“ feiern lassen. Gerade erst hat der HDE seine Prognose angehoben und rechnet mit dem stärksten Wachstum seit zwei Jahrzehnten. Der Umsatz im Einzelhandel werde 2015 um 2,7 Prozent auf rund 471 Milliarden Euro steigen.

Real vor Ausstieg aus der Tarifbindung

Doch die guten Zahlen täuschen darüber hinweg, dass es bei vielen Unternehmen gewaltig rumort, weil Tarifbindung und Tariflosigkeit zunehmend den Wettbewerb verzerren. War im Jahr 2000 noch gut die Hälfte aller Handelsbetriebe tarifgebunden, ist es heute nur noch jedes vierte Unternehmen. Selbst Traditionshändler wie Karstadt und Globus kappten die Verträge, mal um die Gehälter zu drücken, mal um Arbeitskräfte flexibler einzusetzen. Um durch höhere Personalkosten nicht ins Hintertreffen zu geraten, kündigte etwa Metro-Chef Olaf Koch im Juni den Ausstieg seiner SB-Warenhaustochter Real aus der Tarifbindung an.

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Umso härter nimmt Verdi die Tarif-Flüchtlinge ran. Am vergangenen Montag wurden 13 Real-Märkte bestreikt. Auch die Billigmodeketten Kik und Primark, die Obi-Baumärkte sowie der Spielzeuganbieter Toys’R’Us werden zu Zielscheiben. Im Zentrum aber steht der Streit mit dem Internetgiganten Amazon. „Im Weihnachtsgeschäft sollte das Amazon-Management auf alles gefasst sein“, kündigt Stefan Najda an, der bei der Gewerkschaft für den Versandhandel zuständig ist.

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